Nordsee

Wenn der Treibstoff der Welt versiegt, Teil 3 Niedergang der Erdölförderung in der Nordsee

Stand: 04.07.2012 07:06 Uhr

Derzeit werden weltweit rund 81 Millionen Barrel Öl pro Tag gefördert, bis 2035 könnte die Förderung um mehr als 50 Millionen Barrel pro Tag sinken. Mit unabsehbaren Folgen - Experten befürchten neue politische und militärische Konflikte. Tagesschau.de berichtet in der Reihe "Wenn der Treibstoff der Welt versiegt" über die möglichen Konsequenzen.

Es galt lange als Bollwerk gegen die Abhängigkeit vom OPEC-Öl: das Erdöl aus der Nordsee. Doch die Vorräte gehen rapide zur Neige, die Förderung wird immer teurer und aufwändiger. Trotz neuer Funde in der Nordsee muss bald wieder nach Alternativen und neuen Lieferanten geschaut werden.

Von Ulrich Czisla, NDR, ARD-Taskforce Energie

Sieben Kilometer vor der schleswig-holsteinischen Küste, mitten im Wattenmeer, liegt die einzige deutsche Ölförderplattform Mittelplate. Etwa 120 Beschäftigte der Energie-Konzerne Wintershall und RWE sind hier - in Sichtweite von Friedrichskoog - rund um die Uhr damit beschäftigte, die mit Abstand ertragreichste deutsche Erdölquelle auszubeuten.

Mehr als 40 Bohrungen haben die Experten mittlerweile in den Meeresgrund getrieben - bis zu 6000 Meter weit. Eingesetzt wird dabei modernste Technik, wie Dieter Zettlitzer von RWE-Dea erklärt.

Bohrinsel Mittelplate (Archivbild)
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Mittelplate ist die einzige Ölförderplattform vor der deutschen Küste.

Schon längst werde nicht mehr nur gerade nach unten, sondern - im wahrsten Sinne des Wortes - auch um die Ecke gebohrt: "Im Moment täufen wir eine sogenannte Multilateral-Bohrung ab. Das heißt, das ist eine Bohrung, die nicht nur vertikal, also senkrecht, in die Erde läuft, sondern auch horizontal abgelenkt wird, in die Waagerechte, und zudem auch noch eine Verzweigung aufweisen wird. Wir haben also dann zwei Äste in dieser Bohrung im Bereich der Lagerstätte und können so die Produktivität der Bohrung erhöhen."

Das Ende der Ölförderung in der Nordsee
U. Czisla, NDR
02.07.2012 14:12 Uhr

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Aufwand immer größer

Mit großem technischem Aufwand mehr aus den vorhandenen Bohrlöchern herausholen, das versuchen die Experten nicht nur bei Mittelplate. Auch auf den anderen zurzeit in der Nordsee aktiven, rund 450 Plattformen wird um jeden Tropfen Öl gekämpft. In den vergangenen Jahren ist es gelungen, nicht nur 35 Prozent des in den Feldern vorhandenen Öls auszubeuten, sondern diese Quote auf heute von 50 Prozent und mehr zu erhöhen.

Trotz aller Anstrengungen sind die goldenen Zeiten des Nordsee-Öls aber vorbei. Insgesamt werde Jahr für Jahr immer weniger des fossilen Rohstoffs gefördert, wie Harald Andruleit, Nordsee-Öl-Experte der Bundesanstalt für Geowissenschaften in Hannover, sagt: "Es ist so, dass wir jährlich einen wirklich signifikanten Rückgang haben, der in seiner Deutlichkeit eine eindeutige Sprache spricht. Die Endlichkeit der Vorräte in der Nordsee als Förderprovinz ist absehbar."

Norwegische Ölproduktion geht stark zurück

Konkret heißt das: Im Vergleich zur Jahrtausendwende hat sich die Ölförderung in der Nordsee in etwa halbiert. Zurzeit kann Deutschland noch etwa ein Viertel seines Ölbedarfs aus dieser Region decken - knapp zwei Drittel davon kommen aus Großbritannien, knapp ein Drittel aus Norwegen. Doch das wird sich in Zukunft ändern: In den vergangenen Jahren ist etwa die norwegische Erdölproduktion stärker zurückgegangen als in allen anderen Ländern weltweit.

An diesem Gesamtbild ändern auch neue Öl-Funde - wie im vergangenen Jahr vor der norwegischen Küste - kaum etwas. So groß die Überraschung damals auch war, quantitativ kann die Neuentdeckung den Weltrohöl-Bedarf nur wenige Tage decken. Die Folge der nachlassenden Nordsee-Förderung, so sagen Experten, werde ein wieder steigender Anteil von OPEC-Öl sein. Bis 2030 solle der in Deutschland wieder bei knapp 50 Prozent liegen - so viel wie zuletzt 1977.

Norwegische Bohrinsel in der Nordsee (Archivbild)
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Auch auf den norwegischen Ölplattformen wird immer weniger gefördert.

Was kommt danach?

Das Nordseeöl sei zwar zu ersetzen, sagt auch der Rohstoff-Fachmann des Hamburgischen Weltwirtschaft-Instituts, Leon Leschus, aber: "Man muss auch sehen, dass das Öl aus der Nordsee auch aus einer Region kommt, die politisch sehr stabil ist. Andere Öl-Staaten sind mit großen Unsicherheiten behaftet wie zum Beispiel Libyen, Nigeria, Venezuela, Iran und auch die arabischen Länder. Da sind höhere Risiken. Aber das müssen wir auffangen, in dem wir diversifizieren bei der Ölbeschaffung."

Diversifizieren heißt: Nicht nur auf ein Pferd zu setzen. Zurzeit liefern etwa 40 Staaten Rohöl an Deutschland. Je mehr es in Zukunft werden, desto besser ist es für unsere Versorgungssicherheit.

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