Deutschland Fan Dekoration im Schaufenster einer Herzogenauracher Apotheke, zur Fussball Europameisterschaft | picture alliance/dpa

Konsum rund um die EM Kurbelt der Fußball die Wirtschaft an?

Stand: 11.06.2021 09:55 Uhr

Normalerweise sorgen sportliche Großereignisse für eine gehörige Sonderkonjunktur in der Wirtschaft. Bei der EM wird es in diesem Jahr etwas anders sein.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Eigentlich sollte die "Euro 2020" Europas Wirtschaft, insbesondere den Tourismus ankurbeln. Erstmals findet die Fußball-Europameisterschaft in mehreren Ländern statt - daher war ursprünglich die Hoffnungen der Ausrichter, dass Tausende Fans quer durch Europa reisen, essen gehen, shoppen und in Hotels übernachten. Doch wegen der Corona-Pandemie geht diese Rechnung nicht mehr auf. In den meisten Städten wird nur eine begrenzte Anzahl von Zuschauern zugelassen sein. Viele Fans verzichten auf Reisen und bleiben lieber zuhause vor dem heimischen Fernseher.

Nur begrenzte volkswirtschaftliche Impulse

So dürften die direkten volkswirtschaftlichen Effekte auf die Gastgeberländer der EM begrenzt sein. Die Reisebranche, die Gastronomie und die Hotellerie rechnen mit keinem großen EM-Schub durch ausländische Gäste. Auch in der einzigen deutschen EM-Austragungsstadt München sind die Erwartungen nicht allzu hoch.

Zumal es für die Bauwirtschaft im Vorfeld des Turniers keine Sonderkonjunktur gab - anders als bei früheren Events. Die meisten Stadien wurden für die Europameisterschaft nicht extra modernisiert wie sonst bei großen Sportveranstaltungen. Auch die Infrastruktur in den Austragungsstädten wurde nicht aufwendig saniert. "Da die Spiele in ganz Europa verstreut ausgetragen werden, musste nicht groß investiert werden", erklärt Gert Wagner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) gegenüber tagesschau.de.

Keine Millionen-Investitionen für Infrastruktur und Stadien

Bei den vergangenen Europameisterschaften war das anders: Für die EM 2012 in Polen und der Ukraine. investierten die Ukraine elf Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts und Polen sieben Prozent in den Ausbau der Stadien und der Infrastruktur, wie die Berenberg Bank ausgerechnet hat. Der erhoffte Wirtschaftsboom danach blieb jedoch aus - zumindest in der Ukraine. Erfolgreicher war die EM 2016 in Frankreich: Die Ausrichtung des Turniers im eigenen Land kostete gut 200 Millionen Euro an öffentlichen Ausgaben. Dem standen 1,2 Milliarden Euro an Einnahmen gegenüber. Nach eine Schätzung des europäischen Fußballverbands UEFA kam davon die Hälfte von ausländischen Besuchern. Nicht eingerechnet in die Bilanz sind aber die Kosten von 1,6 Milliarden Euro für den Bau und die Modernisierung der französischen Stadien.

Die größten Impulse dürfte diesmal die EM dem heimischen Konsum bescheren. Viele Deutsche werden voraussichtlich im Juni und Juli mehr Geld für neue Fernseher, Bier, Chips, Grillgut und vielleicht noch ein paar Fan-Artikel ausgeben, um in den eigenen vier Wänden oder im heimischen Garten die EM-Spiele zu gucken. "Grundsätzlich profitieren Konsumgüterfirmen, die auch viel Werbung machen, Sportartikelausrüster, Lebensmittelhersteller und natürlich Biermarken, die besonders gut gehen wenn das Wetter gut ist. Wenn gegrillt wird, wird auch mehr Bier getrunken", meint Kapitalmarktstratege Oliver Roth vom Bankhaus Oddo Seydler.

Mehr Geschäft mit TV-Geräten?

Laut einer Umfrage des Handelsverbands HDE rechnen 41 Prozent der Elektronikhändler mit höheren Umsätzen. Denn die Erfahrungen aus vergangenen Sport-Großevents zeigen, dass "vor und nach Beginn des Turniers besonders große TV-Geräte angeschafft werden", so die Marktbeobachter der Nürnberger GfK. Schon jetzt spüren Elektronikhandelsketten wie MediaMarkt Saturn "ein zunehmendes Interesse an großformatigen TV-Geräten".

Nach dem Ende der Corona-Lockdowns dürfte ohnehin die Konsumlust der Deutschen wieder erwachen. In der Pandemie hatten viele Bundesbürger keine Möglichkeit, ihr Geld für Reisen oder teure Restaurant- und Konzertbesuche auszugeben.

Bierbrauer erhöhen Kapazitäten

Auch andere Branchen glauben an einen EM-Effekt. Jeder dritte Lebensmittelhändler hofft laut HDE-Umfrage auf mehr Einnahmen durch die Europameisterschaft. Besonders die Bierbrauer haben ihre Kapazitäten hochgefahren und hoffen auf ein gutes Sommergeschäft. Allerdings kommt auch ihnen weiterhin Corona in die Quere. Denn Public Viewings, auf denen das Bier in Strömen fließt, werden wohl nur im kleinen Rahmen stattfinden. Bisher "läuft unser Geschäft nur mit gebremstem Schaum", erklärt Holger Eichele, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bundes.

Traditionell als größter Profiteur einer Fußball-EM gelten die Sportartikelhersteller. Adidas, Nike, Puma & Co rüsten sich seit Monaten mit aufwendigen Marketing- und Werbe-Aktionen für das Sportereignis des Jahres. Je weiter das von ihnen ausgerüstete Nationalteam kommt, desto besser laufen die Geschäfte mit den Trikots. Adidas und Nike liefern sich hierbei ein Duell. Die Marke mit den drei Streifen hat mit Spanien, Belgien und Deutschland drei Titelfavoriten im Rennen. Nike kann mit Weltmeister und Titelaspirant Frankreich sowie mit Geheimfavorit England punkten. Adidas stellt zudem den offiziellen Spielball, den Uniforia.

Es kommt auf das Abschneiden an

Wie groß der Konsumeffekt in verschiedenen Ländern ausfällt, hängt letztlich davon ab, wie gut die eigene Mannschaft abschneidet. Sollten die Kicker des scheidenden Bundestrainers Jogi Low eine Neuauflage des "Sommermärchens" von 2006 oder 2014 schaffen, dürfte die Konsumlaune in Deutschland vermutlich noch stärker anspringen. In den Wettbüros gilt das Löw-Team diesmal aber nur als Außenseiter.

Der Gewinn eines WM- oder EM-Titels hat in der Vergangenheit stets nicht nur den Konsum angeschoben, sondern auch die Börsen angesteckt. Der Aktienmarkt des jeweiligen Europa- oder Weltmeisters entwickelte sich nach den Turnieren meist besser als der MSCI World Index. DIW-Ökonom Wagner hält indes den psychologischen Impuls für den wichtigsten: "Wir werden demonstriert bekommen, dass wir in Europa die Pandemie weitgehend im Griff haben. Das wird ein wichtiges Signal sein."

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 11. Juni 2021 um 12:24 Uhr.