Ein Pfleger arbeitet in einem Krankenhaus an einem Computer | dpa

Modernisierung der Pflege Alles digitaler, alles besser?

Stand: 06.07.2021 15:34 Uhr

Wie im Gesundheitswesen soll nun auch in der Pflege vieles digitaler werden. Das könnte zwar die Pflegekräfte entlasten - doch löst es auch das Problem der mangelnden Anerkennung?

Von Iris Völlnagel, SWR

Manche Aufgaben würde Heimleiterin Monja Lautersbach ihren Altenpflegekräften gern ersparen. Etwa diese: Kommt ein neuer Bewohner aus dem Krankenhaus in ihr Heim, bringt er einen ausgedruckten Entlassungsbericht mit. "Diese Daten und Informationen müssen wir alle in unser System einpflegen", erzählt die Heimleiterin des Seniorenzentrums "An der Parkinsel" in Ludwigshafen. 146 ältere Menschen werden hier von rund 70 Pflegekräften betreut.

Iris Völlnagel

"Das Übertragen ist fehleranfällig, und es sind Arbeitsschritte, wo ich denke: Warum sollen wir das jetzt alles nochmals abtippen?" Nicht selten ist das Abschreiben sehr aufwendig, weil ältere Menschen viele Diagnosen und Behandlungen in ihrem Leben gehabt haben. Das alles kostet Zeit, findet die Heimleiterin. Zeit, die ihre Pflegekräfte lieber mit den Senioren verbringen könnten.

Pflege auf der Datenautobahn

Nicht viel besser sei die Kommunikation mit Ärzten und Apotheken, so die Heimleiterin. Die laufe größtenteils noch über Fax. Weil nicht jede Handschrift gut leserlich sei, müsse man dann nachfragen - sonst entstehen Fehler. "Es wäre so viel einfacher, wenn wir auf eine gemeinsame Plattform zugreifen könnten, wo jeder die aktuellen Informationen hat", so Lautersbach.

Noch sind solche Plattformen Zukunftsmusik. Doch sie sollen kommen, wenn auch vorerst testweise in einem Modellprojekt, bei dem es darum geht, stationäre wie ambulante Pflegeeinrichtungen an die Telematikinfrastruktur (TI) anzubinden. Die TI sei eine Art Datenautobahn fürs Gesundheitswesen, erklärt Thorsten Blocher, Business Development Manager bei der CompuGroupMedical, eigenen Angaben zufolge eines der führenden eHealth-Unternehmen weltweit. Betrieben wird diese "Autobahn" von der gematik GmbH. Zu ihren Gesellschaftern zählen neben dem Bundesministerium für Gesundheit unter anderem auch der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung sowie Vertreter von Ärzten, Zahnärzten und Apothekern.

"Sicher wie ein Einschreiben"

Statt über Fax oder E-Mails sollen Pflegeeinrichtungen mit Arztpraxen oder Kliniken künftig über den KIM-Fachdienst kommunizieren. KIM steht für "Kommunikation im Medizinwesen". Es funktioniert genauso einfach wie ein herkömmliches Mailprogramm, ist aber wesentlich sicherer. "Das entspricht einem Einschreiben mit Rückschein, und die Inhalte im Umschlag sind alle verschlüsselt. Selbst wenn Sie den Umschlag öffnen, können Sie nichts damit anfangen, es sei denn, Sie sind Absender oder Empfänger", erklärt Blocher. Über die Datenautobahn sollten künftig auch die Elektronische Patientenakte, das E-Rezept oder die Elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (EAU) abgewickelt werden.

Auch die DOMICIL Seniorenresidenzen, zu denen die Einrichtung in Ludwigshafen gehört, haben sich für das Modellprojekt beworben. Bis 2024 soll in den beteiligten Einrichtungen erprobt werden, wie digitale Pflegedokumentation funktioniert, welche Hardware (Tablets oder Smartphones) dafür benötigt wird und ob es dadurch tatsächlich zu der erhofften Zeitersparnis kommt. Zehn Millionen Euro an Bundesmittel sollen dafür bereitgestellt werden. Die Modellvorhaben werden wissenschaftlich begleitet und evaluiert. In ihren Einrichtungen sei die Bereitschaft der Pflegekräfte groß bei dem Modellversuch mitzumachen, weiß Steffi Neumann, Qualitätsmanagerin bei DOMICIL Seniorenresidenzen Hamburg.

Pflege braucht Qualitätsstandards

Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats e.V., befürchtet, es könnte bei der Einführung digitaler Systeme mehr um Effizienz und Kosteneinsparungen als um Qualität und bestmögliche Versorgung der Pflegebedürftigen gehen. "Wenn ein Dokumentationssystem ein anderes ablöst, jetzt nur digital ist und keinen Mehrwert hat, dann muss man sich fragen, ob das sinnvoll ist", sagt Vogler. Digitale Systeme sollten auch angeben können, wenn ein Medikament neu bestellt werden muss oder das Verbandsmaterial zu Ende geht. In einem mehrseitigen Papier fordert der Dachverband der Pflegeverbände deshalb einen nationalen Strategieplan. Hinzu komme die unzureichende Netzabdeckung in vielen Bundesländern.

Grundlage für das Modellprojekt sind eine Reihe von Gesetzen, die Gesundheitsminister Jens Spahn in den vergangenen Jahren auf den Weg gebracht hat. Eines der letzten ist das Digitale Versorgung-und Pflege-Modernisierungsgesetz (DVPMG). Es sieht vor, dass - nach den Krankenhäusern und Arztpraxen - nun auch Pflegeeinrichtungen bis zum 01.01.2024 an die TI angeschlossen sein soll.

Eine Rentnerin hält ein Smartphone in der Hand | dpa

"Sonst ziehe ich wieder aus": Für viele alte Menschen ist ein Internetzugang mittlerweile ein Grundbedürfnis. Bild: dpa

Digitale Angebote in der Altenpflege  

Darüber hinaus sind digitale Angebote für Senioren ein wachsender Markt. Viele junge Startups und Digitalfirmen haben die Senioren als Kunden für sich entdeckt. "Da gibt es unterschiedlichste Angebote - viele können helfen, viele sind aber noch nicht zu Ende gedacht. Es fehlt an Abstimmung unter den Systemen", meint Pflegeratspräsidentin Vogler. So gibt es Apps, die helfen sollen, Stürze zu vermeiden; Teppiche, die Bewegungsmuster aufnehmen; hoch- oder niederfahrbare Küchenzeilen; Schränke, die von allein aufgehen; Spiegel, die Demenzerkrankten sagen, wie das Wetter heute ist. Ob das alles so gebraucht wird, sei zu hinterfragen, so Vogler. "Wichtig wäre es, Apps zu entwickeln, die in der Kommunikation zwischen Ärzten, Therapeuten und Pflegenden unterstützen - zum Wohle der Pflegebedürftigen."

Dass ältere Menschen gerne am digitalen Leben teilnehmen möchte, weiß Rudolf Kaspari aus Mayen in der Eifel. Als Digitalbotschafter berät er ehrenamtlich Senioren beim Kauf eines für sie geeigneten Tablets, zeigt, wie man E-Mails oder Apps einrichtet, um mit Familienangehörigen oder Freunden zu kommunizieren. "Hauptsächlich die ganz einfachen Dinge", so der Digitalbotschafter. Trotz des Interesses der älteren Menschen ist Kaspari immer wieder erstaunt: Noch immer gebe es Altenheime, die ihren Bewohnern noch nicht einmal WLAN anbieten. Das kann sich Heimleiterin Lautersbach gar nicht vorstellen. Sie erzählt von einem 92-Jährigen, der bei seinem Einzug sofort nach dem Internet fragte. Das brauche er, um mit seinen Freunden zu kommunizieren: "'Sonst ziehe ich wieder aus.'"

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell Radio am 10. März 2020 um 07:38 Uhr.