Ein E-Auto wird an einer Ladestation aufgeladen. | SWR Mainz
ARD-Themenwoche

Mobilität auf dem Land Ein Elektroauto fürs Dorf

Stand: 10.11.2021 09:30 Uhr

Carsharing hat sich in Städten längst etabliert. Ein Landkreis in Rheinland-Pfalz arbeitet daran, dass es auch im ländlichen Raum Zuspruch findet: mit seinem Projekt "E-Dorfauto".

Von Juri Sonnenholzner, SWR

Seit zwei Jahren lässt der Landkreis Rhein-Hunsrück Elektroautos von einer Landkreisgemeinde in die nächste wechseln - jeweils für ein Jahr. Die Bürger haben dann die Möglichkeit, für die Dauer dieses Autogastspiels das Carsharing in ihrem Ort auszuprobieren. Acht solcher "E-Dorfautos" sind gleichzeitig im Einsatz, also kommen in einem Jahr auch acht Gemeinden oder Stadtteile mit zwischen 200 und 1250 Einwohnern in den Genuss der kostenfreien E-Mobilität.

Juri Sonnenholzner

Entlastung für Dorfbewohner

Eine von ihnen ist Barbara Trost: "Das ist schon eine große Entlastung, für alle hier im Dorf. Letztens haben wir damit eine Waschmaschine transportiert oder Getränke für das Vereinsheim", sagt die Bewohnerin. "Und um TÜV oder Inspektion muss man sich nicht kümmern. Trotzdem hat man immer ein Auto, was man nutzen kann." Das Projekt möchte neben Carsharing auch die Elektromobilität näherbringen. Bei Trost hat auch dieses Ansinnen verfangen: "Das Auto macht Lust auf E-Mobilität. Es macht Spaß, das Auto zu fahren, und man hat dabei ein gutes Gewissen. Es ist jetzt auch ein Träumchen von uns, dass wir uns mal ein Elektroauto zulegen."

So sammeln die Leihautomobilisten wie Trost kräftig Kilometer: Mehr als 330.000 davon haben die E-Dorfautos mittlerweile emissionsfrei zurückgelegt. Das sei weit mehr als das Doppelte dessen, was Carsharing-Betreiber üblicherweise erwarten, sagt Bernd Kunz von der Energieagentur Rheinland-Pfalz, die das Projekt begleitet. "Wir haben hier im Landkreis bei etwa 104.000 Einwohnern mehr als 70.000 zugelassene Pkw. Und das ist einfach sehr, sehr viel." Das Dorfauto soll helfen, diese Zahl zu verringern.

Unbürokratisch zum Leih-E-Auto

Es scheint zu klappen: Mehr als 750 Rhein-Hunsrücker sind registrierte Nutzer und haben mehr als 3300 Mal ein Auto gebucht. Statistisch gesehen sei jeder Wagen mehr als einmal täglich im Einsatz. Registrierung und Nutzungsvertrag sind Voraussetzung, dann wird ein kleiner Chip auf den Führerschein geklebt, mit dem sich das Auto öffnen lässt. Vorher muss es gebucht werden - über eine eigene Software im Internet.

Leasing und Buchungssoftware kosten im Jahr bis zu 8000 Euro für ein E-Gefährt. "Im Vergleich zur hohen Nutzung ist das ein überschaubarer Betrag", sagt Kunz. Hinzu kommen Installationskosten für Ladepunkte in den Standort-Gemeinden. "Bedingung des Projekts war auch, dass die Gemeinde den Strom für die Autos aus erneuerbaren Energien bezieht." Keine Kosten entstehen für das Einweisen der Kunden sowie das Sauberhalten und die Kontrolle der Fahrzeuge: Sogenannte Kümmerer, mindestens einer in jedem Dorf, übernehmen die Aufgaben ehrenamtlich.

Mindestzahl an Nutzern Voraussetzung

Warum sich in Städten Carsharing von allein etabliert hat und im ländlichen Raum die Kommune nachhelfen muss, erklärt Stefan Bratzel, Direktor Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach: "Privatwirtschaftliches Carsharing braucht eine Mindestanzahl an Nutzern. Die ist in großen Städten eher gegeben." Die Fixkosten für die Organisation oder Logistik lohnten sich vor allem bei größeren Carsharing-Flotten. "Wenn jedoch ein ehrenamtlicher Kümmerer ein Teil der Organisation übernimmt, können sich auch kleine Flotten oder einzelne Fahrzeuge rechnen." Carsharing im ländlichen Raum werde unterschätzt, so Bratzel. "Wenngleich dort die Pkw-Dichte pro Haushalt hoch ist, kann gut organisiertes Carsharing einen Beitrag zur nachhaltigeren Mobilität leisten."

Spannend am Projekt im Rhein-Hunsrück-Kreis sei, dass auch in den Dörfern die Bewohner für das Teilen von Autos und neue Technologien begeistert werden könnten. "Und zusätzlich fördern solche Dorfautos auch das soziale Zusammenleben. Da die Anonymität in Dörfern niedrig ist, sorgt das Gesetz des Wiedersehens auch für die sorgsame Behandlung der Fahrzeuge."

Nur noch knapp anderthalb Menschen pro Auto

Auf das Prinzip "Wiedersehen macht Freude" setzt auch der Verkehrswissenschaftler Heiner Monheim: "Ich glaube, dass digitales Trampen - also die Mitnahme - für den ländlichen Raum eine ganz relevante Zukunft hat." Dazu gehöre das Dorf- oder auch Bürgerauto. "Aber auch eine App, auf der registrierte Fahrer als Anbieter und registrierte Nicht-Autobesitzer oder Nicht-Auto-Nutzende mitgenommen werden können." Dazu könne internetbasiert eine App etabliert werden, in der polizeiliche Führungszeugnisse, Versicherungsregelungen oder Sicherheitsfragen hinterlegt sind.

"Und dann gibt es einfach die schnelle Möglichkeit, im Internet einen Fahrtwunsch anzumelden, und kurz danach hält ein Auto und nimmt einen mit", sagt Monheim. Früher hätten Fahrlehrer gemahnt, Autos nicht zu verleihen. "Ich erinnere gerne in meinen Vorträgen daran, dass im ländlichen Raum bis in die späten 1950er-Jahre der durchschnittliche Besetzungsgrad von Pkw bei 3,6 war." Heute sitzen rechnerisch nur 1,4 Menschen in einem Auto. "Damals haben fast alle Menschen, die mit einem Auto unterwegs waren, andere Menschen mitgenommen." Denn das Auto war ein seltenes Gut. "Wir haben inzwischen eine extrem hohe Motorisierung und deswegen die typischen Klima-Probleme mit viel zu viel Autoverkehr auch im ländlichen Raum." So könne das Dorfauto gewissermaßen eine sinnvolle Alternative zu mehr Umgehungsstraßen werden.

Projekt läuft noch ein Jahr

Ein Jahr sollen die acht Dorfautos noch von Dorf zu Dorf gereicht werden, dann ist die Projektzeit nach drei Jahren abgelaufen. Es gibt aber bereits ein Nachfolgeprojekt. "Hier wird die Nutzung für den Bürger nicht mehr kostenlos sein. Trotzdem wird aber eine Kostendeckung nicht erreicht werden, weshalb der Landkreis auch weiterhin Zuschüsse zahlen wird", erklärt Bernd Kunz von der Energieagentur Rheinland-Pfalz. So sollen bald 20 Dorfautos verliehen werden - bezuschusst durch öffentliche Gelder, aber günstiger als manche Buslinie.