Piktogramm auf dem Pflaster verweist auf eine E-Ladestation | dpa

E-Mobilität in Deutschland Sind eine Million Ladesäulen nötig?

Stand: 15.07.2022 08:17 Uhr

15 Millionen E-Autos sollen in Deutschland im Jahr 2030 fahren, so der Plan der Bundesregierung. Und geht es nach dem Bund, werden eine Million Ladepunkte gebraucht. Doch stimmt diese Rechnung?

Von Andre Kartschall, rbb

Auf den ersten Blick betrachtet steht die Elektromobilität vor einem gewaltigen Engpass: der Versorgung mit Elektrizität. Der Ausbau der Ladesäulen stockt, das Ziel der Bundesregierung ist in weite Ferne gerückt. Gerade einmal rund 61.000 öffentliche Ladesäulen gibt es momentan im Land. Es gehe viel zu langsam voran, sagt Andreas Rade vom Verband der Automobilindustrie: "Wird das aktuelle Ausbautempo nicht gesteigert, gibt es in Deutschland im Jahr 2030 gerade einmal rund 210.000 Ladepunkte", so Rade - und damit knapp 800.000 zu wenig.

Andre Kartschall

Ladeinfrastruktur als Kaufhemmnis

Zu diesem Befund passt das Stimmungsbild in der Bevölkerung. 53,8 Prozent der potentiellen Käufer sagen, die fehlende Ladeinfrastruktur halte sie von der Anschaffung eines E-Autos ab, so eine aktuelle Umfrage der Förderbank KfW. Doch es gibt auch Stimmen, die sagen, es gebe gar keinen Engpass und die Umfrageergebnisse seien mit Vorsicht zu genießen.

Jan Strobel vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, BDEW, ist eine dieser Stimmen: "Wenn ständig über einen angeblichen Ladesäulenmangel gesprochen wird, verfestigt sich ein völlig falsches Bild." Denn richtig sei vielmehr, dass das Ladesäulennetz bereits jetzt gut funktioniere und der Ausbau mit dem Zuwachs an E-Autos Schritt halten könne: "Die Eine-Million-Ladepunkte-Diskussion ist aus unserer Sicht die falsche Diskussion. Sie lenkt von den wirklich wichtigen Themen ab."

Höhere Ladeleistung, kürzere Standzeit

Entscheidend sei vielmehr, dass die Leistungsfähigkeit der Ladepunkte immer weiter zunimmt. Statt elf oder 22 Kilowatt (kW) würden immer mehr Anlagen mit bis mehreren Hundert kW installiert - das Aufladen gehe immer schneller. Dementsprechend würden weniger einzelne Ladepunkte im Netz gebraucht. Strobel fasst diese Logik so zusammen: "Es geht um Kilowattstunden und um Leistung. Wir zählen ja auch nicht die Anzahl der Münzen im Portemonnaie, sondern deren Wert." 

Ähnlich sieht das Till Gnann, Koordinator des Themas Elektromobilität am Fraunhofer-Institut. "Eine Million: Das ist eher eine plakative Zahl. Die dahinter stehenden Rechnungen sind aus meiner Sicht kritisch zu bewerten." Denn in der Realität würden E-Autofahrer so viele öffentliche Ladepunkte gar nicht brauchen: "Laden zu Hause und am Arbeitsplatz werden die Hauptpunkte sein. Alle öffentlichen Ladepunkte dürften überwiegend nur mit Schnellladetechnik funktionieren. Und da benötigt man einfach weniger." 

Ladesäulen als Geschäftsmodell

Laut Bundesregierung soll das Verhältnis Ladepunkt zu E-Auto 1:15 betragen, daher kommt die Zielmarke von einer Million Ladepunkten im Jahr 2030. Doch Gnann hält das für völlig übertrieben: "Selbst für 15 Millionen E-Autos, die auch schon ambitioniert sind, brauchen wir sie nach heutigem Kenntnisstand nicht."

Unklar ist auch, ob sich eine Million Ladesäulen überhaupt wirtschaftlich betreiben lassen würden. Momentan klagen jedenfalls viele Anbieter über kaum ausgelastete Ladepunkte; viele Säulen rechnen sich nicht. Gnann sagt: "Es nutzt nichts, wenn wir überall Ladesäulen hinstellen und dann nutzt sie keiner. Das Geld wäre besser ausgegeben, um die Ladestationen zu Hause oder bei der Arbeit zu unterstützen."  

Der E-Mobilität fehlt Kundenvertrauen 

Laut Gnann und auch dem BDEW steht dem eigentlichen Ziel, 15 Millionen E-Autos bis 2030 auf den Straßen zu haben, in Sachen Ladeinfrastruktur nichts entgegen. Doch der Verband der Automobilindustrie warnt: So einfach sei die Rechnung nicht.

Entscheidend dafür, dass sich auch Käufer für all die Elektroautos finden, seien nicht nur komplizierte Modellrechnungen und Verhältnisgleichungen, sondern auch das Bild, das in den Köpfen der Menschen vorherrsche.

Andreas Rade vom VDA bringt es so auf den Punkt: "Die Sichtbarkeit und die Sicherheit, laden zu können, sind zentral für das Verbrauchervertrauen und damit die Akzeptanz. Dafür brauchen wir die eine Million Ladepunkte." Es geht also auch um gefühlte Sicherheit.

Über dieses Thema berichtete NDR 1 Welle Nord "Nachrichten für Schleswig-Holstein" am 30. Mai 2022 um 17:00 Uhr und am 08. Juli 2022 um 08:00 Uhr.