Messebauer bereiten einen Stand auf der Hannover Messe vor | dpa

Wichtiger Wirtschaftsfaktor Der dritte Neustart der Messen

Stand: 29.05.2022 09:33 Uhr

Nach zwei harten Jahren wagt die Messewirtschaft ihren Neuanfang. Die Hannover Messe bildet den Auftakt des Messe-Sommers. Auch Touristikbranche und die Gastronomie hoffen auf einen neuen Schub.

von Notker Blechner, tagesschau.de

Endlich wieder Messe: Die selbst ernannte "Messestadt" Hannover bereitet sich auf eine Welle von Besuchern vor, die zur Industrieschau Hannover Messe anreisen. In Hotels, Pensionen und Privatunterkünften werden Zehntausende Übernachtungsgäste erwartet. Die Industriemesse ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Sie generiert Millionen Euro an Wertschöpfung.

Diese Einnahmen blieben in den letzten beiden Jahren aus. Denn 2020 musste die Hannover Messe wegen der Corona-Pandemie erstmals abgesagt werden. Und 2021 fand die Industrie-Leitmesse nur virtuell statt.

70 Prozent der Messen seit 2020 ausgefallen

Deutschlandweit fielen 2020 und 2021 insgesamt rund 70 Prozent der Messen aus. Der Verband der Messegesellschaften AUMA spricht von einem volkswirtschaftlichen Schaden von 55 Milliarden Euro durch die Corona-Pandemie.

Es war die schlimmste Krise der Nachkriegszeit für die sonst so verwöhnte Branche. Der Umsatz schrumpfte binnen eines Jahres von mehr als vier Milliarden Euro auf 1,2 Milliarden Euro. Fast alle Messegesellschaften rutschten in die roten Zahlen. Einige mussten von den kommunalen und regionalen öffentlichen Anteilseignern gestützt werden. So halfen das Land Hessen und die Stadt Frankfurt der Frankfurter Messegesellschaft mit bis zu 250 Millionen Euro frischem Eigenkapital aus.

Selbst in diesem Jahr lief das Messegeschäft sehr schleppend an. Von den geplanten 140 Events im ersten Quartal konnten nur rund 20 abgehalten werden, die meisten im März. Im April habe von den rund 40 geplanten Messen nur gut die Hälfte stattgefunden, berichtet der Branchenverband AUMA.

Wirtschaftsfaktor von 28 Milliarden Euro pro Jahr

Noch immer sind Messen ein enorm wichtiger Wirtschaftsfaktor für Städte und Regionen. Nach Berechnungen des AUMA brachten die Messen in Deutschland vor der Pandemie jährlich einen volkswirtschaftlichen Beitrag von 28 Milliarden Euro. "An der deutschen Messewirtschaft hängen bis zu 230.000 Jobs", sagt eine Sprecherin des AUMA. Neben Messeveranstaltern und dem Messebau zählen vor allem die Wirtschaftszweige Hotellerie und Gastronomie, Handwerk, Dienstleistungen und Logistik, Transport, Handel sowie die Werbe- und Kreativwirtschaft dazu. Besonders der Geschäftsreise-Tourismus lebt von den Messe- und Kongressgästen. Hotels machen in den Nicht-Urlaubszeiten ein Großteil ihres Geschäfts mit Messegästen. Auch die heimische Gastronomie und die Taxifahrer profitieren von den Messebesuchern.

"Messestädte" wie Hannover, Frankfurt und Berlin hoffen jetzt auf gute Geschäfte mit den großzügigen Gästen. Allerdings dürfte der Effekt zeitlich begrenzt sein. Denn mehr als die Hälfte der Messen finden dieses Jahr im Sommer statt. Ein Teil davon wurde wegen der Corona-Restriktionen vom Frühjahr auf jetzt verschoben. Und: Aus Angst vor wieder anziehenden Neuinfektionen im Spätherbst und Winter haben viele Gesellschaften ihre Messen vorverlegt. Der Messesommer wird vielen Städten also nur im Mai, Juni und ein bisschen noch im Juli positive volkswirtschaftliche Impulse liefern.

Viele Messetermine gleichzeitig

Aussteller und Besucher haben die Qual der Wahl. Gleichzeitig mit der Hannover Messe finden die weltgrößte Umwelt-Messe IFAT in München und die Geschäftsreisen-Messe IMEX in Frankfurt statt. Später im Juni läuft die E-World in Essen parallel zur Analytica in München.

Trotz des Comebacks der Branche werden künftig die Messen nicht mehr so wie früher sein. "Wir stellen uns darauf ein, dass die Messen künftig kleiner ausfallen", erklärt der Vorstandschef der Deutschen Messe AG, Jochen Köckler. Die Messegesellschaften dürften nicht mehr die Maximierung von Ausstellerständen und Besucherzahlen im Blick haben. "Die Quadratmeterdenke ist antiquiert", sagt Wolfram Diener, Chef der Messe Düsseldorf.

Hybride Konzepte setzen sich durch

Teils dürften sich auch hybride Konzepte durchsetzen. Das zeigte sich schon auf dem Deutschen Internistenkongress. Die Veranstaltung fand in Präsenz in Wiesbaden statt. Wer wollte, konnte die Konferenzen aber auch virtuell von Zuhause oder auswärts aus verfolgen.

Laut einer Umfrage der Messe Frankfurt wünschen sich 70 Prozent der befragten Kunden analoge Messen und 27 Prozent hybride Messen. Nur drei Prozent hätten gerne rein digitale Messen. Die absolute Mehrheit der Kunden wolle Messen als persönliche Begegnung, erklärt der Frankfurter Messechef Wolfgang Marzin.

Frankfurter Musikmesse verschwindet

Nicht alle Messen dürften den Wandel überleben. Der Krise zum Opfer fiel bereits die Frankfurter Musikmesse. Nach mehr als 40 Jahren wird die Messe, auf der sich Instrumentenhersteller, Musiker und Fachbesucher trafen, eingestellt. Die Veranstalter begründen die Entscheidung mit der fehlenden wirtschaftlichen Perspektive. Der Präsident des Musikinstrumentenhersteller-Verbands, Gerhard Meinl, sprach gegenüber tagesschau.de von einem harten Schlag. Als kleinen Trost wurde in diesem Jahr der Frankfurter Musikpreis in der Paulskirche an Peter Maffay verliehen.

Selbst die Zukunft der Berliner IFA ist ungewiss. Das IFA-Konsortium streitet sich derzeit laut Medienberichten mit der Messe Berlin über einen neuen Vertrag. Sollte es keine Einigung geben, könnte die Funkmesse nach Frankfurt oder München verlagert werden.

Verband fordert Blankoscheck für Messen auch im Winter

Damit es zu keiner neuen Krise der Messebranche im Spätherbst und Winter kommt, fordert der Branchenverband AUMA von der Politik eine Art Freifahrschein. "Der Gesetzgeber muss jetzt gewährleisten, dass Messen auch im kommenden Winterhalbjahr stattfinden können - und zwar ohne jegliche Zugangs- und Kapazitätsbeschränkungen", erklärte jüngst Philipp Harting, Vorstandsvorsitzender der AUMA. Es müsse "Messe-Machbar-Regeln" geben statt Verboten, Hygienekonzepte statt Personenobergrenzen. "Sonst reden wir dann wieder über ein Messehalbjahr zum Vergessen", betonte er. "Eine weitere Schließungswelle tragen wir nicht mehr mit." Die Branche könne das nicht noch einmal verkraften.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. Mai 2022 um 17:20 Uhr.