VW Chef Oliver Blume beim Börsengang von Porsche | picture alliance/dpa
Interview

Porsche-Chef Blume "Ganz persönlich sehr emotional"

Stand: 29.09.2022 13:31 Uhr

Porsche-Aktien werden seit heute an der Frankfurter Börse gehandelt - es war der größte Börsengang seit Jahrzehnten. Konzernchef Blume spricht im Interview mit tagesschau.de deshalb von einem "historischen Tag".

tagesschau.de: Oliver Blume, als Chef von Porsche war es heute ein großer Tag für Sie: der Börsengang. Wie war es für Sie, die Glocke zu läuten?

Oliver Blume: Ja, ganz emotional. Heute ist ein historischer Tag. Die Porsche AG ist zurück an der Börse: für uns ganz persönlich sehr emotional. Und für mich ist eine große Ehre, für unsere ganze Mannschaft hier zu stehen, die einen tollen Job gemacht hat.

tagesschau.de: Sind Sie zufrieden mit dem ersten Kurs?

Blume: Da fiebert man natürlich immer hin. Und ja, wir waren positiv überrascht, dass er gleich toll nach oben gestiegen ist. Und das zeigt ganz einfach, wie viel Potenzial in unserem Unternehmen steckt.

tagesschau.de: Und das auch noch in dem Börsenumfeld. Sie hätten sich sicher ein besseres Umfeld gewünscht?

Blume: Das Umfeld im Moment ist sicherlich schwierig, aber wir haben in den letzten Jahren bewiesen, dass wir mit Porsche sehr robust durch die vielen Krisen gefahren sind. Und das ist natürlich auch eine große Motivation für die vielen Anleger. Kapital ist im Markt, und Anleger sehnen sich nach sicheren, zukunftsträchtigen Werken. Und dafür stehen wir mit der Porsche AG.

"Win-Win-Situation" für Porsche und VW

tagesschau.de: Kommen wir zu den Gründen des Börsengangs: War es einfach zu eng mit VW, als dass man sich mit Porsche hätte entwickeln können?

Blume: Das ist am Ende eine Win-Win-Situation. Für den Volkswagen-Konzern bedeutet es frisches Kapital, um die Transformation zu finanzieren. Für die Porsche AG ist es jetzt mit der gewonnenen Eigenständigkeit die Möglichkeit, noch mehr Geschwindigkeit zu entwickeln. Und Geschwindigkeit ist das, was zählt in der starken Transformation, die unsere Branche aktuell erlebt.

tagesschau.de: Was geschieht mit dem Geld, das durch in Börsengang reinkommt? Einiges fließt auch an die Familien Piech und Porsche - aber der Rest, der ins Unternehmen geht?

Blume: In erster Linie ist es für den Volkswagen-Konzern. Wir werden damit Transformationsthemen finanzieren. Das sind Batteriefabriken, das ist Software, das sind neue Plattformen und neue Produkte. Und natürlich ist es auch etwas, was wir an die Mitarbeiter zurückgeben wollen vom Erfolg. Das werten wir jetzt aus nach dem Erfolg des Börsengangs. Das war uns bisher immer sehr wichtig, dass die tolle erarbeitete Leistung dann auch honoriert wird.

tagesschau.de: Die ganze Autobranche steht vor enormen Herausforderungen und auch vor Investitionen, eben in Forschung und Entwicklung, fürs E-Auto und fürs autonome Fahren. Wäre es da nicht besser gewesen, das gemeinsam mit VW zu stemmen - also Porsche und VW weiter im Verbund?

Blume: Das ergänzt sich ideal. Mit der gewonnenen Eigenständigkeit und der Geschwindigkeit, die wir jetzt bei Porsche bekommen, unterstützen wir natürlich auch Volkswagen. Volkswagen wird in Zukunft von den Dividenden profitieren, damit die Transformation finanzieren. Porsche selbst hat ein sehr robustes, sehr starkes finanzielles Profil, so dass wir in der Lage sind, unsere Transformation selbst zu stemmen. Und am Ende haben beide Unternehmen das gleiche Interesse, Porsche nachhaltig wertschaffend für die Zukunft zu entwickeln.

tagesschau.de: Also wird man eng verdrahtet bleiben?

Blume: Wir sind auf der einen Seite getrennte Unternehmen, werden aber in Zukunft ganz eng weiterhin miteinander zusammenarbeiten. Die Porsche AG wird in Zukunft auch von den Skaleneffekten des Volkswagen-Konzerns profitieren können, wenn es um die Bündelung von Einkaufsvolumen geht, die Nutzung von Komponenten, Technologien, aber auch von Fabriken. Und das Gleiche geht in beide Richtungen. Dass Porsche dann auch den Volkswagen-Konzern unterstützen wird.

"Wir haben Krisen-Robustheit gezeigt"

tagesschau.de: Porsche hat eine hohe Börsenbewertung, eigentlich fast so groß wie VW. Rechnen Sie sich da Chancen auf den DAX aus?

Blume: Ja, für Porsche selbst ist es vom Kapitalmarkt-Wert gemessen der größte Börsengang in Europa aller Zeiten, und für den Volkswagen-Konzern hat er sicherlich auch positive Aspekte. Wir werden uns aus dem Volkswagen-Konzern auch sehr genau ansehen, wo wir die großen Hebel für den Kapitalmarkt haben. Wir haben fantastische Marken Audi, Volkswagen, wir haben Lamborghini Bentley, um nur einige zu nennen. Und da steckt noch sehr viel Potenzial drin.

tagesschau.de: Ist diese extrem hohe Bewertung gerechtfertigt?

Blume: Für Porsche halten wir sie für gerechtfertigt, weil wir glauben, dass wir in den letzten Jahren Porsche toll entwickelt haben. Technologisch nachhaltig, aber auch besonders finanziell. Wir haben Krisen-Robustheit gezeigt und uns sehr ambitionierte Ziele für die Zukunft vorgenommen. Und insofern wird dieses Potenzial gerade bewertet.

tagesschau.de: Die Umsätze aber zum Beispiel, wenn man Porsche mit VW vergleicht, sind deutlich geringer.

Blume: Der Kapitalmarkt konzentriert sich sehr stark auf Cashflows, konzentriert sich sehr stark auf Renditen. Und da steckt einiges in Porsche, und wir haben dort für die Zukunft auch noch einmal weitere Potenziale aufgezeichnet.

tagesschau.de: Warum sollten Anleger Porsche-Aktien kaufen? Sie haben keine Stimmrechte auf der Hauptversammlung, können also am Ende nicht mitbestimmen.

Blume: In erster Linie ist es eine ikonische Marke mit fantastischen Produkten, wo viel Emotionalität natürlich auch eine Rolle spielt. Auf der anderen Seite zeigt das finanzielle Profil, das wir bei Porsche haben, sehr viel Potenzial für die Zukunft. Wir stehen für modern interpretierten Luxus, der stark mit Nachhaltigkeit verbunden wird. Dort geht es auch um Werte. Und das begeistert unsere Kunden. Aber in Zukunft natürlich auch unsere Anleger.

tagesschau.de: Ist also Porsche eher eine Luxus-Aktie als einer Autoaktie?

Blume: Porsche ist eine emotionale Aktie, und da spielt viel mit rein: das sind die Produkte, die Menschen, die Kultur des Unternehmens, aber auch das klare Bekenntnis für Nachhaltigkeit.

Zwei Unternehmen, ein Chef

tagesschau.de: Jetzt haben sie eine Riesenaufgabe, zwei Unternehmen zu leiten - da gab es viel Kritik im Vorfeld -, und vielleicht sind es auch irgendwann zwei DAX-Unternehmen. Glauben Sie nicht, dass es da Interessenskonflikte gibt? Was für das eine Unternehmen vielleicht gut ist, muss nicht für das andere gut sein.

Blume: Erstmal ist es gar nicht unüblich in der Automobilindustrie, dass man einen Konzern führt - von der strategischen Flughöhe und ein operatives Unternehmen: Das sehen wir an anderen Stellen mit vielen Beispielen. Auf der anderen Seite haben wir jetzt durch den Porsche-IPO die Möglichkeit, dass wir zwei komplett voneinander getrennte Unternehmen fahren, und wir werden damit Interessenkonflikte vermeiden. Sollte es mal zu Konflikten kommen, werde ich mich neutral verhalten. So haben wir das in den letzten Monaten auch gemacht zwischen der Volkswagen AG und der Porsche AG. Dort haben mein Kollege Lutz Meschke und ich die Porsche AG vertreten, meine Kollegen bei Volkswagen dann die Belange des Konzerns. Und das werden wir in Zukunft auch ganz vernünftig hinbekommen,

tagesschau.de: Heißt für sie aber auch einen riesigen Arbeitsaufwand. Wie lange ist so ihr Arbeitstag? Ist das zu stemmen?

Blume: Das ist natürlich immer eine Organisationsfrage. Aber ich war in den letzten Jahren natürlich auch schon im Volkswagen-Konzernvorstand, habe alle Termine mitgemacht, die ich in Zukunft auch machen werde. Das werde ich in Zukunft in einer anderen Rolle machen, werde auch Themen abgeben wie die Konzernproduktion, die ich in den vergangenen Jahren gemacht habe, die auch sehr komplex ist. Und es geht immer um die Priorisierung, die richtigen Themen richtig zu machen.

tagesschau.de: Und es ist eben die Frage, wenn man Interessenskonflikte bedenkt, für wen entscheidet man sich dann im Konfliktfall - für Porsche oder VW?

Blume: Erstmal werden wir diese Interessenskonflikte vermeiden. Das gibt schon die Struktur her. Und sollte es dann tatsächlich mal zu einem solchen kommen, dann werde ich mich neutral verhalten.

tagesschau.de: Und was werden Sie fahren? Welchen Wagen in Zukunft: VW oder Porsche?

Blume: Ich bin in der tollen Situation, dass ich alle Produkte unseres Konzerns testen kann. Da sind viele fantastische Marken dabei. Aktuell fahre ich natürlich auch Porsche. Aber das wird sich dann in Zukunft auch ändern, dass ich alles teste. Ich bin ein absoluter Autofan, und kann mich dort für alles begeistern.

Das Interview führte Bettina Seidl, ARD-Börsenstudio

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 29. September 2022 um 12:30 Uhr.