Ein Messschlauch eines Gerätes zur Abgasuntersuchung für Dieselmotoren steckt im Auspuffrohr eines VW Golf 2.0 TDI. | null

Abgas-Probleme Deutsche Hersteller rufen 630.000 Autos zurück

Stand: 22.04.2016 17:41 Uhr

Die Autohersteller Audi, Porsche, Mercedes, Volkswagen und Opel werden nach Angaben des Verkehrsministeriums insgesamt 630.000 Fahrzeuge zurückrufen. Grund sei eine erforderliche Änderung der Abschaltvorrichtungen für die Abgasreinigung bei bestimmten Temperaturen. Es handele sich um einen freiwilligen Rückruf.

Am Nachmittag trat Verkehrsminister Alexander Dobrindt vor die Presse und bestätigte, was bereits mittags aus Regierungskreisen durchgesickert war: Fast alle deutschen Hersteller werden wegen Unregelmäßigkeiten bei der Abgasbehandlung Autos zurück in die Werkstätten rufen. Europaweit geht es um rund 630.000 Autos von Audi, Mercedes, Opel, Porsche und Volkswagen. Nur BMW bleibt verschont. Der Rückruf erfolge freiwillig, so Dobrindt. Auch Hersteller aus anderen europäischen Ländern seien betroffen, mit diesen sei jedoch noch keine Vereinbarung über einen Rückruf getroffen worden, sagte der Verkehrsminister.

Der Rückruf ist die Folge einer Untersuchung, die der Verkehrsminister im vergangenen September, kurz nach Bekanntwerden der VW-Affäre, in Auftrag gegeben hatte. Der Wolfsburger Konzern musste damals eingestehen, mit Hilfe einer speziellen Software bei Abgaskontrollen betrogen zu haben. In der Folge beauftragte Dobrindt eine Untersuchungskommission und das Kraftfahrtbundesamt (KBA) zu prüfen, ob auch andere Hersteller bei den Abgaswerten tricksen.

Tricks mit dem Thermofenster

Zumindest was die Frage der Software angeht, gab Dobrindt Entwarnung. Von den 53 untersuchten Dieselmodellen habe keines eine Software verwendet, wie sie von VW eingesetzt wurde, so der Minister. Dafür stellten die Prüfer bei zahlreichen Herstellen einen anderen Trick fest: Die Nutzung des sogenannten "Thermofensters“.

Bei den betroffenen Autos werde bei bestimmten Außentemperaturen die Reinigung der Abgase zurückgefahren. Das ist laut einer EU-Richtlinie zwar erlaubt, allerdings nur, wenn ansonsten ein Motorschaden oder ein Unfall droht. In der Untersuchungskommission gibt es allerdings Zweifel, ob diese Vorrichtung bei zahlreichen der überprüften Modellen tatsächlich notwendig ist, um den Motor zu schützen. Die Hersteller wurden deshalb aufgefordert, dieses sogenannte "Thermofenster" auf das tatsächlich notwendige Maß zu beschränken. Der freiwillige Rückruf der 630.000 Pkw erfolgt, damit die Hersteller hier entsprechend nachrüsten können.

"Doping-Tests" für Autos

Betroffen sind bei deutscher Typzulassung unter anderem der Porsche Macan, zudem die VW Amarok und Crafter sowie die Mercedes-Modelle A/B und V-Klasse. Außerdem der Audi Q5 sowie A6 und A8. Von Opel der Zafira, Insignia und Cascada. BMW ist nicht betroffen.

Mit sogenannten "Doping-Tests" will Dobrindt dafür sorgen, dass es mit den Tricksereien bald ein Ende hat. Hersteller sollen dem KBA künftig nachweisen müssen, dass bestimmte Software-Einsätze notwendig sind. Auch sollen Abgaswerte künftig nicht mehr nur im Labor, sondern unter realistischen Fahrbedingungen getestet werden. Verbraucherschützern und Umweltverbänden geht das jedoch nicht weit genug. Und auch die Opposition übt scharfe Kritik am Minister.

VW und Daimler am stärksten betroffen

Betroffen von der Rückrufaktion in Europa sind rund 630.000 Autos von VW, Audi, Porsche, Mercedes und Opel. Ein Großteil der Fahrzeuge, die in die Werkstätten beordert werden, entfallen auf Daimler (247.000) und Volkswagen (293.000).

Die VW-Nutzfahrzeuge-Tochter holt 124.000 Crafter und 70.000 Amarok zurück. Bei Audi sind es 65.700 Autos der Modelle Q5, A6 und A8 mit manuellem Schaltgetriebe, die nach EU-5- und EU-6-Abgasnorm zugelassen wurden - also auch die neuesten Wagen der Modellreihen. Porsche will 33.000 Diesel-Geländewagen vom Typ Macan umrüsten.

Bei Daimler sind die Autos der A-, B-, CLA- und GLA-Klasse sowie die V-Modelle betroffen. Das Software-Update für die Kompaktmodelle betreffe eine Motorvariante von Daimlers Kooperationspartner Renault, die Motoren der V-Klasse stammen von Daimler selbst.

Bei Opel handelt es sich um die Modelle Zafira, Insignia und Cascada.

"Bewerbungsschreiben für Lobbyjob"

"Dobrindt will die Branche vom Haken lassen und nur dort durchgreifen, wo Betrügereien nicht mehr zu vertuschen sind. Sein Bericht gleicht einem Bewerbungsschreiben für einen Lobbyistenjob beim Verband der Automobilindustrie, womit er endgültig alle Grenzwerte politischer Glaubhaftigkeit überschritten hat", so Herbert Behrens, Obmann der Linksfraktion im Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestags zu tagesschau.de.

Auch Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter zeigte sich angesichts der Untersuchungsergebnisse skeptisch: "Misstrauen ist angebracht, wenn der Verkehrsminister das sogenannte Thermofenster für Abschalteinrichtungen großzügig akzeptiert und nur 22 von 53 Modellen zu hohe NOX-Werte bescheinigt", so Hofreiter zu tagesschau.de. Er forderte erneut, einen Untersuchungsausschuss zum Thema einzusetzen.

"Keine Nachteile für Verbraucher"

Der Grünen-Politiker kritisierte auch die deutschen Autobauer: "Es bestätigt sich, was vielfach vehement abgestritten wurde: Der Skandal betrifft nicht nur den VW-Konzern sondern die deutsche Automobilbranche insgesamt", so Hofreiter. Ein Rückruf könne allenfalls der Anfang sein.

Auch Sören Bartol, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, kritisierte die Industrie. Es sei unglaublich, dass fast alle deutschen Hersteller bei der Auslegung der europäischen Vorgaben für die Abgasreinigung getrickst und getäuscht hätten. Matthias Miersch, umweltpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion betonte zudem, dass den Verbrauchern durch die Nachbesserungen der Hersteller "keinesfalls Nachteile entstehen" dürften.

Ähnlich äußerte sich der verkehrspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Ulrich Lange: "Ich erwarte uneingeschränkte Kooperation der betroffenen Hersteller mit den Behörden, aber vor allem, dass die Hersteller jetzt fair und vertrauensbildend mit ihren Kunden umgehen."