Interview

Interview mit Oxford-Professor zur IT-Zukunft "Behalten Sie Ihren PC im Haus!"

Stand: 24.04.2007 12:00 Uhr

Das Internet ist auch deshalb so erfolgreich, weil es eine offene Technologie ist. Viren machen diese Offenheit aber zum Problem. Der Trend wird daher zu geschlossenen Systemen wie dem iPhone gehen, meint Oxford-Professor Zittrain. Im Interview mit tagesschau.de erklärt er, warum sich die Nutzer damit keinen Gefallen tun.

Das Internet ist auch deshalb so erfolgreich, weil es eine offene Technologie ist. Viren machen diese Offenheit aber zum Problem. Der Trend wird daher zu geschlossenen Systemen wie dem iPhone gehen, meint Jonathan Zittrain, Professor für Internetregulierung. Im Interview mit tagesschau.de erklärt er, warum sich die Nutzer damit keinen Gefallen tun.

tagesschau.de: In Ihrem neuen Buch schreiben Sie, dass Viren und andere Gefahrenquellen des Internets immer mehr Nutzer dazu bringen, sich auf abgeschlossene, vermeintlich saubere Systeme zu stürzen, bei denen Geräte und Software aus einer Hand kommen - wie Microsofts Xbox oder Apples iPod. Warum sind Sie darüber besorgt?

Jonathan Zittrain: Für die Nutzer wird es in der Tat sicherer und bequemer. Aber es schränkt die zukünftigen Entwicklungsmöglichkeiten der Technologien ein. Das ist ein sehr wichtiger Aspekt, über den die Nutzer nicht nachdenken, wenn sie sich ein technisches Gerät kaufen.

tagesschau.de: Was meinen Sie damit genau?

Zittrain: Wenn solche Geräte nicht mehr von jedem, sondern nur noch von ihren Herstellern umprogrammiert werden können, behindert das Innovationen. Ein großer Teil der Software, die heute existiert, wurden von Außenstehenden geschrieben und dann auf den Mainstream-Geräten eingesetzt.

tagesschau.de: Gibt es für die von Ihnen erwartete Entwicklung denn bereits Anzeichen?

Zittrain: Ein Beispiel ist das iPhone. Apple-Chef Steve Jobs hat angekündigt, dass darauf keine Software von anderen Firmen funktionieren wird. Ähnlich ist es bei Konsolen für Videospiele und in den neuen Versionen von PC-Betriebsysstemen, die sehr viel strikter als bisher kontrollieren, welche Art von Software auf ihnen laufen. Wenn ein massiver Virus auftritt, könnten die User verstärkt solche abgeschlossenen Systeme verlangen.

tagesschau.de: Wie wahrscheinlich ist es, dass Ihr Szenario tatsächlich in großem Stil Realität wird?

Zittrain: Ich glaube, dass es wahrscheinlich ist, aber nicht unausweichlich. Es wird stark davon abhängen, was in den nächsten paar Jahren passiert – und von dem, was sich in den Entwicklungsländern tut. Aktionen wie der XO-PC, der sogenannte 100-Dollar-Laptop, und andere Programme zur Massenverbreitung von Computern in Entwicklungswerden werden meiner Meinung nach einen sehr großen Einfluss auf die zukünftige IT-Entwicklung haben.

tagesschau.de: Warum die Entwicklungsländer?

Zittrain: Die Lehre aus den vergangen zwanzig Jahren ist, dass die meisten nützlichen oder interessanten Online-Innovationen – darunter das World Wide Web – ohne große Finanzierung oder sogar durch Amateure entstanden sind. Wenn das Mainstream-Internet diese Innovationsquellen künftig ausschließt, könnten die Entwicklungsländer, wo offene Technologien eingesetzt werden, zum Labor für neue Programme werden – und dabei vielleicht sogar die Führung übernehmen.

tagesschau.de: Sie sind Professor für Internetregulierung. Sollten Regierungen etwas unternehmen, um die Entwicklung zu steuern?

Zittrain: Ja, ich denke, Regierungen können etwas tun, um ein ausgewogenes Ökosystem bei der Informationstechnologie sicherzustellen. Sie sollten außerdem davon Abstand nehmen, solche vermeintlich "sicheren Geräte" für neue Arten der Überwachung zu benutzen. Bei einigen Geräten ist es möglich, bei allen Nutzern quasi per Fernsteuerung störende Dateien zu löschen, oder ein Mobiltelefon einzuschalten und darüber die Umgebungsgeräusche mitzuhören.

Zur Person

Jonathan Zittrain ist Professor für Internet-Regulierung an den Universitäten Harvard und Oxford. Sein jüngstes Buch beschäftigt sich mit der Zukunft des Internets.

tagesschau.de: Aber könnten Regulierungsmaßnahmen nicht auch innovationshemmend sein, da sie in die freie Marktwirtschaft eingreifen?

Zittrain: Regierungen greifen zu Recht ein, wenn Monopole entstehen und die Unternehmen dann diese Monopolmacht benutzen, um ihre Marktanteile gegen Konkurrenten zu verteidigen. Auch weil Fragen des geistigen Eigentums eine große Rolle spielen, können Regierungen gar nicht neutral sein: Die Gesetze über geistiges Eigentum entscheiden mit darüber, was bei der technischen Entwicklung erlaubt ist und was nicht. Regierungen müssen hier entscheiden, wo und welche Regelungen sie aufstellen und wie sie diese durchsetzen.

tagesschau.de: Und was raten Sie den normalen Verbrauchern? Sollen sie künftig besser Linux-Kurse belegen und alternative Betriebssysteme auf ihren Handys installieren, anstatt sich auf die Annehmlichkeiten des iPhones zu verlassen?

Zittrain: Ja. Behalten Sie Ihren PC im Haus. Geräte wie das iPhone sind prima, aber nur so lange sie nicht das Fortpflanzungszentrum der Informationstechnologie ersetzen!

Die Fragen stellte Fiete Stegers, tagesschau.de