Das in der Sanierung befindliche Hochhaus Steglitzer Kreisel in Berlin. | picture alliance/dpa
FAQ

Angeschlagener Immobilienkonzern Wie steht es um die Adler Group?

Stand: 29.08.2022 20:29 Uhr

Die Vorgänge rund um die Adler Group sind äußerst ungewöhnlich. Was wird dem angeschlagenen Immobilienunternehmen vorgeworfen? Und wie könnte es weitergehen?

Von Detlev Landmesser, tagesschau.de

Wer ist die Adler Group?

Die Adler Group ist erst Ende 2020 aus dem Zusammenschluss der in Luxemburg ansässigen ADO Properties mit den Berliner Wohnungsunternehmen Adler Real Estate und Consus Real Estate hervorgegangen. ADO Properties hatte dafür erst den eigenen Großaktionär Adler Real Estate und dann Consus übernommen.

Als Ziel der Fusion wurde genannt, den Wohnungsbestand geografisch zu diversifizieren, um so die Auswirkungen des Berliner Mietendeckels auf das eigene Geschäft zu verringern. ADO selbst wurde ursprünglich 2006 auf Zypern gegründet. Seit Oktober 2015 ist das Unternehmen im Kleinwerteindex SDAX notiert.

Welche Bedeutung hat die Gruppe in Deutschland?

Als einer der größten Immobilienentwickler Deutschlands hat die Adler Group mehrere große Bauprojekte im ganzen Land unterhalten. Ein Großprojekt ist die Entwicklung des Geländes der früheren Holsten-Brauerei in Hamburg-Altona, wo eigentlich bis zu 1300 Wohnungen entstehen sollten. Auch aus dem ehemaligen Hauptsitz von IBM Deutschland im Westen Stuttgarts sollte ein modernes Stadtquartier werden. In Düsseldorf-Gerresheim sollte das Quartier Grand Central mit mehr als 1000 Wohnungen und Läden entstehen. Schon seit Monaten stocken diese Projekte, offenbar weil dem Unternehmen das Geld für die Weiterentwicklung fehlt.

Wie gefährdet ist das Unternehmen?

Die Adler Group ist schwer angeschlagen. Ende April hat das Wirtschaftsprüfungsunternehmen KPMG dem Jahresbericht des Unternehmens für 2021 das Testat verweigert. Das bedeutet, dass die Wirtschaftsprüfer, die danach ihr Prüfungsmandat niedergelegt haben, erhebliche Mängel in dem Bericht festgestellt haben. Infolgedessen lässt sich die tatsächliche wirtschaftliche Lage des Unternehmens kaum abschätzen, was als erhebliches Alarmzeichen für die Kapitalmärkte gilt.

Seit dem Rückzug von KPMG hat die Adler Group bisher keinen neuen Wirtschaftsprüfer finden können, was ebenfalls ungewöhnlich ist. Alle aktuellen Daten vom Unternehmen sind also bis auf Weiteres ungeprüft.

Nach derzeitigem Informationsstand lag die Verschuldung des Konzerns im Juni bei rund 7,2 Milliarden Euro. Zweifelsfrei hat das Unternehmen erhebliche Zahlungsprobleme. Nach Recherchen von NDR und rbb blieben bis Ende Juni Tausende Rechnungen offen.

Was wird Adler vorgeworfen?

Anfang Oktober 2021 wurden erstmals schwere Vorwürfe gegen die Adler Group laut. Urheber war der britische Leerverkäufer Fraser Perring, der an fallenden Kursen der von ihm attackierten Unternehmen Geld verdient. Sein Research-Dienst Viceroy warf Adler Betrug, Manipulation und Täuschung seiner Geldgeber vor. Perring hatte sich an den Finanzmärkten unter anderem einen Namen gemacht, als er bereits 2016 Unregelmäßigkeiten beim damaligen DAX-Konzern Wirecard anprangerte - und trotz heftiger Gegenwehr aus Deutschland schließlich Recht behielt.

Als Profiteure der Machenschaften bezeichnete Perring eine Gruppe aus Gesellschaftern und Managern bei Adler und im Umfeld des Konzerns. Diese gehörten zu einem Netzwerk um den österreichischen Unternehmer Cevdet Caner, der den Immobilienkonzern angeblich aus dem Hintergrund kontrolliere. Auch eine ARD-Dokumentation legt ein solches Netzwerk nahe.

Adler wies die Anschuldigungen "auf das Schärfste" zurück und sprach von Unterstellungen. Um sie zu entkräften, beauftragte das Unternehmen seinen damaligen Wirtschaftsprüfer KPMG mit einer Sonderprüfung. Der Mitte April veröffentlichte Bericht wies auf Mängel in den Bilanzen hin, lieferte aber keine Hinweise auf systematischen Betrug. Allerdings blieb den Prüfern nach eigener Aussage der Zugang zu Tausenden Dateien des Unternehmens verwehrt.

Anfang August teilte zudem die Finanzaufsicht BaFin mit, dass die Jahresbilanz 2019 der Adler Real Estate fehlerhaft sei. Der Wert des Düsseldorfer Grand-Central-Projekts sei mit 375 Millionen Euro etwa doppelt so hoch angesetzt worden wie der Marktwert. Die Adler Group trat daraufhin in offenen Konflikt mit der Behörde. Das Unternehmen hält an der Richtigkeit und Ordnungsmäßigkeit des testierten Konzernabschlusses für 2019 fest und kündigte Rechtsmittel gegen den BaFin-Bescheid an.

Nach Informationen des "Handelsblatts" aus dem Juni ermittelt auch die Frankfurter Staatsanwaltschaft gegen das Unternehmen - die Staatsanwaltschaft verweigert dazu bisher jeden Kommentar.

Kann das Unternehmen noch gerettet werden?

Kurz nach der Mitteilung der BaFin zerschlugen sich die Hoffnungen auf eine Rettung des schlingernden Konzerns durch eine Übernahme. "Die Märkte haben sich verändert und deswegen ist für uns die ursprüngliche Überlegung, die Adler Group zu übernehmen, definitiv vom Tisch", erklärte Vonovia-Chef Rolf Buch am 3. August. Im Februar hatte sich der Wohnungskonzern aus dem DAX über die Verwertung eines Kreditpfandes einen Anteil von 20,5 Prozent an dem Konkurrenten gesichert. Die damalige Entscheidung könne man auch kritisch hinterfragen, sagte Buch nun.

Fast gleichzeitig gab der Wettbewerber LEG bekannt, dass er eine Option zum Kauf eines 63-prozentigen Anteils der Tochtergesellschaft Brack Capital Properties (BCP) nicht ausüben werde. Die Transaktion hätte der Adler Group über 700 Millionen Euro in die Kasse gespült.

Eine Rettung aus eigener Kraft ist in den vergangenen Monaten deutlich schwieriger geworden. Angesichts der erheblichen Zweifel an der Bilanzierung ist dem Unternehmen eine Refinanzierung über den Kredit- und Kapitalmarkt weitgehend verwehrt. Bis Ende 2023 werden aber Anleihen im Volumen von 700 Millionen Euro fällig.

Als einziger Ausweg aus der Krise erscheinen derzeit Verkäufe aus dem Bestand von einst 70.000 Wohnungen. Nach Angaben aus dem Juni hat das Unternehmen in den vergangenen Monaten genau dies getan und verfügte zuletzt noch über rund 27.000 Wohnungen. Auf der Hauptversammlung am 31. August will sich das Tochterunternehmen Adler Real Estate den Verkauf von über 22.000 Wohnungen genehmigen lassen, was fast dem gesamten eigenen Bestand entspricht.

Wie geht es weiter?

Der Fokus des Kapitalmarkts liegt zunächst auf der Hauptversammlung von Adler Real Estate am 31. August in Berlin. Dort will die Aktionärsvereinigung SdK (Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger) eine Sonderprüfung zur Klärung der drängendsten offenen Fragen beantragen.

Die Sonderprüfung soll "die Einflussnahme von Cevdet Caner und ihm nahestehender Personen und Unternehmen und deren Folgen auf die Adler im Geschäftsjahr 2021 vollumfänglich aufklären". Außerdem sollen die Vorgänge um das Düsseldorfer Großprojekt, einen Kredit von 265 Millionen Euro an die Konzernmutter und um den Verkauf der Anteile an der Accentro Real Estate AG an die Luxemburger Brookline Real Estate, für die Adler nicht den vollen Preis erhalten hat, geklärt werden.

Da die Muttergesellschaft Adler Group 96,7 Prozent an der Adler Real Estate hält, wird der SdK-Antrag auf der Hauptversammlung voraussichtlich abgeschmettert werden. Da das Aktiengesetz aber auch eine Sonderprüfung per Gerichtsbeschluss zulässt, rechnen Beobachter den Aktionärsschützern gute Chancen auf einen juristischen Erfolg aus.

Die Adler Group teilte unterdessen am Montagabend mit, dass sie einen neuen Finanzchef in den eigenen Reihen gefunden habe. Thomas Echelmeyer, der das Amt seit Juni interimistisch bekleidet hatte, sei mit Wirkung zum Anfang September zum neuen Finanzchef berufen worden. Der Konzern hatte bereits im Mai nach einem Umbau des Managements die Berufung eines neuen Finanzchefs in Aussicht gestellt. Echelmeyer muss sich nun auch an der Suche nach einem neuen Wirtschaftsprüfer beteiligen.