Häuser und große Autos in den Vororten von Los Angeles

Internationale Einkommensstudie US-Mittelschicht verliert Spitzenplatz

Stand: 23.04.2014 17:25 Uhr

Jahrzehntelang waren die USA das Land, in dem die Mittelschicht im weltweiten Vergleich am besten verdiente. Diesen Spitzenplatz hat Amerika in den vergangenen Jahren verloren, wie aus einem internationalen Einkommensvergleich hervorgeht.

Von Martin Ganslmeier, NDR-Hörfunkstudio Washington

Das Ergebnis der Studie stieß in den USA auf ein breites Medienecho: "Die Vorstellung, dass die amerikanische Mittelklasse deutlich wohlhabender als in anderen Teilen der Welt ist, stimmt nicht mehr", brachte der Harvard-Ökonom Lawrence Katz das ernüchternde Ergebnis in der "New York Times" auf den Punkt. "1960 waren wir viel reicher als alle anderen. 1980 waren wir reicher. In den neunziger Jahren gerade noch reicher", so Katz. Aber seit 2010 sei dies nicht mehr der Fall.

Martin Ganslmeier

Jetzt liegt Kanadas Mittelschicht vorne

Die von der "Times" in Auftrag gegebene Studie vergleicht die Einkommensentwicklung von 30 Industrienationen in den Jahren 1975 bis 2010. Obwohl die Vereinigten Staaten in diesem Zeitraum das größte Wirtschaftswachstum hatten und Amerikas Top-Verdiener immer reicher wurden, blieben die Löhne für die amerikanische Mittelklasse seit der Jahrtausendwende praktisch unverändert. Mittlerweile ist Kanada das Land mit der wohlhabendsten Mittelschicht der Welt und auch die mittleren Einkommen in den westeuropäischen Ländern Großbritannien, Schweden und Niederlande haben fast mit den USA gleichgezogen.

Häuser und große Autos in den Vororten von Los Angeles

Wie in den Vororten von Los Angeles konnte sich die US-Mittelschicht früher meist große Häuser und Autos leisten.

Nur in einem großen Industrieland konnte die Mittelschicht ihren Abstand gegenüber Amerika nicht verringern: In Deutschland stagnierten - ähnlich wie in den USA - die Löhne der Mittelklasse in den Jahren 1995 bis 2010. Noch schlechter verlief die Entwicklung für die unteren Einkommensklassen in den USA. Geringverdiener in Amerika müssen mittlerweile mit deutlich weniger Geld auskommen als die in Kanada oder Westeuropa. In den siebziger Jahren war dies noch umgekehrt.

Top-Verdiener werden reicher, Geringverdiener ärmer

Dennoch liegt Amerika in der Wirtschaftsleistung pro Kopf weiterhin unangefochten vorne. Auch dafür hat die Studie eine Erklärung: Nirgendwo sonst werden die fünf Prozent der Top-Verdiener so gut bezahlt wie in den USA. Sie verdienen 20 Prozent mehr als in Kanada und 50 Prozent mehr als in den Niederlanden. Für die wachsende Einkommensschere in Amerika macht die "New York Times" mehrere Gründe verantwortlich: Die Krise im US-Bildungssystem habe dazu geführt, dass die schulischen Leistungen junger Amerikaner im weltweiten Vergleich nur noch durchschnittlich sind.

Eine weitere Ursache sei die ungleiche Bezahlung in amerikanischen Firmen: Während die Managergehälter steil nach oben gingen, wurde beim Gros der Beschäftigten gespart. Schließlich benachteilige auch die Steuerpolitik in den USA die Mittelschicht: Im Unterschied zu anderen Industrieländern gibt es im US-Steuersystem eine deutlich geringere Umverteilung zugunsten mittlerer und niedriger Einkommen. Dadurch wurden in den vergangenen Jahrzehnten die Besserverdienenden immer reicher, während die breite Mittelschicht stagnierte. Und bei Geringerverdienenden reicht oft das Einkommen trotz eines Ganztagsjobs nicht mehr aus, um eine Familie zu ernähren.