Rammstein-Konzert | dpa

Digitale Musikbranche Trotz Klicks kaum Geld für Musiker

Stand: 28.06.2022 08:17 Uhr

Musiker finanzieren sich seit jeher durch Liveauftritte. Auch Platten- und CD-Verkäufe waren lange eine wichtige Einnahmequelle. Nun boomt das Streaming - und vor allem andere profitieren.

Von Nicole Würth, SR

Um die Jahrtausendwende wurden Songs zunehmend illegal - ohne Bezahlung - im Netz gehört und getauscht. Der Musikindustrie drohte der finanzielle Ruin. Streamingdienste schienen die Rettung zu sein. Die Kunden zahlen einen Pauschalpreis pro Monat und bekommen dafür Zugriff auf ein riesiges weltweites Repertoire. Das begrüßen viele. Roland Kaiser zum Beispiel findet es wunderbar, dass jemand, der Talent hat, von sich einen Song ins Netz stellt und damit einen gewaltigen Erfolg erzielen kann.

Schattenseiten bei Streamingdiensten

Julianna Townsend, ausgebildete Sängerin, hat die meisten Fans bei Musikstreaming-Diensten im Internet. Einer ihrer Songs ist besonders beliebt. Auf Spotify zählt bei diesem Song sogar 1,4 Millionen Streams. Ziemlich gut für eine Newcomerin. Nur: Leben kann sie davon nicht. Für 1,4 Millionen Klicks in zwei Jahren bekommt sie unterm Strich in manchen Monaten gerade mal 20 bis 30 Euro. Abgerechnet wird nach der Zahl der Abrufe. Pro Stream bekommt sie 0,001 Euro.

Rock-Ikone Peter Maffay engagiert sich in einer Talent-Show für eine seriöse Nachwuchsförderung. Doch auch die begabtesten jungen Künstler finden nach seiner Beobachtung kaum eine ökonomische Grundlage für eine dauerhafte Karriere. Hauptprofiteure seien die großen Verlage und die Streamingdienst-Anbieter.

Maffay kritisiert "Ausbeutung"

Maffay hält das für Ausbeutung. Viele der Nachrückenden, der jungen Künstler, hätten gar keine Möglichkeit, sich dem zu entziehen oder zu verweigern. Wenn ein Künstler nicht angemessen entlohnt werde für das, was er geschaffen hat, "dann beklaut man ihn doch einfach".

Die heutigen Geschäftsmodelle mit internationaler Marktverflechtung zwischen den Global Playern der Musikindustrie kritisiert Maffay scharf. Priorität habe das Geschäft, nicht die künstlerische Kreativität. Und dabei gehe es um Milliarden, beklagt Maffay, "in einer Größenordnung, wie sie unvorstellbar sind".

Unfaire Abrechnungsmodelle

Ein Grund für die geringe Bezahlung vieler Musikerinnen und Musiker sind die Abrechnungsmodelle der Anbieter. Ein vereinfachtes Rechenbeispiel: Julia spielt rund um die Uhr Musik eines Deutsch-Rappers. 10.000 Klicks im Monat. Michael dagegen liebt Jazzmusik. Er hört aber nur zehn Songs im Monat. Beide Fans zahlen im Abo 10,00 Euro an den Streaming-Dienst. Die Einnahmen von Julia und Michael fließen in ein und denselben Topf. Der Streamingdienst behält davon etwa 30 Prozent. Der Rest wird nach der Anzahl der Klicks verteilt.

Den größten Anteil bekommt im Beispiel der Rapmusiker. Auch einen Teil von Michael, obwohl der ihn nie hört. Sein Jazzmusiker geht fast leer aus und bekommt nur ein paar Cent. Von den Einnahmen behalten die Musikverlage noch einen Batzen für ihre eigene Arbeit. Wie viel, ist Verhandlungssache.  Ein Newcomer wird aber wohl kaum irgendwo Ansprüche durchsetzen können.

Mehr Transparenz durch "Fair Share"

Berater und Manager namhafter deutscher Stars haben sich zusammengeschlossen, um das zu ändern. Im Verein "Fair Share" setzen sie sich für mehr Transparenz und gerechte Verträge ein. Viele Absprachen würden in den USA getroffen, völlig vorbei an den Musikschaffenden, so ihre Kritik.

Neben den Fans würden heute auch Maschinen, Algorithmen und Programmierung mitentscheiden, sagt Daniel Maurer von der Fair-Share-Initiative. Das sei nicht nur falsch, sondern ungerecht.

Milliardenumsätze - aber nicht für Künstler

Spotify generiert Umsätze in Milliardenhöhe. Doch noch macht das Unternehmen keine Gewinne. Bleibt deshalb so wenig für die Künstler? Birte Wiemann vom Verband unabhängiger Musikunternehmerinnen und Musikunternhmer sagt, dass Spotify nach dem offiziellen Narrativ aufgrund der technischen Neuerung weiter gar nicht zahlen könne. Warum aber, so fragt sich Wiemann, werden dann Hunderte Millionen Euro ausgegeben für Sponsoring, wie jetzt für den FC Barcelona?

Weltweit protestieren Musikschaffende und fordern ein benutzerorientiertes Bezahlmodell, bei dem das Geld ihrer Fans auch im eigenen Portemonnaie landet. Immerhin: Die Bundesregierung will 500.000 Euro für eine wissenschaftliche Studie bereitstellen, die die Verteilungsmodelle der Streaminganbieter untersuchen soll.

Ob das für hoch qualifizierte junge Künstler und Künstlerinnen wie Julianna Townsend noch rechtzeitig kommt? Ohne ökonomische Basis müssen selbst große Talente befürchten, auf der Strecke zu bleiben - und die musikalische Kultur droht zu einem fantasielosen Business zu veröden.

Über dieses Thema berichtete Plusminus am 22. Juni 2022 um 21:55 Uhr.