Händler an der New Yorker Börse | picture alliance / Xinhua News A

Angst vor zu aggressivem Zinskurs Börsen-Talfahrt geht weiter

Stand: 15.09.2022 22:35 Uhr

Die Rezessionssorgen belasten weiter die Aktienmärkte: An der Wall Street und auch im DAX sackten die Kurse heute erneut ab. Droht ein heißer Börsen-Herbst?

Wie weit geht die Fed? Das fragen sich derzeit viele Anleger angesichts der immer noch hohen Inflation. Bei ihrer geldpolitischen Sitzung in der nächsten Woche dürfte die US-Notenbank die Leitzinsen kräftig um wohl 0,75 Prozentpunkte nach oben schrauben. Einige Investoren halten sogar eine Zinserhöhung um einen vollen Prozentpunkt für möglich.

Kommt der Jumbo-Zinsschritt in den USA?

Robuste Konjunkturdaten schürten heute Spekulationen auf weitere drastische US-Zinserhöhungen. Die US-Einzelhändler steigerten ihre Umsätze im August überraschend, während in der vergangenen Woche weniger Amerikaner Arbeitslosenhilfe beantragten als gedacht. "Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind recht gut", sagte Mabrouk Chetouane, Chef-Anlagestratege des Vermögensverwalters Natixis.

Fed könnte Rezession auslösen

Am Markt wird befürchtet, dass die straffe Geldpolitik der Zentralbanken zur Eindämmung der hohen Inflation die Wirtschaft in eine ausgeprägte Rezession abgleiten lässt. Eine dauerhaft zu hohe Inflation wäre aber noch gefährlicher.

Angesichts der ungewissen Aussichten meiden Anleger Aktien. Die Wall Street gab heute erneut nach. Der Dow Jones büßte 0,6 Prozent ein und erreichte den tiefsten Stand seit Juli. Besonders Tech-Aktien wurden verkauft. Der technologielastige Nasdaq 100 rutschte um 1,7 Prozent auf unter die Marke von 12.000 Zählern ab.

Im Sog der schwachen US-Börsen gab der DAX heute den dritten Tag in Folge nach. Er fiel um 0,6 Prozent und rutschte auf 12.956 Punkte. Damit sind fast die kompletten Gewinne im September aufgebraucht. Laut dem Bernecker-Börsenbrief "Bernecker-Daily" geht "der Kampf um die Stabilisierung der Märkte gegen die Ängste einer deutlichen Zinsanhebung" weiter.

"Neutraler Zins" in Europa in der Diskussion

Zwar ist die Fed im Zinszyklus der EZB weit voraus, aber auch Europas Notenbanker diskutieren derzeit verstärkt, wohin die Zinsreise gehen könnte. So könnte die Bank nach Einschätzung von Frankreichs Notenbankchef Francois Villeroy de Galhau bis Ende des Jahres ein Zinsniveau erreichen, mit dem die Wirtschaft weder gebremst noch angeschoben wird. Notenbanker sprechen in diesem Zusammenhang vom sogenannten "neutralen Zins". Dieser Satz liege für die Eurozone geschätzt bei unter oder nahe zwei Prozent, sagte Villeroy gestern vor dem Internationalen Währungsfonds (IWF). "Und wir könnten bis Ende des Jahres dort sein", fügte er hinzu. "Bis dahin müssen wir auf jeden Fall entschlossen, aber geordnet handeln."

Der Euro blieb leicht unter der Parität zum US-Dollar bei 0,9996 Dollar. Nach den zuletzt hohen Inflationsdaten aus den USA gehörte das jüngste Zwischenhoch der Gemeinschaftswährung in Richtung 1,02 Dollar schnell wieder der Vergangenheit an.

Deutsche Großhandelspreise schwächen sich ab

Der starke Preisauftrieb im deutschen Großhandel hat sich derweil erneut etwas abgeschwächt, bleibt aber auf hohem Niveau. Im August erhöhten sich die Großhandelspreise gegenüber dem Vorjahresmonat um 18,9 Prozent, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Es ist bereits der vierte Monat in Folge mit leicht rückläufigen Preissteigerungen. Im April hatte der Anstieg mit 23,8 Prozent einen 60-jährigen Höchststand markiert.

EU-Handelsbilanz mit Rekorddefizit

Das bereits hohe Handelsdefizit der Eurozone hat sich im Juli nochmals ausgeweitet. Gegenüber dem Vormonat sei das saisonbereinigte Defizit um 8,1 Milliarden auf 40,3 Milliarden Euro gestiegen, teilte das Statistikamt Eurostat mit. Das ist das mit Abstand höchste Defizit im Außenhandel seit Bestehen des Währungsraums. Besonders stark erhöhten sich die Energieimporte - eine Folge der wegen des Ukraine-Kriegs stark gestiegenen Energiepreise. Der Saldo der Handelsbilanz ergibt sich aus der Differenz zwischen Exporten und Importen. In der Regel verzeichnen die Eurozone und die EU deutliche Überschüsse im Außenhandel.

Der stärkere US-Dollar und die Aussicht auf weitere aggressive Zinsanhebungen der US-Notenbank drückten den Goldpreis auf den niedrigsten Stand seit April 2020. Die Feinunze des Edelmetalls verbilligte sich auf 1662 Dollar. An den Terminbörsen wird eine Wahrscheinlichkeit von 37 Prozent gesehen, dass die US-Notenbank die Zinsen bei ihrer Sitzung nächste Woche um 100 Basispunkte anheben wird. Das würde dazu führen, dass Gold unter die Marke von 1680 Dollar je Feinunze fallen werde, sagte Finanzexperte Michael Langford von der Beratungsfirma AirGuide.

Auch die Ölpreise gerieten unter Druck. Ein Fass der Nordseesorte Brent kostet derzeit rund vier Prozent weniger. Nach wie vor notieren die Preise aber auf einem vergleichsweise hohen Niveau. Die erwartete Abschwächung der globalen Konjunktur und die vielerorts steigenden Zinsen dämpfen die Aussichten für die Nachfrage nach Rohöl, Benzin und Diesel.

Gaspreise steigen wieder

Unterdessen zogen mit den fallenden Temperaturen die Gaspreise weiter an. Der europäische Future gewann gut fünf Prozent auf 227,25 Euro je Megawattstunde. Investoren befürchteten, dass der kommende Winter nicht wie erhofft milde ausfallen werde und es daher zu akuten Versorgungsengpässen komme, sagte ein Börsianer. Ein weiterer Preistreiber sei das Ringen in der EU um einen Preisdeckel für russisches Gas.

Im Blickpunkt stand heute mal wieder VW. Der frühere Volkswagen-Chef Martin Winterkorn wird vorerst nicht beim großen Betrugsprozess zu "Dieselgate" in der Braunschweiger Stadthalle erscheinen. Das abgetrennte Verfahren gegen den Ex-Konzernboss könne nur separat geführt werden, sagte ein Sprecher des Landgerichts. Eine Rückführung des Komplexes in das laufende Verfahren ist ihm zufolge nicht möglich.

Ein Beginn der Verhandlung gegen Winterkorn ist damit überhaupt nicht absehbar. Gegen die vier weiteren in diesem Verfahren angeklagten früheren Führungskräfte wird mittlerweile seit einem Jahr in der Braunschweiger Stadthalle verhandelt. Ihnen wird unter anderem gewerbs- und bandenmäßiger Betrug mit Täuschungsprogrammen in der Abgassteuerung von Millionen Dieselautos vorgeworfen. Der Komplex gegen den mittlerweile 75-jährigen Winterkorn war zum Auftakt aufgrund eines medizinischen Gutachtens abgetrennt worden.

Volkswagen nutzt den bevorstehenden Börsengang von Porsche zu einem werbewirksamen Fingerzeig auf das berühmteste Modell der Stuttgarter Sportwagenschmiede. In Anspielung auf den Autoklassiker Porsche 911 ist das Grundkapital der Porsche AG in 911 Millionen Aktien eingeteilt, wie es auf der Internetseite von Porsche zu der Emission heißt. Jeweils die Hälfte davon sind Vorzugs- und Stammaktien. Bis zu 25 Prozent der stimmrechtslosen Vorzüge - also 12,5 Prozent des Grundkapitals - sollen bei Anlegern platziert werden. Darunter ist auch das an Volkswagen beteiligte Emirat Katar, das bereit ist, bis zu einem Fünftel der Emission zur zeichnen.

Der Aufsichtsrat von Volkswagen soll zwei Insidern zufolge am Sonntagabend zusammenkommen. Einer der Eingeweihten sagte, das Gremium werde dann über die Bewertung der Porsche AG beraten und damit die Preisspanne festlegen, in der die Aktien angeboten werden sollen. Einem Insider zufolge könnte die Porsche AG beim Börsengang mit 70 bis 80 Milliarden Euro bewertet werden.

Die Aktien von Delivery Hero gaben im MDAX deutlich nach. Ein Händler verwies auf eine Unternehmensmitteilung, wonach Konzernchef Niklas Östberg und der Chief Operating Officer Pieter-Jan Vandepitte eigene Aktien verkauft hätten. "Das ist ein negatives Signal", sagte der Börsianer.

Papiere von Hochtief standen dagegen im SDAX mit einem Plus von knapp sechs Prozent an der Spitze. Der italienische Infrastrukturkonzern Atlantia verkauft seinen Anteil am deutschen Baukonzern an den spanischen Mehrheitsaktionär der Deutschen, den spanischen Baukonzern ACS. Die Spanier zahlen 51,43 Euro und übernehmen den gesamten Atlantia-Anteil von 14,46 Prozent. Bisher hielten sie 53,5 Prozent der Anteile.

Wael Sawan wird neuer Konzernchef des Ölriesen Shell. Der bislang bei dem Konzern für Gas und erneuerbare Energien zuständige Manager solle zum Jahreswechsel Ben van Beurden an der Spitze ablösen, teilte der Konzern heute mit. Sawans Berufung erfolgt zu einem entscheidenden Zeitpunkt für den Ölgiganten, der sich zum Ziel gesetzt hat, seine klimaschädlichen Emissionen bis 2050 auf Null zu reduzieren und sich von fossilen Brennstoffen zu verabschieden. Der Kanadier arbeitet seit 1997 bei Shell und ist seit drei Jahren Mitglied des Exekutivausschusses.

Der Elektroautobauer Tesla setzt einem Medienbericht zufolge seinen Plan zur Herstellung von Batterien in Deutschland aus. Das US-Unternehmen wolle seine Batterie-Strategie ändern, um von Steueranreizen in den USA zu profitieren, berichtet das "Wall Street Journal" (WSJ) unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen. US-Präsident Joe Biden hatte im vergangenen Monat ein neues Gesetz ("Inflation Reduction Act") unterzeichnet, das unter anderem milliardenschwere Steueranreize für E-Autobauer vorsieht.

Milliarden-Übernahme von Adobe

An der Wall Street brachen die Papiere von Adobe um fast 17 Prozent ein. Das ist der größte Tagesverlust seit zwölf Jahren. Der "Photoshop"-Anbieter will Figma, einen Spezialisten für Software zur kollaborativen Online-Arbeit, für 20 Milliarden Dollar schlucken. Analysten bezeichneten den Preis als zu hoch.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 15. September 2022 um 09:00 Uhr.