Ein Mitarbeiter entnimmt einem Drucker einen Ausdruck in einer Filiale der Handwerkerkette Würth. | Würth

24-Stunden-Läden Shoppen - jederzeit und ohne Personal

Stand: 14.10.2021 08:44 Uhr

Einkaufen, wann immer man will, und zwar direkt im Laden - rund um die Uhr, jeden Tag: Bei einigen Händlern ist das schon Realität. Das Geschäft ist ein Erfolgsmodell, aber es wird auch kritisiert.

Von Georg Filser, SWR

Bekannt geworden ist die Würth-Gruppe mit dem Verkauf von Schrauben. Heute handelt das Unternehmen weltweit mit allen möglichen Materialien, die Handwerker brauchen. Damit die Kunden immer an Schrauben, Dübel und sonstigen Bedarf kommen, hat Würth 24-Stunden-Läden aufgemacht. Den ersten bereits 2018 in Vöhringen in Bayern. Inzwischen gibt es 23 Läden.

Ein Konzept im Sinne der Kundschaft?

"Durch die verlängerten Öffnungszeiten sind wir näher an unseren Kunden. In der heutigen Zeit verschwimmen die klassischen Zeitrechnungen immer mehr, dadurch sind auch viele Handwerker und Servicetechniker am Abend, in der Nacht oder am Samstag tätig. Durch WÜRTH24 können wir somit auch diese Kundengruppen bei Ihrer Tätigkeit unterstützen", sagt Matthias Glaser, Leiter der Niederlassungsexpansion von Würth. Die Kunden bekommen so auch außerhalb der normalen Geschäftszeiten über 4500 Produkte. Alles, was sie dafür brauchen, ist eine App. Mit ihrer Hilfe wird ein QR-Code generiert, mit dem der Laden geöffnet werden kann.

Beim Betreten des Geschäfts wird der Kunde dann durch einen Lautsprecher namentlich begrüßt. Die Kunden holen sich ihre Ware aus den Regalen und legen sie an der Kasse auf ein Förderband. Dort werden die Waren von einem Tunnelscanner erkannt. Danach bekommt der Kunde einen Rechnungsbeleg, ein grünes Licht gibt ein Signal, dass der Laden verlassen werden darf. Die Waren selbst sind allesamt mit einer Sicherung versehen. Versucht ein Kunde, den Laden zu verlassen, ohne die Ware vorher eingescannt zu haben, wird ein Alarm ausgelöst. So ist das Geschäft gegen Diebstahl gesichert. Der zu zahlende Betrag wird dann in Rechnung gestellt. Das alles funktioniert ohne Personal. Bei Würth betont man, dass das Konzept eine Ergänzung für das bisherige Serviceangebot sein solle.

ver.di kritisiert die 24-Stunden-Läden

Nicht überzeugt vom Konzept ist Bernhard Franke vom Fachbereich Handel der Gewerkschaft ver.di in Baden-Württemberg: "Würth experimentiert offenbar - wie viele andere Einzelhandelskonzerne - mit neuen, technologisch getriebenen Vertriebsformen. Solche unbemannten und begehbaren 'Verkaufsautomaten' hat zum Beispiel Amazon in den USA getestet. Ich kann nur spekulieren, ob damit Investitionsmöglichkeiten für das reichlich vorhandene Kapital gesucht werden oder ob die Entwicklung solcher Konzepte ein neues Geschäftsfeld des Technologie-Konzerns ist."

Franke fürchtet außerdem, dass Würth sich von Öffnungszeiten unabhängig machen und künftig auf Personal verzichten will. Das könne, sofern es immer mehr vollautomatische Läden gebe, zu massiven Arbeitsplatzverlusten in der Branche führen. Würth-Niederlassungsleiter Glaser versichert dagegen: "Die bestehenden Öffnungszeiten von WÜRTH24-Niederlassungen bleiben unverändert und sind während der regulären Öffnungszeiten wie bisher mit Mitarbeitenden besetzt. Wir setzen auf kompetente Beratung, und dabei ist der Faktor Mensch für uns unabdingbar." Außerdem investiere man viel Zeit und Geld, um Mitarbeitende weiterzubilden und ihnen Tätigkeitsbereiche in den Niederlassungen zu erhalten.

Ein Konzept für die Zukunft?

Bei Würth ist man sich sicher, dass das Konzept der 24-Stunden-Läden Zukunft hat. Man spricht von einem "absoluten Erfolgsmodell" Bis Ende 2022 soll es deutschlandweit 50 solcher Läden geben - etwa doppelt so viele wie heute. Gewerkschafter Franke sieht für die vollautomatisierten Geschäfte allenfalls an bestimmten Orten gute Chancen: "An Standorten, die rund um die Uhr stark frequentiert sind, wie Flughäfen, Bahnhöfen et cetera - oder vielleicht in Großbetrieben. Eine echte Alternative zum gut geführten stationären Einzelhandel sehe ich nicht. Es gilt, die Kundenbedürfnisse nach Qualität, Service, Beratung, Einkaufserlebnis zu befriedigen. Das kann so umfassend weder der Onlinehandel noch ein Automatenshop."

Letztendlich liege es aber an den Kundinnen und Kunden selbst, ob sich diese Verkaufsform durchsetze, meint Franke. Denn diese müssten darüber nachdenken, ob sie mit der Akzeptanz solcher Vertriebsformen zum teilweisen Verschwinden des Einzelhandels beitragen wollen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 03. August 2021 um 13:20 Uhr.