Ein Lkw mit Elektroantrieb auf der Nutzfahrzeugmesse IAA Transportation in Hannover | dpa

Start der IAA Transportation "Grüne Welle" in der Brummi-Branche

Stand: 20.09.2022 08:20 Uhr

Noch fahren wenig Elektro- und Wasserstoff-Lkw auf deutschen Straßen. Das soll sich bald ändern. Auf der heute beginnenden Nutzfahrzeugmesse IAA Transportation werden zahlreiche neue E-Trucks präsentiert.

Von Rezession spüren die Manager der Lkw-Branche derzeit nichts. Im Gegenteil: "Wir haben einen Rekordauftragsbestand", verkündete Daimler-Truck-Chef Martin Daum kurz vor dem Start der Messe IAA Transportation in Hannover. "Wir sind in den USA bis März nahezu ausverkauft, in Europa bis Mitte nächsten Jahres."

"Kunden sind gut ausgelastet"

Auch MAN-Chef Alexander Vlaskamp sieht in der Branche aktuell keine Rezession. "Die Fahrzeuge unserer Kunden sind gut ausgelastet, wir haben einen hohen Auftragsbestand", sagte er dem "Handelsblatt". Die steigenden Energiekosten und der Fahrermangel seien ein Anreiz für Logistikunternehmen, die - im Schnitt 13 Jahre alten nicht mehr effizienten - Fahrzeuge zu wechseln.

Noch setzen die meisten Spediteure auf Diesel-Lkw. Denn diese sind in der Anschaffung drei Mal so billig wie ein Elektro-Truck. Doch die zunehmenden staatlichen Vorschriften dürften mittel- und langfristig zu einem schleichenden Abschied vom Diesel-Motor führen. Bis 2025 müssen die Lkw-Hersteller den durchschnittlichen CO2-Ausstoß um 15 Prozent senken. Bis 2030 könnten es sogar 30 Prozent werden. Diese Klimaschutz-Ziele sind nur mit Batterie oder Brennstoffzelle zu erreichen.

Dementsprechend rüsten sich die Hersteller für die Antriebswende. "Wir gehen davon aus, dass 2030 die Hälfte unserer verkauften Lkw mit Strom fahren wird", prophezeit MAN-Chef Vlaskamp. Ab 2025 könnten die Gesamtbetriebskosten für Batterie-Lkw im Schnitt zu denjenigen dieselgetriebener aufschließen oder auch darunter liegen, glaubt er. Ähnliche Töne schlägt Daimler-Truck-Boss Daum an. Bis 2030 könne der Anteil von Elektro- und Brennstoffzellenlastern auf bis zu 60 Prozent des gesamten Absatzes steigen, glaubt er.

Laden in den Ruhezeiten

Auf der IAA Transportation zeigen Daimler, MAN & Co. eine Reihe klimaschonender Lkw. So präsentiert Daimler seinen ersten reinen Batterie-Lkw für den Fernverkehr. Der eActros LongHaul kommt auf eine Reichweite von 500 Kilometern mit einer Batterieladung. Drei Batteriepakete liefern eine installierte Gesamtkapazität von mehr als 600 Kilowattstunden. Die Batteriezellen sollen sich mit etwa einem Megawatt Leistung "in deutlich unter 30 Minuten von 20 auf 80 Prozent aufladen" lassen, verspricht Daimler. Der E-Truck soll 2024 serienreif sein.

Der neue Elektro-Lkw von Daimler für den Fernverkehr | dpa

Daimlers erster Elektro-Lkw für den Fernverkehr: Der eActros LongHaul. Bild: dpa

Die VW-Tochter MAN stellt in Hannover einen kleineren E-Truck vor, der über eine Reichweite von 600 bis 800 Kilometer verfügen soll. In 45 Minuten soll er geladen sein. Das entspreche den vorgeschriebenen Ruhezeiten der Fahrer, sagt Vorstandschef Vlaskamp.

Infrastruktur reicht noch nicht aus

Einen vollelektrischen 16-Tonner-Lkw für den innerstädtischen Güterverkehr zeigt die schwedische Firma Volta Trucks. Die Reichweite des Volta Zero beträgt 150 bis 200 Kilometer. Ein tieferer Sitz des Fahrers und eine Kamera mit 360-Grad-Rundumsicht sollen für besonders große Sicherheit im Straßenverkehr sorgen. Bis 2024 oder 2025 soll der Volta Zero auf den Markt kommen. Erste Prototypen testet die Deutsche-Bahn-Tochter Schenker.

Noch bremst aber die mangelnde Infrastruktur für E-Mobilität die Nachfrage nach batteriegetriebenen Lkw. Heute werde eine 300-Kilowatt-Ladesäule gefeiert, die irgendwo eingeweiht wird, so Daimler-Truck-Chef Daum. "Wir brauchen aber 700 Kilowatt oder ein Megawatt." In dieser Größenordnung existiere noch nichts. "Es gibt keine Infrastruktur für die Mittelspannung."

Welches Potenzial hat Wasserstoff?

Auch Brennstoffzellen-Lkw sind in Hannover zu sehen. Die junge Firma Quantron stellt auf der IAA Transportation ihren ersten Wasserstoff-Truck mit einer Reichweite von 700 Kilometern vor. Er enthält eine von Ballard Power Systems neu entwickelte 120-kW-Brennstoffzelle. Diese und die Wasserstofftanks sind im Chassis verbaut. Mit einem speziellen Kostenmodell sollen Spediteure angelockt werden: Sie bezahlen nur die Nutzung des Fahrzeugs nach Kilometern und den dafür notwendigen Wasserstoff. Bereits ab 2024 oder 2025 werde Diesel pro Kilometer wahrscheinlich mehr kosten als Wasserstoff, so die Manager von Quantron.

Quantron QHM FCEV, mit Wasserstoff betriebener LKW | Quantron

Der QHM FCEV des Herstellers Quantron hat einen Antrief mit Wasserstoff-Brennstoffzelle. Bild: Quantron

Daimler und Volvo arbeiten beim Thema Wasserstoff-Brennstoffzelle in einem Gemeinschaftsunternehmen zusammen. Denn nur mit einer "dualen Strategie" von Elektro und Brennstoffzelle komme die Nutzfahrzeugbranche ans Ziel, sagt Daimler-Truck-Chef Daum. Deutlich skeptischer zeigt sich MAN-Chef Vlaskamp. Die mit Wasserstoff betriebene Brennstoffzelle dürfte für den großflächigen Einsatz im Schwerlastverkehr noch eine gewisse Zeit brauchen. "Grüner Wasserstoff ist knapp", sagte er. Zudem gingen derzeit etwa zwei Drittel der gesamten Energiemenge über die einzelnen Umwandlungsstufen verloren. Vlaskamp schätzt, dass Brennstoffzellen-Lkw in großen Stückzahlen frühestens Anfang oder Mitte der 2030er-Jahre rentabel verwendet werden können.

Neue Elektro-Transporter

Auch Bushersteller versuchen sich am Thema Brennstoffzelle. Das Münchner Unternehmen Keyou demonstriert auf der IAA Transportation seinen 12 Meter langen Wasserstoff-Stadtbus. Der Wasserstoffantrieb kommt dabei als "milde" Hybrid-Variante, also unterstützend zum Einsatz - um die Anforderungen von Verkehrsbetrieben an einen Stadtbus zu erfüllen.

Bei Transportern geht der Trend in Richtung E-Mobilität. Renault stellt in Hannover den Traffic E-Tech vor - mit einer Reichweite von 240 Kilometer. Er soll die Lücke schließen in der E-Modellpalette zwischen Kangoo und Master. VW feiert die Premiere des ID.Buzz Cargo, der Cargo-Variante des Elektro-Bullis. Die ersten Exemplare des ID.Buzz sollen ab Oktober ausgeliefert werden. Die Nachfrage sei hoch, derzeit stünden 13 700 ID.Buzz in den Orderbüchern, sagte Vertriebsvorstand Lars Krause.

Der vollelektrische VW-Buss ID.Buzz | REUTERS

Der vollelektrische ID.Buzz von Volkswagen Bild: REUTERS

Mehr als 1400 Aussteller aus 42 Ländern zeigen bis Sonntag ihre Neuheiten auf der IAA Transportation. Besucher können über 60 Nutzfahrzeuge testen. Vorgestellt werden auch Wasserstoff-Tankstellen und Lieferroboter. Die IAA Transportation findet alle zwei Jahre und im Wechsel mit der IAA für Pkw statt.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 20. September 2022 um 11:00 Uhr.