Händler an der New Yorker Börse | picture alliance / ASSOCIATED PR
Marktbericht

Inflationsängste Wall Street bleibt unter Druck

Stand: 10.03.2022 22:22 Uhr

Eine Mischung aus Kriegs- und Inflationssorgen lastete heute auf der Wall Street. Die Anleger zogen sich zurück, auch weil der Preisauftrieb immer bedrohlicher ausfällt.

Wie zuvor schon in Europa reagierten auch die Anleger in New York heute ernüchtert auf die ausbleibenden Fortschritte bei den Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland. Alle großen Indizes gaben nach, allerdings nicht so stark wie auf der anderen Seite des Atlantiks.

Die Indizes konnten dabei im Verlauf ihre Verluste noch etwas eingrenzen, kamen aber letztlich nicht aus dem Minus heraus. Der Dow Jones schloss am Ende des Tages bei 33.174 Punkten um 0,34 Prozent leichter. Ähnlich der marktbreite S&P-500-Index, der 0,43 Prozent nachgab auf 4259 Zähler. Etwas stärker belastet war die Technologiebörse Nasdaq, die 0,95 Prozent verlor und bei 13.129 Punkten aus dem Handel ging. In ähnlicher Höhe von 1,1 Prozent sank auch der Auswahlindex Nasdaq 100, der bei 13.591 Punkten schloss.

Konjunktursorgen werden stärker

Die Anleger sorgen sich insbesondere weiter um die ökonomischen Folgen des Krieges in der Ukraine. Die zuletzt stark gestiegenen Energiepreise und die daraus resultierend beschleunigte Inflation befeuern die Sorgen vor einer Konjunkturabschwächung. Im Blick stehen nunmehr die Notenbanken. Die Europäische Zentralbank (EZB) reagierte heute auf die Teuerung und tritt nun bei ihren Anleihenkäufen schneller als geplant auf die Bremse.

An den Märkten wird das als Signal gewertet, dass sich trotz aller konjunkturellen Risiken die Zeiten der lockeren Geldpolitik einem Ende nähern. "In der kommenden Woche wird die Fed ihre Zinsentscheidung vortragen und auch die jüngsten Inflationsentwicklungen berücksichtigen müssen", schrieb Marktbeobachter Andreas Lipkow von Comdirect.

Konkret sind die Verbraucherpreise in den USA im Februar um fast acht Prozent gestiegen. "Da kommt noch mehr", warnte Peter Cardillo, Chef-Volkswirt des Vermögensberaters Spartan. Gleichzeitig erschwerten die wirtschaftlichen Belastungen des Krieges die Arbeit des US-Notenbankchefs Jerome Powell, der sich für eine Zinserhöhung um einen Viertel Prozentpunkt in der kommenden Woche ausgesprochen hatte.

"Es müsste eigentlich ein halber oder gar ein Dreiviertel Prozentpunkt sein, aber das wird wegen der Situation in der Ukraine nicht passieren."

Goldman Sachs und JPMorgan kehren Russland den Rücken

Die Investmentbank Goldman Sachs zieht sich als Reaktion auf den Krieg gegen die Ukraine als erstes großes US-Geldhaus aus Russland zurück. Eine Unternehmenssprecherin begründete den Schritt mit der Einhaltung regulatorischer und lizenzrechtlicher Vorschriften. Goldman Sachs ist nach eigenen Angaben seit 1998 in Russland vertreten und hat ein Büro in Moskau.

Dem Finanzdienst "Bloomberg" zufolge hatte Goldman Sachs Ende 2021 Kredite in Höhe von rund 650 Millionen Dollar in Russland ausstehen. Größtenteils gehe es dabei nicht um staatliche Schuldner.

Am Abend wurde bekannt, dass sich auch die größte US-Bank JPMorgan Chase im Zuge des Angriffskrieges gegen die Ukraine aus Russland zurückzieht. Der Finanzkonzern befolge damit regulatorische Vorgaben von Regierungen weltweit, teilte er in New York mit. Das US-Geldhaus war in Russland allerdings ohnehin nicht besonders stark vertreten

Amazon gefragt

Gegen den Branchentrend gewannen die Titel von Amazon deutlich 5,41 Prozent. Der Online-Händler will durch einen Aktiensplit für Kleinanleger attraktiver werden und eigene Aktien im Volumen von zehn Milliarden Dollar zurückkaufen.

DAX wieder im Rückwärtsgang

Der DAX hat nicht an die kräftige Vortagserholung anknüpfen können und ging mit deutlichen Verlusten aus dem Handel. Der deutsche Leitindex verlor am Ende des Tages 2,93 Prozent auf 13.442 Punkte. Bei erneut extrem nervösem Handel war die Schwankungsbreite hoch zwischen 13.341 und 13.829 Punkten.

Neben enttäuschten Hoffnungen auf Fortschritte bei der Beendigung des Ukraine-Kriegs drückten Aussagen der Europäischen Zentralbank (EZB) auf die Stimmung. Man wäre vorsichtig, jetzt schon auf ein rasches Ende des Konflikts zu setzen, stellt Stefan Kreuzkamp, Chefanlagestratege bei der DWS fest.

"Das gesamte Ausmaß an Schäden in der Wirtschaft und im Finanzsystem ist noch nicht absehbar, die Kämpfe toben unvermindert weiter, und darüber hinaus bleiben wir hinsichtlich der Aufrichtigkeit der Verhandlungsbereitschaft Putins skeptisch." Zudem hatte der Markt zahlreiche Unternehmensergebnisse zu verarbeiten, die aber weiter im Schatten des Krieges in der Ukraine stehen.

EZB hält sich alle Optionen offen

Erwartungsgemäß hat die EZB auf ihrer Zinssitzung ihren Leitzins weiter bei Null Prozent belassen, hält sich aber alle Optionen für eine vorsichtige Verschärfung offen. Konkret wird das Volumen des Anleihe-Kaufprogramms APP nach einer vorübergehenden Aufstockung bereits Ende Juni wieder auf 20 Milliarden Euro reduziert und könnte im dritten Quartal 2022 ganz beendet werden. Mit dieser Entscheidung reagierte der EZB-Rat auf die anhaltend hohen Teuerungsraten. Für das laufende Jahr rechnet EZB-Chefin Christine Lagarde mit einer Inflationsrate von 5,1 Prozent.

"Die EZB hat heute trotz des Ukraine-Kriegs immerhin beschlossen, ihre Nettoanleihekäufe im dritten Quartal zu beenden, sofern es nicht zu negativen Überraschungen kommt. Das ist ein erster Schritt, die sehr lockere Geldpolitik zu normalisieren. Aber bis zur ersten Zinserhöhung ist es noch ein langer Weg. Diese im Vergleich zur US-Zentralbank zögerliche Vorgehensweise ist mit Blick auf die massiv gestiegenen Inflationsraten riskant", kommentierte Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer.

Überwiegend nur Verluste im DAX

Unter den Einzelwerten im DAX gingen die Verluste quer durch alle Branchen. Delivery Hero, Adidas, aber auch Autobauer BMW standen am Indexende. Es gab nur wenige Gewinner, unter anderem Tagessieger Bayer sowie RWE und Fresenius. Bankaktien konnten ihre Verluste nach den EZB-Aussagen etwas eindämmen.

Ölpreise steigen weiter

Die Ölpreise zogen derweil weiter an. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostete rund 1,4 Prozent mehr, ein Fass der Sorte WTI verteuert sich um 1,2 Prozent auf rund 110 Dollar. Die Preisbewegungen am Ölmarkt waren in den vergangenen Tagen extrem: Am Montag hatten die Ölpreise drastisch zugelegt und das höchste Niveau seit 2008 erreicht. Der Brent-Preis war bis auf gut 139 Dollar gestiegen, WTI-Rohöl aus den USA hatte mehr als 130 Dollar gekostet. Die Preiskapriolen auf dem Ölmarkt treiben derweil die heimischen Spritpreise auf nie gekannte Höhen.

Putin bekräftigt Liefertreue

Etwas Entlastung für den Markt kam am Nachmittag aus Russland. Denn das Land will nach Angaben von Präsident Wladimir Putin Lieferungen von Öl und Gas ins Ausland trotz beispielloser Sanktionen des Westens nicht stoppen. "Wir erfüllen alle unsere Verpflichtungen im Bereich der Energieversorgung. Wir liefern alles, was wir zu liefern haben", sagte der Staatschef bei einer Sitzung der Regierung der Agentur Interfax zufolge. Er bezeichnete Europa als Hauptabnehmer russischer Energieträger.

Wegen der Sanktionen des Westens im Zuge des Ukraine-Kriegs und der Diskussionen in der EU, sich von russischem Gas und Öl zu lösen, hatte die Energiegroßmacht erstmals damit gedroht, die Lieferungen durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 nach Deutschland einzustellen. Das hatte die Preise nochmals massiv nach oben getrieben.

Industriemetalle bleiben teuer, Gold holt Verluste auf

Die Anleger an den Metallmärkten können ihre Furcht vor Versorgungsengpässen angesichts des Krieges in der Ukraine ebenfalls nicht abschütteln. Ob Aluminium, das im Flugzeug- und Automobilbau benötigt wird, Kupfer oder das zur Stahl-Herstellung benötigte Nickel, all diese Metalle schießen durch die Decke. Der Handel mit Nickel, das sich zuletzt um mehr als das Doppelte auf ein Rekordhoch verteuert hatte, bleibt an der London Metal Exchange (LME) weiter ausgesetzt.

Der Goldpreis hat sich derweil von anfangs stärkeren Verlusten erholt und wird aktuell um die Marke von 2000 Dollar je Feinunze gehandelt. "Die weiter ansteigenden Inflationserwartungen sowie die zeitweise turbulenten Bewegungen an den Finanzmärkten dürften die Goldpreise - unter Berücksichtigung jederzeit möglicher Kursrücksetzer - noch eine Zeit lang stützen", kommentiert Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden bei der Deutschen Bank.

Der Euro schwächelt weiter

Der Euro hat am Nachmittag von den Entscheidungen der Europäischen Zentralbank (EZB) nur kurzzeitig profitiert und ringt im US-Handel wieder mit der Marke von 1,10 Dollar. Tendenziell belastet wurde die Gemeinschaftswährung heute auch durch die Entwicklung im Ukraine-Konflikt. Die Europäische Zentralbank setzte den Referenzkurs auf 1,1084 (Mittwoch: 1,0993) Dollar fest

BMW verdreifacht die Dividende

Der Autobauer BMW lässt die Corona-Pandemie hinter sich. Die weltweit starke Autonachfrage und die hohen Preise für Neu- und Gebrauchtwagen lassen trotz der anhaltenden Halbleiterknappheit die Kassen bei den Münchnern klingeln: Gewinn und Umsatz lagen im vergangenen Jahr deutlich über den Werten des Vorkrisenjahres 2019. Unter dem Strich erwirtschaftete BMW einen Gewinn von knapp 12,5 Milliarden Euro, das ist mehr als dreimal so viel wie vor Jahresfrist.

Die Dividende soll nun auf 5,80 Euro je Aktie erhöht werden - mehr als das Dreifache vergleichen mit den 1,90 Euro aus dem Vorjahr. Damit überholen die Münchener auch die Konkurrenz aus Stuttgart: Mercedes-Benz will fünf Euro je Aktie an Dividende zahlen. Zudem soll die BMW-Hauptversammlung über einen Aktienrückkauf entscheiden.

An der Börse gehörten die Aktien mit einem Minus von bis zu 7,8 Prozent dennoch zu den größten Verlierern im DAX. Anleger hatten bereits mit einem guten Ergebnis gerechnet, sagte ein Börsianer. Ein Händler verwies zudem auf die Zahlen zum vierten Quartal, wo der Markt deutlich mehr erwartet habe.

Deutsche Bank: Kaum Risiken in Russland

Die Deutsche Bank sieht lediglich überschaubare Risiken in ihren Geschäften in Russland und in der Ukraine. Das Engagement dort sei sehr begrenzt und größtenteils abgesichert, teilte die Bank mit. Ende 2021 habe das Netto-Kreditengagement in Bezug auf Russland bei 0,6 Milliarden Euro nach Berücksichtigung von Garantien und Sicherheiten gelegen. Brutto habe es 1,4 Milliarden Euro betragen, was rund 0,3 Prozent des gesamten Kreditbuchs entspreche.

Auch Credit Suisse mit "überschaubaren" Risiken

Die Bank Credit Suisse betrachtet ihre Geschäftsrisiken in Russland angesichts der Sanktionen wegen des Ukraine-Kriegs ebenfalls als überschaubar. Ende 2021 habe sich das Engagement des Instituts bei Krediten in Russland auf umgerechnet netto 832 Millionen Euro belaufen, teilte die Bank bei der Vorlage seines Geschäftsberichts heute mit. Diese Summen seien seit dem Jahreswechsel verringert worden.

Hugo Boss peilt Rekordwachstum an

Der Modekonzern Hugo Boss sieht sich trotz des Ukraine-Krieges und anhaltender Corona-Pandemie auf Wachstumskurs. Vorstandschef Daniel Grieder kündigte für 2022 einen Rekordumsatz und steigende Gewinne an. "Wir sind zurück und in einer hervorragenden finanziellen Situation", betonte der Manager. Zwar sei der Onlinehandel in Russland eingestellt und die Geschäfte dort geschlossen. Doch der Umsatzanteil in der Region inklusive der Ukraine betrage drei Prozent. Mit dem rasch wachsenden Online-Geschäft, dem neuen Markenauftritt und der Modernisierung der Filialen sei Boss auf einem guten Weg, seine Wachstumsziele zu erreichen.

K+S hält an Zielen fest

Der Salz- und Düngemittelhersteller K+S bekräftigt trotz des Kriegs in der Ukraine und der damit verbundenen Unsicherheiten für die Agrarmärkte seine Jahresziele. Für 2022 rechnet K+S unverändert mit einem Anstieg des operativen Ergebnisses (Ebitda) auf 1,6 bis 1,9 Milliarden Euro. Im vergangenen Jahr stand nach endgültigen Zahlen - auch dank eines Sonderertrags von rund 220 Millionen Euro - ein Ergebniszuwachs auf 969 (2020: 267) Millionen Euro zu Buche. Der Umsatz kletterte um knapp ein Drittel auf 3,2 Milliarden Euro.

Hapag-Lloyd optimistisch

Deutschlands größte Containerreederei Hapag-Lloyd rechnet wegen der brüchigen Lieferketten und anhaltend knappen Transportkapazitäten vorerst weiter mit sprudelnden Einnahmen. Nach dem Rekordgewinn des vergangenen Jahres stellte der Konzern für die erste Jahreshälfte 2022 am Donnerstag eine "sehr starke Ergebnisentwicklung" in Aussicht. Im zweiten Halbjahr sollte sich die angespannte Situation bei den weltweiten Lieferketten verbessern, was zu einer Normalisierung des Ergebnisses führen dürfte.

Hannover Rück erhöht Dividende

Der weltweit drittgrößte Rückversicherer Hannover Rück will nach einem Gewinnsprung im zweiten Corona-Jahr deutlich mehr Geld an seine Aktionäre ausschütten. Die Dividende soll von 4,50 Euro auf den Rekordwert von insgesamt 5,75 Euro je Aktie steigen. Die geplante Ausschüttung umfasst eine unveränderte Basisdividende von 4,50 Euro und eine Sonderdividende von 1,25 Euro je Aktie. Größter Nutznießer ist der Versicherungskonzern Talanx (HDI), dem gut die Hälfte der Hannover-Rück-Aktien gehören.

Steigende Mieten: LEG Immobilien verdient kräftig

Die jüngsten Wohnungszukäufe und steigende Mieten haben dem Immobilienkonzern LEG im abgelaufenen Jahr zu einem deutlichen Gewinnplus verholfen. Der operative Gewinn aus dem laufenden Geschäft (FFO 1) kletterte 2021 im Jahresvergleich um 10,4 Prozent auf rund 423 Millionen Euro. Davon sollen auch die Aktionäre profitieren. Die Dividende soll um fast acht Prozent auf 4,07 Euro je Aktie steigen. Für das laufende Jahr zeigte sich der Vorstand zuversichtlich, das operative Ergebnis auf 475 Millionen bis 490 Millionen Euro zu steigern.

Morphosys kündigt Abschreibung von 231 Millionen Euro an

Infolge der Übernahme von Constellation Pharmaceuticals hat das Biotechunternehmen Morphosys eine nicht zahlungswirksame Wertminderung gemeldet. Das Management habe beschlossen, die Forschungsaktivitäten von Morphosys auf die am weitesten fortgeschrittenen Programme zu konzentrieren und alle Laboraktivitäten an seinem deutschen Forschungszentrum in Planegg zu zentralisieren, teilte das im SDAX notierte Unternehmen am Abend mit.

Dadurch würden alle Aktivitäten in den USA eingestellt und lösten damit eine Wertminderung des Geschäfts- oder Firmenwertes in Höhe von 231 Millionen Euro aus. Die Abschreibung sei nicht zahlungswirksam und werde sich auf die betrieblichen Aufwendungen des Konzerns für das Schlussquartal 2021 auswirken. Entsprechend werde der Aufwand des Konzerns erhöht. Morphosys will die Zahlen zum vierten Quartal und dem Gesamtjahr 2021 am 16. März vorstellen.

Sony liefert keine Playstation-Konsolen mehr nach Russland

Der japanische Elektronik- und Unterhaltungskonzern Sony setzt wegen des Krieges in der Ukraine die Lieferung seiner Playstation-Konsole und zugehöriger Spiele nach Russland aus. Der jüngste Titel der Spielreihe "Gran Turismo" werde in Russland nicht erscheinen und der Playstation-Store werde geschlossen, teilte Sony mit. Sony hatte zuvor mitgeteilt, es veröffentliche keine Filme mehr in Russland. Nintendo wird eigenen Angaben zufolge den Versand aller Produkte nach Russland ebenfalls stoppen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 10. März 2022 um 09:00 Uhr.