Händler an der New Yorker Börse | picture alliance / Xinhua News A
Marktbericht

Nach schwacher Konsumstimmung US-Aktienmärkte drehen ins Minus

Stand: 28.06.2022 22:25 Uhr

Wie wacklig das Marktumfeld derzeit an der Wall Street ist, hat der heutige Tag gezeigt. Ein schwaches Konsumentenvertrauen hat Zins- und Rezessionsängste wieder befeuert und für Verluste gesorgt.

Die US-Aktienmärkte haben nach zunächst freundlichem Handelsstart die Richtung gewechselt und im Verlauf ihre Verluste ausgebaut. Der Leitindex Dow Jones, der anfangs noch bis zu 1,3 Prozent zugelegt hatte, schloss am Ende 1,56 Prozent schwächer bei 30.946 Punkten. Die Tech-Aktien gaben deutlicher nach. Der Composite-Index sackte um 2,98 Prozent auf 11.181 Punkte ab, der Auswahlindex Nasdaq 100 ging bei 11.637 Punkten um 3,09 ebenfalls deutlich leichter aus dem Handel. Der marktbreite S&P-500-Index schloss bei 3821 Zählern, ein Tagesverlust von 2,01 Prozent.

In New York wie auch hierzulande sorgten die Corona-Lockerungen in China zunächst für bessere Stimmung. Dies mache Hoffnung für die Lieferketten, da die jüngsten Beschränkungen in Fernost zuletzt für Lieferengpässe auf der ganzen Welt verantwortlich gewesen seien, hieß es am Morgen.

US-Verbraucher verderben die Party

Aber eine merkliche Eintrübung des vom privaten Forschungsinstituts Conference Board ermittelten Verbrauchervertrauens läutete dann die Kehrtwende am Aktienmarkt ein. Denn die Stimmung der US-Konsumenten hat sich im Juni wegen der hohen Inflation so stark eingetrübt wie seit Februar 2021 nicht mehr. Das Barometer für die Verbraucherlaune fiel auf 98,7 von revidiert 103,2 Punkten im Mai und damit stärker als erwartet. Ökonomen hatten nur mit einem Rückgang auf 100,4 Zähler gerechnet.

Die Verbraucher bewerteten die aktuelle Lage etwas skeptischer und die Aussichten deutlich pessimistischer als zuletzt. Die Inflation in den USA war im Mai auf 8,6 Prozent geklettert - das ist der höchste Wert seit 1981. Dies schmälert die Kaufkraft der Verbraucher. Angesichts der rasant steigenden Verbraucherpreise verschärft die US-Notenbank mit aggressiven Zinsschritten bereits ihren geldpolitischen Kurs, um die Teuerung zu bremsen

"Die meisten Anleger akzeptieren die Tatsache, dass die Wirtschaft eine harte Landung erleben wird", sagte David Petrosinelli, Händler bei InspereX. Während die Verbraucher in den USA die aktuelle Lage nur leicht skeptischer bewerteten, schätzten sie die Aussichten deutlich pessimistischer ein. Dahinter stecke die Furcht vor der Inflation, angefacht vor allem durch steigende Gas- und Lebensmittelpreise, konstatierte Lynn Franco vom Conference Board. "Die Erwartungen sind nun deutlich unter einen Wert von 80 gefallen, was auf ein schwächeres Wachstum in der zweiten Jahreshälfte 2022 sowie auf ein wachsendes Rezessionsrisiko zum Jahresende hindeutet."

Nike sacken ab, Banken gefragt

Unter den Einzeltiteln gaben die Papiere des Adidas-Konkurrenten Nike deutlich sieben Prozent nach. Der weltgrößte Sportartikel-Konzern hatte bei der Zahlenvorlage am Vorabend ein trübes Bild von den Aussichten vor allem auf dem lukrativen chinesischen Markt gezeichnet.

Nachdem die großen US-Banken vergangene Woche ihren jährlichen Stresstest der US-Notenbank bestanden haben, punkteten gleich mehrere Kreditinstitute bei Anlegern mit Ankündigungen von Aktienrückkäufen und Dividendenerhöhungen. Morgan Stanley kündigte gestern Aktienrückkäufe im Volumen von bis zu 20 Milliarden Dollar und eine Erhöhung der Quartalsdividende von 70 auf 77,5 Cents je Aktie an. Auch die Rivalen Bank of America, Goldman Sachs, State Street und Trust Financial gaben bekannt, ihre Dividenden anzuheben.

DAX kann Gewinne nicht halten

So schnell kann es gehen an der Börse. Im späten Geschäft hat der DAX im Sog einer sich abschwächenden Wall Street fast seine gesamten Gewinnen wieder abgegeben. Der deutsche Leitindex ging am Ende bei 13.231 Punkten aus dem Handel, es blieb ein leichter Tagesgewinn von 0,35 Prozent. Der Index schloss damit nahe seines Tagestiefs bei 13.221 Punkten, nachdem er noch am Nachmittag bis knapp an sein Tageshoch bei 13.358 Punkte herangekommen war.

Es war aber trotz der schwachen Schlusstendenz der dritte Gewinntag in Folge. Die am Freitagnachmittag in den USA eingeleitete überraschende Zwischenhochphase hat damit erst einmal weiter Bestand. Allerdings zeigte der Handelsverlauf, wie wechselhaft die Kursbewegungen derzeit sein können. Konkret folgte der deutsche Leitindex wie zuletzt schon der Tendenz an der Wall Street, die sich im Verlauf abschwächte. Gestern war der deutsche Leitindex mit einem Aufschlag von 0,5 Prozent auf 13.186 Punkte aus dem Handel gegangen.

Noch keine Entwarnung in Sicht - Ölpreise steigen wieder

Bei den Anlegern kamen Lockerungen der Quarantänebestimmungen in China gegen das Coronavirus zunächst gut an. Allerdings sorgt dies gleichzeitig für neue Fantasie am Ölmarkt, schließlich ist China einer der größten Ölverbraucher der Welt. Höhere Energiepreise sind aber derzeit die Achillesferse der Weltwirtschaft, denn sie treiben die Inflation und rufen die Notenbanken auf den Plan.

Gestern ging es drei Prozent bergauf mit dem "schwarzen Gold", und auch heute kletterten die Preise weiter. Dies auch, weil der Ölfluss aus dem Opec-Land Libyen derzeit fast komplett versiegt ist, so dass sich die Angebotssorgen wieder verschärfen. Nach Einschätzung von Rohstoffexperte Carsten Fritsch von der Commerzbank ist ein weiterer Rückgang der libyschen Ölproduktion nicht auszuschließen.

Der Euro fällt derweil wieder deutlicher unter die Marke von 1,06 Dollar, die er gestern leicht überschritten hatte. Die Europäische Zentralbank setzte den Referenzkurs auf 1,0561 (Montag: 1,0572) Dollar fest. Im US-Handel setzt sich der Abschwung fort, aktuell werden 1,0520 Dollar für einen Euro bezahlt.

EZB im Fokus

Experten warnen derweil weiter davor, dass jederzeit Rezessionsrisiken wieder auf der Agenda stehen können. Vor allem, wenn die Notenbanken im Zinszyklus aggressiver werden sollten. Die Befürchtungen der Marktteilnehmer, dass dadurch die Konjunktur abgewürgt werden könnte, sind keinesfalls vom Tisch.

Aufhorchen lassen dabei Aussagen von EZB-Vertretern. So sollte laut Ratsmitglied Martins Kazaks im Juli eine größere Zinserhöhung um 0,5 Prozentpunkte in Betracht gezogen werden. Diese Aussage hatte am Vormittag die Kursgewinne vorübergehend etwas abschmelzen lassen.

Zudem sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde, die EZB könnte angesichts der hartnäckig hohen Inflation das Tempo bei der Normalisierung der Geldpolitik in den nächsten Monaten erhöhen. Im portugiesischen Sintra findet derzeit das jährliche geldpolitische Symposium der Notenbank statt. Bisher ist die EZB im Vergleich zur US-Notenbank Federal Reserve (Fed) nur sehr zögerlich vorgegangen, die hohen Inflationsraten setzen sie nun aber immer mehr unter Druck.

Nervosität auch am Anleihemarkt

Am Anleihemarkt wächst anlässlich des Notenbanker-Treffens ebenfalls die Nervosität. Dies trieb die Rendite der zehnjährigen Bundestitel auf bis zu 1,673 Prozent, am Nachmittag beruhigte sich der Rentenmarkt dann wieder etwas.

EZB-Ratsmitglied Pierre Wunsch sprach sich dafür aus, dass die Europäische Zentralbank den mit stark steigenden Zinskosten konfrontierten Euro-Ländern großzügig helfen solle. "Ich würde sogar sagen, dass es keine Grenzen geben sollte", sagte der belgische Notenbankchef. Die EZB arbeitet derzeit an einem Instrument, das den Renditeanstieg in stark verschuldeten Ländern wie Italien eindämmen soll.

Konsumklima auf Rekordtief

Hinzu kommen sich verschärfende Konjunktursorgen: Die Stimmung der Verbraucher sinkt auf ein neues Rekordtief. Vor allem der Anstieg der Lebenshaltungskosten von derzeit knapp acht Prozent drücke "schwer auf die Stimmung der Verbraucher und schickt diese auf Talfahrt", erklärte das Marktforschungsunternehmen GfK.

"Woher soll noch gute Laune beim Konsumenten kommen? Bei jedem Gang in den Supermarkt ist die Rechnung höher als beim Einkauf zuvor", stellt Andreas Scheuerle, Ökonom bei der Deka Bank, fest.

VW-Chef Diess: "Verdienen so viel wie nie"

Bei Volkswagen sprudelt der Gewinn. "Wir verdienen so viel wie nie - trotz Halbleiter-Mangel und stockenden Lieferketten", sagte Konzernchef Herbert Diess heute auf einer Belegschaftsversammlung des DAX-Konzerns in Wolfsburg. Der seit vielen Monaten anhaltende Engpass bei elektronischen Bauteilen entspanne sich endlich. "Wir fahren unsere Volumen hoch, nicht nur in Deutschland, sondern vor allem auch in China." Angesichts der Unsicherheit durch den Ukraine-Krieg und der Sorgen vor einer Wirtschaftskrise werde der Konzern die Produktion aber vorsichtig wieder steigern, "nicht blind auf 100 Prozent Auslastung gehen".

Volkswagen sehe sich auch gut vorbereitet für das auf europäischer Ebene diskutierte Aus von Autos mit Verbrennungsmotoren ab 2035. Nach wochenlangen Spekulationen über ein Scheitern der Tochter Cariad, einem Kernprojekt von Volkswagen für den Wandel zu einem Software-gestützten Autokonzern, gab Diess auch die Einigung auf ein gemeinsames Konzept bekannt. Der Konzernchef nutzte die nach vielfachem Zwist erreichte Einigkeit auch, um sich von Tesla abzuheben. Während Volkswagen Fahrt aufnehme, schwächele der US-Elektroautopionier, sagte er. Das müsse VW nutzen, um vorbeizuziehen.

Siemens Healthineers will Aktien zurückkaufen

Der Medizintechnikkonzern Siemens Healthineers will für bis zu 250 Millionen Euro eigene Aktien zurückkaufen. Mit dem Geld sollen bis zu neun Millionen Stückaktien für aktienbasierte Vergütungs- oder Belegschaftsaktienprogramme erworben werden. Der Rückkauf soll am Mittwoch beginnen und längstens bis zum 20. Januar dauern.

Italienischer Thyssen-Partner De Nora an der Börse

Der italienische Wasserstoff-Spezialist De Nora hat den Sprung an die Mailänder Börse geschafft. Die Aktien wurden aber am unteren Ende der Preisspanne ausgegeben, die von 13,50 bis 16,50 Euro reichte. Die Emission sei auf diesem Niveau 3,5-mal überzeichnet gewesen. Der Hersteller von Elektroden, die zur Herstellung von "grünem Wasserstoff" mit Hilfe von Erneuerbaren Energien gebraucht werden, wird zum Ausgabepreis mit insgesamt 2,72 Milliarden Euro bewertet. Bis zu 20 Prozent an De Nora sind künftig in den Händen neuer Aktionäre.

Kryptobörse FTX erwägt Übernahme von Online-Broker Robinhood

Die Kryptobörse FTX erwägt einem Medienbericht zufolge die Übernahme des Online-Brokers Robinhood Markets. FTX berate intern, ob ein Erwerb möglich sei, berichtet die Agentur Bloomberg unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen. Robinhood habe bislang kein offizielles Angebot erhalten. Robinhood lehnte einen Kommentar dazu ab. Im vergangenen Monat war bekannt geworden, dass der Chef der Kryptobörse seinen Anteil bei Robinhood aufgestockt hat. Robinhood wurde im Rahmen der Kurskapriolen beim US-Videospielehändler GameStop bekannt.

Verdacht auf Diesel-Betrug bei Hyundai und Kia

Im Skandal um illegale Abschalteinrichtungen bei Dieselfahrzeugen stehen nun auch die koreanischen Hersteller Hyundai und Kia unter konkretem Betrugsverdacht. Zur Sicherung von Beweisen ließ die Frankfurter Staatsanwaltschaft heute Räume der beiden Firmen im Rhein-Main-Gebiet sowie des Zulieferers BorgWarner durchsuchen, wie die Justiz mitteilte. Beteiligt waren rund 180 Ermittler in acht Objekten in Deutschland und Luxemburg. Koordiniert wurde die Aktion von der EU-Behörde Eurojust. Ein Sprecher der Hyundai-Europazentrale in Offenbach erklärte nur, dass man die Ermittlungen vollständig unterstütze.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 28. Juni 2022 um 17:00 Uhr.