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Hintergrund

Autonomes Fahren Verpassen VW, Daimler & Co. den Anschluss?

Stand: 16.03.2021 11:25 Uhr

Neben der Elektromobilität gelten selbstfahrende Autos als Zukunftsgeschäft der Branche. Digitalkonzerne wie Google geben den Takt an. Wie weit sind die deutschen Hersteller?

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Als James Bond 1997 im Klassiker "Der Morgen stirbt nie" einen BMW mit seinem Handy steuerte, hielten das viele Kinobesucher noch für eine irre Utopie. Doch inzwischen ist der Science-Fiction-Stoff fast schon Realität geworden. In Phoenix in den USA zum Beispiel fahren "Geisterfahrzeuge" der Google-Tochter Waymo durch die Straßen und kutschieren Insassen hin und her. Die selbstfahrenden Autos sind fahrerlos. Sie werden von der Ferne aus von ein paar Waymo-Mitarbeitern überwacht.

Und auch in der chinesischen Metropole Shenzhen sind 25 fahrerlose Robotaxis unterwegs, die interessierte Fahrgäste befördern. Vor kurzem erhielt das chinesische Start-up AutoX dafür die Erlaubnis.

Noch kein Durchbruch in Deutschland

In Deutschland sind selbstfahrende Autos auf isolierte Teststrecken und besonders ausgewiesene Gebiete beschränkt. In Pilotprojekten fahren autonome Minibusse etwa über Firmen- oder Unigelände. Sicherheitsbedenken und ungeklärte Haftungsfragen blockieren hierzulande den Durchbruch des autonomen Fahrens. Ob die Bundesregierung noch 2021 ein neues Gesetz zum autonomen Fahren durchbringt, ist ungewiss.

Zwar tüfteln die klassischen deutschen Autohersteller seit Jahren an selbstfahrenden Autos und enthüllen auf Messen neue Konzeptstudien. Zudem bauen sie in ihren aktuellen Modellen immer mehr Assistenzsysteme für das teilautonome Fahren ein. Doch können sie sich messen an den großen US-Technologiekonzernen aus dem Silicon Valley, die mit Milliardeninvestitionen ihre Visionen vom "Auto der Zukunft" vorantreiben?

Vorsprung der Google-Tochter

Als Vorreiter in Sachen autonomes Fahren gilt die Google-Tochter Waymo. Drei Milliarden Dollar jährlich investiert Waymo in die Zukunftstechnik. Der US-Chipriese Intel hat für mehrere Milliarden Dollar die israelische Mobileye geschluckt, die Fahrzeuge mit Radar-Sensoren und optischen Systemen ausstattet. Auch asiatische Tech-Konzerne wie Tencent, Alibaba, Baidu, Didi und Sony haben ausgeklügelte Software und Systeme für autonomes Fahren entwickelt.

Auch Apple hat Pläne für den Automarkt. Unter dem Projektnamen "Titan" arbeiten die Ingenieure des iPhone-Konzerns an einem autonomen Fahrsystem, das 2024 auf den Markt kommen soll. Nur eines scheint Apple noch zu fehlen: der ideale Partner. Der Tech-Riese aus Kalifornien braucht einen Hersteller oder einen Auftragsfertiger. Deutsche Autobauer winkten bereits ab. Auch Verhandlungen mit dem südkoreanischen Hersteller Hyundai scheiterten offenbar. Klassische Autobauer fürchten, von Apple zum reinen Zulieferer degradiert zu werden.

Selbstfahrendes Fahrzeug von Waymo |

Ein selbstfahrendes Fahrzeug der Google-Tochterfirma Waymo.

Software im Abo

Tesla arbeitet an einer "Robotaxi"-Funktion. Der E-Auto-Pionier will Kunden künftig eine Selbstfahr-Software als Abo verkaufen - über die Tesla-App auf dem Smartphone. VW will solche Zusatzfunktionen wie autonomes Fahren ebenfalls anbieten - allerdings erst in einigen Jahren.

Die Software könnte zum neuen Auslesekriterium in der Branche werden. Das Thema werde noch stärker als die Batteriezelle darüber entscheiden, wer zu den Gewinnern oder Verlierern von morgen gehöre, meint der Autoexperte Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management (CAM). "Die deutschen Hersteller sind hier spät dran", sagt der Wirtschaftsprofessor. Sie hätten die "Software-Revolution" lange Zeit unterschätzt.

Deutsche Autobauer ziehen nach

Wer mischt vorne mit? Hinter Waymo als Pionier folgen nach Einschätzung von Bratzel die Unternehmen Intel, Baidu und als erster klassischer Autohersteller General Motors. Erst in einer dritten Gruppe befinde sich mit VW ein deutscher Vertreter - neben Tesla, Hyundai, AutoX und Didi.

Doch VW, Daimler, BMW & Co. haben das Thema erkannt. Den Konzernen ist inzwischen klar, dass sie ein eigenes Betriebssystem aufbauen müssen, um nicht von Google, Apple und anderen Tech-Riesen abhängig zu werden. Daher investieren sie Milliarden in die Digitalisierung und stellen zunehmend Software-Entwickler ein.

Es geht um ein enormes Geschäft: Laut einer Prognose der Bank UBS könnte 2030 fast zwei Billionen Dollar mit Auto-Software erwirtschaftet werden. Das wäre mehr als heute der gesamte Umsatz mit Benzin- und Dieselautos.

VW kooperiert mit Microsoft, Daimler mit Nvidia

Alleine Volkswagen will bis 2025 rund 27 Milliarden Euro in die Digitalisierung und das autonome Fahren investieren. Die Wolfsburger kooperieren bereits mit Tech-Riesen wie Amazon, Microsoft und auch der Ford-Tochter Argo AI. VW hat mit der Car-Software.org (CSO) eine eigene Tochter in Ingolstadt für die Software-Entwicklung gegründet. CSO zählt bereits 4000 Mitarbeiter und könnte in wenigen Jahren zum zweitgrößten deutschen Softwareunternehmen hinter SAP werden.

Auch Daimler stellt sich neu auf. Konzernchef Ola Källenius spaltet den schwäbischen Konzern in eine Nutzfahrzeugsparte Daimler Trucks und die Pkw-Sparte Mercedes-Benz auf - um die Digitalisierung voranzutreiben. Bis 2024 plant Daimler ein eigenes Betriebssystem. Zudem haben sich die Stuttgarter bei der Entwicklung der Software für das autonome Fahren einen starken Partner ins Haus geholt: den Chipriesen Nvidia. Noch 2019 hatte Daimler mit BMW eine Partnerschaft beim autonomen Fahren geschlossen, doch die Kooperation der beiden Erzrivalen funktionierte nicht und wurde inzwischen beendet.

Und auch die gebeutelten deutschen Zulieferer sehen großes Potenzial beim Automatisierungstrend. Bosch, ZF und Continental mischen beim autonomen Fahren kräftig mit. Mitte Februar haben sich Bosch und Conti an der Silicon-Valley-Firma Recogni beteiligt, die Chips entwickelt, die mit Künstlicher Intelligenz arbeiten.

In jedem Fall werden die Pläne für die autonome Zukunft teuer für die Konzerne. Die Unternehmensberater von McKinsey schätzen die Kosten fürs autonome Fahren auf zehn bis 15 Milliarden Dollar je Hersteller bis 2035. Zudem sind Rückschläge nicht ausgeschlossen. So kam es im vergangenen Jahr zu einem tödlichen Unfall mit einem selbstfahrenden Uber-Testwagen in den USA.