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Interview

Interview mit Chaos Computer Club "Für die Spammer geht die Rechnung immer noch auf"

Stand: 19.07.2003 13:40 Uhr

Wieso verschickt eigentlich noch jemand Werbemails? Der Ärger der Nutzer dürfte inzwischen so groß sein, dass kaum noch jemand sich ernsthaft mit den Spam-Mails beschäftigt - geschweige denn, darauf antwortet. Dennoch: Für die Spammer lohnt sich die Sache noch immer, meint Experte Lars Weiler vom Chaos Computer Club. tagesschau.de befragte ihn außerdem zu den Erfolgschancen von Anti-Spam-Gesetzen, Datenschutzproblemen und zur "Goldenen Regel gegen Spam".

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Emailpostfach mit unerwünschten Spam-Mails

tagesschau.de: Viele User sind angesichts der wachsenden Spam-Flut recht hilflos. Nun schreitet die Politik ein: Die EU plant, Ende Oktober strengere Gesetze einzuführen, im US-Bundesstaat Virginia droht Spammern sogar Gefängnis. Wie schätzen Sie die Erfolgschancen ein, gesetzlich gegen Spam-Sünder vorzugehen?

Lars Weiler: Es ist definitiv ein Schritt in die richtige Richtung. Spam wird bekanntermaßen von recht wenigen Personen an eine große Masse versendet. Packt man das Übel an der Wurzel, so wird durch das Ausschalten einiger Spammer ein beachtlicher Teil des Spam-Versandes unterbunden. Der Nachteil ist lediglich, dass die Gesetze der EU auch nur innerhalb dieser angewandt werden können. Der Großteil der Spammer stammt jedoch aus den USA oder Ostasien. Hier müsste verstärkt global zusammengearbeitet werden. Ob letztlich die tatsächliche Anzahl an Spam-Mails verringert wird, ist zu bezweifeln, denn die Zahl der täglichen Spams steigt enorm.

tagesschau.de: Besteht die Gefahr, dass bei der verstärkten Bekämpfung von Spam auch Persönlichkeits- und Datenschutzrechte verletzt werden?

Weiler: Solange die Recherche nach Spammern auf Mitarbeit von Betroffenen beruht und diese nicht ausspioniert werden - beispielsweise durch das Aufzeichnen von persönlichen Mail-Statistiken mittels der Provider - sind keine Bedenken in Richtung Datenschutzverletzung zu nennen.

tagesschau.de: Internet-Provider und Freemail-Anbieter versuchen mittlerweile, die Spam-Massen mit Filtern einzudämmen. Ist es überhaupt realistisch, das Problem jemals technisch in den Griff zu kriegen?

Weiler: Das ist sehr unrealistisch. Im "Chaos Computer Club" gibt es inzwischen das Sprichwort "Gesellschaftliche Probleme lassen sich nicht durch technische Maßnahmen lösen." Man kann zwar eine Infrastruktur aufbauen, die die Spam-Mails recht zuverlässig durch eine Analyse des Inhalts filtert, jedoch werden hin und wieder persönliche Mails als Spam gekennzeichnet und andersherum. Jeder, der solch einen Spam-Filter schon einmal eingesetzt hat, weiß von dem Problem zu berichten.

tagesschau.de: Der neueste Trend sind Programme, die den Computer des Benutzers ohne dessen Wissen als Mailserver für den Versand von Spam missbrauchen. Ist Spam eher ein technisches oder ein Anwenderproblem?

Weiler: Da streiten sich die Geister schon seit langem drüber. Das Problem im beschriebenen Fall liegt darin, dass ein überaus stark verbreitetes Betriebssystem viele Hintertüren in seiner Standardinstallation offen stehen lässt. So ist es ein leichtes Spiel, zum Beispiel für heruntergeladene und falsch betitelte Programme eine Art Mail-Server auf dem "Wirts-Rechner" zu installieren und von dort Spam zu versenden. Jedoch lässt sich jedes Betriebssystem so konfigurieren, dass sich der Anwender vor solchen Programmen schützen kann.

tagesschau.de: Die Zahlen über den Anteil von Spam am weltweiten E-Mail-Verkehr und über die dadurch verursachten Schäden schwanken sehr stark. Was sind Ihre Schätzungen?

Weiler: Es ist sicherlich abhängig davon, wie stark man seine Mail-Adresse verbreitet hat - zum Beispiel auf Webseiten oder über Mailing-Listen, deren Archiv im Internet zur Verfügung gestellt werden. Die meisten Adressen werden über Robots gefunden, die einfach viele Web-Seiten nach Mail-Adressen abgrasen und in deren Datenbank speichern. Schaue ich mir meine privaten Statistiken an, so habe ich ein Spam-Aufkommen von etwa 30 Prozent. Rechne ich dieses jedoch nur auf meinen privaten Mail-Verkehr ohne Mailing-Listen um, so bin ich bei etwa 70 Prozent angelangt. Diverse offizielle Stastitken zu Spam schwanken ebenso in diesem Bereich. Dass Firmen nun klagen, ist nicht verwunderlich. Wie oft hat man sein Mail-Programm nebenbei laufen, wird über eine neue Nachricht informiert, schaut sie sich an und stellt fest: Es ist Spam? Summiert man diese 10 Sekunden, gelangt man schnell in den Minutenbereich - alles kostbare Arbeitszeit. Werden jedoch - wie oben schon erwähnt - Spam-Filter eingesetzt, müssen diese jedoch auch eingerichtet, administriert und ständig aktuell gehalten werden. Auch hierfür wird wieder Arbeitszeit ver(sch)wendet.

tagesschau.de: Warum verschickt überhaupt noch jemand Werbe-Mails? Angesichts der breiten Front gegen Spam dürfte doch kaum noch jemand darauf reagieren.

Weiler: Die Rechnung geht für die Spammer immer noch auf. Nach deren Aussagen gibt es bei 100.000 versandter Spam-Mails immer noch 100 Anfragen. Das ist eine Quote von 0,1 Prozent, aber verglichen zum Aufwand sehr ergiebig. Schließlich braucht nur ein Knopf gedrückt werden, und schon machen sich 100.000 Spam-Mails auf ihre Reise.

tagesschau.de: Drei goldene Regeln zur Spam-Vermeidung?

Weiler: Zur Vermeidung gibt es nur eine goldene Regel: Haben Sie die Kontrolle über Ihre Mail-Adresse(n)! Empfehlenswert sind mehrere Mail-Adressen, beispielsweite eine private, eine öffentliche und eine für dubiose Anmeldungen, bei denen eine Mail-Adresse verlangt wird. Die private Adresse stellen Sie auf keine Webseite, senden damit nicht an Mailing-Listen, posten auch nicht im Usenet. Sie reichen sie nur an ihre Familie und Freunde weiter, denen Sie vertrauen können. So haben Sie zumindest eine Spam-freie Adresse. Die öffentliche Adresse nutzen Sie für Webseiten, Mailinglisten, zum Posten im Usenet und so weiter. Dieses wird über kurz oder lang Ihre Mail-Adresse werden, die einfach nur Spam-verseucht ist, aber noch ab und an eine private Mail enthalten kann. Wenn es Ihnen zu viel wird, wechseln Sie einfach die Adresse. Mit der dritten Adresse geben Sie quasi nur Futter an die Spammer. Wie oft haben Sie schon bei einem Gewinnspiel Ihre private Mail-Adresse angegeben und wundern sich nun über die Werbeflut? Dummerweise steht oft im Kleingedruckten, dass Sie sich damit einverstanden erklären, Ihre Daten an Adresssammler weiterzuverkaufen. Somit können Sie einen Großteil der Mails an diese Adresse einfach löschen.

Die Fragen stellte Patrick Döcke, tagesschau.de. Das Interview wurde per E-Mail geführt.