Interview

Chodorkowski-Interview "Russland ist am Wendepunkt" (10.08.03)

Stand: 26.08.2007 17:45 Uhr

Als ARD-Korrespondent Udo Lielischkies im August 2003 mit dem damaligen Yukos-ChefMichail Chodorkowski sprach, galt der Multi-Milliardär manchen bereits als kommender Präsidentschaftskandidat. Im Interview äußerte der Geschäftsmann bereits seine Furcht vor den "Machtstrukturen" um Präsident Putin. Allerdings hoffte er noch auf die Zurückhaltung des Kreml. Zwei Monate später wurde er verhaftet.

Michail Chodorkowski (Archivbild Oktober 2003)
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Galt als reichster Mann Russlands: Ex-Jukos-Chef Michail Chodorkowski (Archivbild Oktober 2003)

Udo Lielischkies: Die Staatsanwaltschaft hat insgesamt neun Anklagen gegen Mitarbeiter von Yukos erhoben. Was denken Sie über diese Vorwürfe?

Michail Chodorkowski: Die Handlungen der Staatsanwaltschaft sind zweifellos politisch bedingt. Weder ich noch sonst jemand in Russland zweifelt daran. Ich war mir im Klaren darüber, dass es Gegner einer Fusion mit Sibneft geben würde. Ich war aber nicht darauf vorbereitet, dass die Staatsanwaltschaft und der FSB sich derart über das Gesetz hinwegsetzen würden.

Lielischkies: Der Konflikt zwischen Kreml und Yukos hat viele Investoren verunsichert und den russischen Aktienindex stark fallen lasssen. Wie hoch ist der finanzielle Verlust für Yukos?

"Schaden für das Land ist viel höher"

Chodorkowski: Der finanzielle Verlust für Yukos ist nicht so wesentlich. Die Aktieninhaber haben durch den Absturz des Index sechs bis sieben Milliarden Dollar verloren. Der Schaden für das Land ist viel höher. Die Investoren halten sich zurück. Möglicherweise wird auch Geld wieder abgezogen. Wir werden noch viel tun müssen, um den Ruf eines verlässlichen Landes wieder herzustellen. Wenn wir es schaffen, unser Rechtsschutzsystem zu entkriminalisieren und zu reformieren, dann werden wir zu einem ganz normalen europäischen Land.

ARD-Korrespondent Udo Lielischkies
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ARD-Korrespondent Udo Lielischkies

Lielischkies: Sie haben mit anderen Oligarchen vor zwei Jahren mit Präsident Putin eine Vereinbarung getroffen: Politische Zurückhaltung im Tausch gegen die Zusage des Kreml, mögliche Gesetzesverstöße während der umstrittenen Privatisierungen in den neunziger Jahren nicht mehr juristisch zu ahnden. Nun unterstützen und finanzieren sie oppositionelle Parteien. Haben Sie damit gegen ihre Abmachung verstoßen?

"Problem für Putins Umgebung"

Chodorkowski: Der Präsident weiß gewiss, daß alle russischen Unternehmer diese oder jene Partei finanzieren. Für ihn ist das kein Problem. Es ist ein Problem für einen Teil seiner Umgebung, ein Problem für die Machtstrukturen. Für diejenigen, die die Gesellschaft etwas "besser gebaut" sehen wollen.

Lielischkies: Yukos plant eine Fusion mit Sibneft. Sollte diese Fusion zustande kommen, wäre Yukos der viertgrößte Ölkonzern weltweit. Ist diese Machtanhäufung vielleicht auch ein Grund, jetzt gegen Sie vorzugehen?

Chodorkowski: Dem Land täte es sicherlich gut, wenn es eine oder mehrere Firmen von Weltmaßstab gäbe. Die politische Spitze des Landes steht der Fusion positiv gegenüber. In der Präsidialverwaltung und auch in der höheren Bürokratie unseres Landes gibt es allerdings Leute, die nicht wollen, dass in Russland solche großen und unabhängigen Firmen entstehen. Nur so aber wächst eine Zivilgesellschaft, die nicht wie eine Armeekolonne gesteuert werden kann.

Lielischkies: Der Präsident selbst hat sich bisher auffällig mit Äußerungen zu diesem Thema zurückgehalten. Es gibt Beobachter, die glauben, er balanciere lediglich zwischen den beiden Machtgruppen im Land, den Oligarchen und den zahlreichen Vertretern der Geheimdienste im Kreml und in den Ministerien. Ist Putin also gar nicht der starke Mann, als der er im Westen wahrgenommen wird?

Chodorkowski: Es steht außer Zweifel, dass es diese starke Gruppe in seiner Umgebung gibt. Das ist hinderlich für die Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft.

Lielischkies: Was ist Ihre Prognose für die kommenden Tage und Wochen?

Chodorkowski: Ich glaube wir befinden uns an einem Wendepunkt. Entweder werden die Rechtsschutzorgane glauben, dass sie alles machen dürfen - dann entwickelt sich das Land nach dem Muster lateinamerikanischer Staaten des vergangenen Jahrhunderts. Oder die bürgerliche Gesellschaft wird zeigen, dass sie bereit ist, sich zu verteidigen. Dann wäre die Rückkehr zum Totalitarismus nicht mehr möglich. Ich glaube, wir können das schaffen.

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