Hintergrund

Die wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels Was kostet die Welt?

Stand: 17.07.2008 21:15 Uhr

Der Preis für den Klimawandel ist hoch. Wird nichts getan, könnte ein Fünftel der Weltwirtschaft zusammenbrechen. Doch auch die Klimarettung ist nicht billig. Zahlreiche Studien haben die Kosten des Klimawandels und des Klimaschutzes kalkuliert. tagesschau.de hat die Ergebnisse zusammengefasst.

Von Verena von Ondarza für tagesschau.de

Der Klimawandel und seine Folgen gehören für Bangladesch schon fast zum Alltag. Dabei lebte man hier bislang davon, dass das Wetter eine verlässliche Größe in der landwirtschaftlichen Produktion war. Der Monsun kam immer zur gleichen Zeit. Doch 2007 war er so heftig, dass das Hochwasser viele Deiche eindrückte. Millionen Tonnen Reis schwammen davon.

Satellitenaufnahme von Zyklon Sidr
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Besonders heftiger Monsun: Der Zyklon Sidr im November 2007 über der Bucht von Bengalen in einer Satellitenaufnahme der Nasa

Bis zu 20 Prozent weniger Wirtschaftskraft

Doch der Klimawandel wird nicht nur Entwicklungsländer empfindlich treffen, prophezeit der Stern-Report, eine Studie im Auftrag der britischen Regierung. Bei einem Temperaturanstieg um vier Grad Celsius geht der Bericht von weltweiten Ernteausfällen von bis zu zehn Prozent aus. Insgesamt, so das Ergebnis des Berichts, könnte die Welt in Folge des Klimawandels fünf bis 20 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung einbüßen.

Folgen für Rückversicherer, Tourismus und Bauern

Für Deutschland schätzt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) die Kosten des Klimawandels auf 800 Milliarden Euro in den kommenden 50 Jahren. Den größten Anteil, allerdings auch den am schwersten kalkulierbaren, nehmen dabei die Folgen von Unwettern ein. Allein für die Rückversicherungsbranche rechnet das DIW mit zusätzlichen Kosten von 100 Milliarden Euro. Um die Schäden möglichst gering zu halten, müssten die Deiche erhöht werden und neue Rückhaltebecken für Wasser angelegt werden.

Lech bei Gersthofen
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Kaum Schnee im Winter, Trockenheit im Sommer. Im süddeutschen Lech bei Gersthofen sah es schon 2007 wenig einladend aus.

Leiden wird nach Prognosen des DIW auch die Tourismus-Industrie in Süddeutschland. Bei schneefreien Bergen und heißen Sommern könnten die Touristen ausbleiben und elf Milliarden Euro weniger in die Region bringen. Als ambivalent gelten die Folgen für die Landwirtschaft in Deutschland und Nordeuropa: Die Ernteerträge werden unsicherer, wenn es häufiger zu Unwettern kommt. Allerdings verlängern die für Nordeuropa milden Temperaturen den Erntezeitraum.

Die Ärmsten sind die größten Verlierer

Eindeutige Verlierer des Klimawandels sind bereits heute die ärmsten Regionen der Welt. Denn dort herrschen schon jetzt  hohe Durchschnittstemperaturen und viele Wetterextreme. Bei einem Temperaturanstieg ist schnell die Grenze erreicht, bei der effiziente Landwirtschaft nicht mehr möglich ist. Viele Pflanzen wären schlicht nicht mehr anbaubar. Dabei ist Landwirtschaft immer noch die Haupteinnahmequelle in vielen Entwicklungsländern. Bis zu 13 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung könnte der Klimawandel die Entwicklungsländer kosten, schätzt der Stern-Report.

Neben den direkten Kosten des Klimawandels berücksichtigen die meisten Untersuchungen auch die indirekte Folgen, wie die nachlassende Leistungsfähigkeit der Menschen bei hohen Temperaturen. Nach einer Untersuchung des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) sinkt die Leistungsfähigkeit bei einer Temperatur von über 32°C um zwölf Prozent. Bis zu 2,8 Prozent der Wirtschaftsleistung könnten an solchen Tagen verloren gehen, heißt es. Im Sommer 2003 konnten wir das schon spüren. Die Kosten dieser Hitzewelle werden für Europa auf zehn bis 17 Milliarden Euro geschätzt.

Lohnt sich Klimaschutz überhaupt noch ...

Um das Klima zu stabilisieren, so dass all diese Folgen nicht eintreten, sei eine Reduktion der Emissionen um 80 Prozent nötig, warnt der Stern-Report. Die Kosten der dafür erforderlichen Klimaschutzmaßnahmen werden darin auf nur ein Prozent der Weltwirtschaftsleistung geschätzt.

... oder ist es ohnehin zu spät?

Vergesst den Klimaschutz und baut stattdessen Deiche, fordert hingegen der niederländische Wissenschaftler Salomon Kroonenberg. Der Klimawandel, so argumentiert Kronenberg, sei sowieso nicht aufzuhalten, deshalb solle man sich lieber für die Folgen rüsten. Also Deiche bauen, Häuser und Infrastruktur gegen mögliche Unwetter stabilisieren und Wasserspeicher in trockenen Regionen anlegen.

Aufblasbarer Deich in den Niederlanden
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Der Wissenschaftler Kroonenberg fordert statt Klimaschutzmaßnahmen den Bau neuer Deiche: Dieser hier im niederländischen Ramspol ist aufblasbar.

Tatsächlich würde sich die Erde um weitere 0,5 bis ein Grad Celsius erwärmen, selbst wenn wir alle Emissionen einstellten, heißt es im Stern-Report. Denn das Klima reagiert träge auf positive wie auf negative Veränderungen.

Ein moderner Deich kostet fünf Milliarden Euro

Anpassungen der Infrastruktur an die gewandelten Umweltbedingungen fordert deshalb auch der Stern-Report. Sie seien ein notwendiger Schutz und sie könnten sich rechnen: Nach einer Untersuchung der Weltbank haben Investitionen in den Schutz vor Umweltschäden von 25 Milliarden Euro in den 90er Jahren Schäden von 180 Milliarden Euro verhindert. Künftig, so schätzt die OECD, müssen ihre Mitgliedsstaaten jährlich bis zu 95 Milliarden Euro für die Anpassung an den Klimawandel zahlen. Für die Entwicklungsländer geht die Weltbank von jährlichen Kosten bis zu 24 Milliarden Euro aus.

Ein moderner Deich für Bangladesch für fünf Milliarden Euro könnte womöglich die Folgen des Klimawandels für eines der ärmsten Länder der Welt abmildern. Doch das Bruttoinlandsprodukt von Bangladesch liegt bei nur etwa 42 Milliarden Euro im Jahr. Eine vorausschauende Klimapolitik erfordert deshalb wohl auch ein Umdenken in der Entwicklungspolitik.

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