Flugformation von Kampfflugzeugen während der türkischen Messe Teknofest | EPA

Schub durch Erdogans Politik Türkische Rüstungsindustrie im Höhenflug

Stand: 04.10.2021 08:10 Uhr

Drohnen entwickeln sich zum Exportschlager der boomenden türkischen Rüstungsindustrie. Dass Präsident Erdogan am Aufstieg des Landes zur Regionalmacht arbeitet, gibt der Branche einen zusätzlichen Schub.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

Jedes Jahr im Herbst veranstaltet der türkische Staat das sogenannte Teknofest. Dort können Schülerinnen und Schüler selbst gebaute Drohnen mit militärischem Anstrich vorführen. Die schönsten Modelle bekommen einen Preis. So wird der türkische Nachwuchs für die heimische Rüstung begeistert - und für eine Technologie, an der auch Präsident Recep Tayyip Erdogan seine helle Freude hat: Kampfdrohnen "Made in Turkey" sind inzwischen ein Exportschlager.

Oliver Mayer-Rüth ARD-Studio Istanbul

Drohneneinsatz in Bergkarabach

Das Unternehmen Baykar baut beispielsweise die TB2. Im Herbst vergangenen Jahres setzte das aserbaidschanische Militär die Drohne im Krieg gegen Armenien ein. Die Erfassung von Zielen und die Luftschläge hätten zum schnellen Geländegewinn der Aserbaidschaner geführt, attestieren Militärexperten. Die mit veralteten russischen Panzern und Raketen ausgestatteten Armenier waren unterlegen und mussten innerhalb weniger Wochen das Feld räumen.

Baykar-CEO Haluk Bayraktar, Bruder des Erdogan-Schwiegersohns Selcuk Bayraktar, stellt auf dem Teknofest die neueste Entwicklung des Unternehmens vor. Türkische Schüler blicken mit großen Augen und Bewunderung auf die Kampfdrohne "Akinci". Diese sei eine hochentwickelte Technologie, erklärt Bayraktar im ARD-Interview. Mit intelligenten Waffen an Bord werde die Drohne auf dem Kriegsfeld eine großartige Wirkung zeigen.

Türkischer Präsident Erdogan auf der Messe Teknofest | via REUTERS

Sie gilt als eine seiner liebsten Messen: Der türkische Präsident Erdogan hält eine Rede auf der diesjährigen Teknofest. Bild: via REUTERS

Stolz auf türkische Rüstungsindustrie

Bayraktars Sprache und Mimik lässt keinen Zweifel am Stolz auf das unbemannte Fluggerät. Das türkische Volk mag inzwischen an Erdogans Innenpolitik zweifeln; nach Umfragen hätte seine AKP-Partei bei Wahlen derzeit kaum eine Chance auf eine Mehrheit im Parlament. Doch die Menschen im Land teilen Bayraktars Gefühle für das Militär und dessen Waffen - insbesondere, wenn diese in der Heimat entwickelt und hergestellt werden.

Ähnlich unkritisch sehen viele Türken den Einsatz der Waffen bei Feldzügen in Syrien, Libyen oder im Irak. Dort lässt Erdogan die Technologien testen. Das Militär gibt der Industrie Rückmeldung, sodass diese Präzision und Schlagkraft erhöhen kann. Ein System, das inzwischen Früchte trägt - und Vertreter deutscher Rüstungsunternehmen womöglich neidisch werden lässt. 

Das Interesse an türkischen Drohnen wächst im Ausland kontinuierlich. Der Verteidigungsexperte und Autor Hakan Kilic zählt neben Aserbaidschan die Länder Polen, Ukraine, Katar und Tunesien als Abnehmer türkischer Kampfdrohnen auf. Auch im libyschen Bürgerkrieg waren TB2 im Einsatz.

Die Türkei will Regionalmacht werden

Die Türkei habe in den vergangenen 15 Jahren große Fortschritte in der Verteidigungsindustrie gemacht, erklärt Bayraktar. Man habe türkischen Firmen und Ingenieuren vertraut. So seien Technologien entwickelt worden, die es mit der weltweiten Konkurrenz aufnehmen könnten. Gleichzeitig wird das Militär immer unabhängiger von Rüstungsimporten.

Erdogan selbst hat seit Beginn seiner Amtszeit das Ziel, die Türkei zur Regionalmacht aufsteigen zu lassen. Dabei schlägt er regelmäßig dort militärisch zu, wo andere Mächte ein Vakuum hinterlassen haben. Beispiele dafür sind Nordsyrien, Irak oder eben Libyen.

Mit der Kriegslust nimmt auch der Bedarf an Rüstungsimporten zu. Aus Berlin heißt es beispielsweise, es gebe eine lange türkische Wunschliste an Technologie aus deutschen Waffenschmieden. Doch der Bundessicherheitsrat entscheidet kaum noch im Sinne der Regierung in Ankara.

Die türkischen Militäroffensiven der vergangenen Jahre ließen zunehmend die Sorge aufkommen, dass Erdogan deutsche Rüstungstechnologie für seinen Machtrausch missbrauchen könnte. Deutsche Wählerinnen und Wähler goutierten die gegenüber der Türkei restriktive Rüstungspolitik der großen Koalition. Mit außen- und sicherheitspolitischen Herausforderungen beschäftigt man sich ohnehin vergleichsweise ungern. Die Konsequenz daraus ist aber auch, dass die Türkei zunehmend erfolgreich militärtechnologische Lücken selbst schließt. 

Die Rüstungsindustrie wächst rasant

2020 standen bereits sieben türkische Unternehmen auf der Top-100-Liste der in der Szene viel gelesenen Branchenzeitung "Defence News". Während es 2002 lediglich 56 Rüstungsunternehmen insgesamt im Land gab, waren es 2020 bereits 1500 Unternehmen.

Laut Ismail Gülle, Chef der Vereinigung türkischer Exporteure, haben Verbandsmitglieder in den ersten sechs Monaten diese Jahres in 169 Länder Rüstungsprodukte exportiert. Auf Platz eins liegen die USA, gefolgt von Aserbaidschan, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Deutschland und Bangladesch. Im selben Zeitraum des Vorjahres seien es 138 Länder gewesen. Man gehe davon aus, so Gülle, dass in den Branchen Verteidigung und Luftfahrt in den kommenden neun Jahren die größten Exportfortschritte erreicht würden, und man erwarte einen Zuwachs von 400 Prozent. 

Probleme bei leistungsstarken Getrieben

2018 unterzeichneten die Türkei und Pakistan einen Vertrag über 30 Kampfhubschrauber, die in türkisch-italienischer Kooperation hergestellt werden. Der Motor ist jedoch ein amerikanisch-britisches Produkt, und die USA haben bisher kein grünes Licht für den Deal mit Islamabad gegeben, weil die Türkei von Russland das Boden-Luft-Raketenabwehrsystem S-400 gekauft hat.

Türkische Ingenieure haben generell Probleme, leistungsstarke Getriebe zu entwickeln. Daran scheitert bisher auch die Fertigstellung des Kampfpanzers "Altay". Zuletzt hieß es, die Türkei könnte den Panzermotor aus Südkorea kaufen. Käufer für "Altay" gäbe es offenbar sofort: Aserbaidschan, Katar, Oman und Saudi-Arabien haben Interesse angemeldet.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. April 2021 um 06:45 Uhr.