Ein Schild mit der Aufschrift "Wir schließen" hängt am Rollgitter eines Ladens | dpa

Folgen der Energiekrise Droht ein Herbst der Pleiten?

Stand: 09.09.2022 08:18 Uhr

Mehrere Traditionsfirmen sind zuletzt in die Insolvenz gerutscht. Ist das der Anfang einer Insolvenzwelle, weil Unternehmen von den hohen Energiekosten überfordert sind? Und welche Branchen gelten als besonders gefährdet?

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Im deutschen Mittelstand geht die Angst vor einer Pleitewelle um. Die hohen Energiepreise, die Lieferketten-Probleme und der Fachkräfte-Mangel beunruhigen viele Unternehmer. "Jeden Tag erreichen uns Notrufe von Betrieben, die kurz davor sind, ihre Produktion einzustellen, weil sie die enorm gestiegenen Energierechnungen nicht mehr bezahlen können", klagt Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Handwerks. "Wegen der Energie-Krise rollt auf das Handwerk eine Insolvenz-Welle zu."

Auch der Präsident der Familienunternehmer, Reinhold von Eben-Worlée, zeigte sich besorgt. Die Insolvenzwelle sei bereits im Gang, und sie werde noch viel größer werden, sagte er der "Rheinischen Post": "Zehntausende Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel."

Tausende Mitarbeiter betroffen

Von mehreren Traditionsfirmen wurde in den vergangenen Tagen bekannt, dass sie zahlungsunfähig sind. Der Toilettenpapier-Hersteller Hakle mit zuletzt mehr als 200 Beschäftigten sowie der Schuhhändler Görtz mit knapp 2500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mussten Insolvenz anmelden. Auch der Autozulieferer Dr. Schneider aus dem oberfränkischen Kronach stellte einen Insolvenzantrag. 2000 Beschäftigte seien davon betroffen, hieß es.

Mehrere Experten sehen eine Trendwende bei Insolvenzen - wenn auch auf bislang niedrigem Niveau. Nachdem jahrelang die Zahl der Pleiten zurückgegangen war und in der Corona-Pandemie sogar ein 30-Jahres-Tief erreichte, zieht sie nun an. Im August waren es bereits 25 Prozent mehr Fälle als im Vorjahresmonat.

Konsum-Zurückhaltung und teure Energie

Noch sieht Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) keinen Anlass zu großer Besorgnis. In der ARD-Sendung Maischberger verneinte er die Frage, ob er mit einer Insolvenzwelle bis Ende des kommenden Winters rechne. Er könne sich vorstellen, dass bestimmte Branchen erstmal aufhörten, zu produzieren - etwa Blumenläden, Bioläden und Bäckereien. Solche Betriebe hätten echte Probleme, wenn es eine Kaufzurückhaltung der Kunden gebe. "Dann sind die nicht automatisch insolvent, aber sie hören vielleicht auf zu verkaufen", sagte Habeck. "Wir befürchten, dass viele Bäcker dann aufgeben müssen." Indes kündigte der Minister auch zusätzliche Hilfe für Unternehmen in Not an. Die Regierung müsse den "Schutzschirm größer aufspannen".

Die Äußerungen Habecks sorgten im Bäckerhandwerk für viel Wirbel. Es scheine so, als habe der Minister die Probleme des Handwerkbäckers nicht im Blick, monierte Daniel Schneider, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks. Eine Bäckerei könne nicht einfach für drei Monate schließen und danach weiter laufen. "Brot essen wird nicht nachgeholt." Er lud Habeck ein, "sich direkt in der Backstube ein Bild von der schwierigen Situation eines mittelständischen Unternehmers zu machen".

Bäcker in Existenznöten

"Die Bäckerseele kocht", sagte Johannes Kamm, Geschäftsführer der Bäcker-Innung Berlin, der "Berliner Zeitung". Es habe viele Rückmeldungen aus den Betrieben gegeben, das Telefon stehe nicht mehr still. Im Fernsehen zu hören, dass die Politik keine Antworten auf die neuen Krisen habe, sei ein harter Schlag.

Einige Bäckereien könnten Opfer der Energiekrise werden. Über zwei Drittel von ihnen betreiben ihre Öfen mit Gas. Die massiven Preissteigerungen treffen sie nun mit voller Wucht. Es gebe Betriebe, die nicht wüssten, wie sie die nächsten Monate überstehen sollen, sagte Innungsvertreter Kamm.

Gefahr für verschiedene Branchen

Daniel Bergner, Geschäftsführer im Verband der Insolvenzverwalter und Sachwalter, sieht vor allem Branchen in Gefahr, die die höheren Erzeugerpreise nicht an ihre Kunden weitergeben können. Dazu zählen Bäckereien. Die Betriebe könnten nicht einfach deutlich die Brötchenpreise erhöhen, dann würden ihm die Kunden weglaufen und zur nächsten Bäckereifiliale gehen, sagte er tagesschau.de.

Als unmittelbar insolvenzgefährdet sieht Bergner auch energieintensive Branchen. Exemplarisch nannte er die Keramik- und Glasindustrie, die viel Energie einsetzen, um ihre Produkte herzustellen. Auch die Recycler von Schrott-Metallen könnten unter Druck geraten. Weitere energieintensive Branchen, die in den insolvenzstrudel rutschen könnten, seien die Papierhersteller, die Transport- und die Logistikindustrie, sagt Patrick-Ludwig Hantzsch, Leiter Wirtschaftsforschung und Sprecher von Creditreform.

Experten erwarten deutlichen Anstieg - aber keinen "Tsunami"

Verbandsgeschäftsführer Bergner rechnet mit einem deutlichen Anstieg der Pleiten um bis zu 40 Prozent in den nächsten zwölf Monaten. Trotzdem sei kein "Tsunami" zu erwarten. Die Zahl der Insolvenzen sei immer noch auf einem extrem niedrigen Stand. Anfang des Jahrzehnts seien es noch doppelt so viele Insolvenzen gewesen wie heute.

Auch Steffen Müller vom Institut für Wirtschaftsforschung in Halle sieht die Lage nicht allzu dramatisch. Zwar rechnet auch er mit deutlich mehr Pleiten, aber von einer Insolvenzwelle will er noch nicht sprechen. "Dafür ist das Niveau, von dem aus wir starten, einfach zu gering", sagte er tagesschau.de.

Großinsolvenzen meist zu Beginn einer Krise?

Bei der Analyse der vergangenen zwei Jahrzehnte hat der Experte beobachtet, dass besonders zu Beginn einer Krise größere Unternehmen in die Insolvenz rutschen. Im weiteren Verlauf der Krise sinke die Zahl der großer Pleiten dann aber wieder. "Es ist daher gut möglich, dass wir in den nächsten Wochen und wenigen Monaten vermehrt größere Insolvenzen erleben", so Müller. Das bedeute aber nicht zwangsläufig, dass es über einen längeren Zeitraum ein Sterben großer namhafter Unternehmen geben werde.

Was einigen Unternehmen etwas Luft verschaffen könnte: Die Bundesregierung plant großzügigere Insolvenzregeln für Unternehmen, die im Kern gesund sind und unter geänderten Bedingungen langfristig überlebensfähig. Firmen, die aber schon vor dem steilen Anstieg der Energie- und Rohstoffpreise Probleme hatten, könnten es schwer haben, durch den Winter zu kommen.

Einzelhändler und Gastronomie unter Druck

Als mögliche Pleite-Kandidaten gelten auch stationäre Einzelhändler, die besonders unter der Konkurrenz des Online-Handels leiden. Sollten sich die Deutschen beim Konsum noch stärker zurückhalten, könnten weitere Unternehmen wie der Schuhhändler Görtz Probleme bekommen.

Insolvenzen sind ebenfalls in der Gastronomie und Hotellerie zu befürchten. Die Branche leidet noch immer unter den Spätfolgen von Corona. Zudem fehlt ihnen Personal. Das sei ein weiterer Faktor, der Insolvenzen auslösen könne, so Experte Bergner: "Immer mehr Firmen machen dicht, weil sie keine Leute mehr haben."

Insolvenz-Rückstau aus der Corona-Zeit

Einen "Insolvenz-Rückstau" aus der Corona-Zeit sieht Creditreform-Sprecher Hantzsch. "Durch die staatlichen Hilfsmaßnahmen wurde bei vielen Betrieben eine Zahlungsunfähigkeit künstlich verhindert." Diese angeschlagenen Unternehmen träfen jetzt auf ein gefährliches Umfeld - mit hoher Inflation, explodierenden Energiepreisen, steigenden Zinsen, fehlenden Mitarbeitern und zerrissenen Lieferketten.