Händler an der New Yorker Börse | picture alliance / ASSOCIATED PR
Marktbericht

Trotz vieler Sorgen US-Anleger in Kauflaune

Stand: 19.04.2022 22:18 Uhr

Nach reichlich Tristesse zuletzt haben sich die US-Anleger heute wieder vorgewagt. Ob es aber mehr ist als nur eine technische Gegenreaktion, muss sich erst zeigen. Zweifel bleiben.

Die großen US-Indizes haben heute Zins- und Kriegsängsten getrotzt und freundlich geschlossen. Vor allem die Technologiebörse Nasdaq konnte Boden gut machen und schloss am Ende 2,15 Prozent höher bei 13.619 Zählern. Auch der Auswahlindex Nasdaq 100 legte in gleicher Größenordnung zu auf auf 14.210 Stellen.

Der Leitindex Dow Jones legte am Ende 1,45 Prozent zu und ging bei 34.911 Zählern aus dem Handel, der marktbreite S&P-500-Index rückt ebenfalls robust um 1,61 Prozent vor und schloss bei 4462 Zählern.

"Die vergangenen Monate waren für die Aktienmärkte turbulent angesichts hoher Inflation, der Aussicht auf schnellere Zinsanhebungen, des geringeren Wachstums und des anhaltenden Krieges in der Ukraine", schrieb Analyst Craig Erlam vom Broker Oanda. Doch nun in der ersten Phase der Berichtssaison zeigten sich die Aktienmärkte - und hier erneut die Börsen in den USA - einmal mehr von ihrer robusten Seite.

Der Stratege Marko Kolanovic von JPMorgan hält zudem die Stimmung und die Positionierung der Marktteilnehmer am Aktienmarkt inzwischen für zu pessimistisch und bleibt tendenziell "konstruktiv" für Aktien. Kurzfristig sei eine Rally möglich.

Gute Nachrichten vom Hausmarkt

Angeschoben wurde der Markt durch solide Daten aus dem Bausektor. Denn die US-Bauwirtschaft entwickelte sich im März trotz steigender Immobilienzinsen besser als erwartet. Die Anzahl neu begonnener Häuser und die Zahl der Baugenehmigungen stiegen überraschend.

Der weiterhin sehr stabile US-Häusermarkt stütze die Börsenkurse etwas, sagte Marktexperte Andreas Lipkow von Comdirect. Die Daten belegten, dass es der Konjunktur in den USA sehr gut gehe und die Amerikaner ein hohes Vertrauen in die eigene Wirtschaftsleistung hätten.

Johnson & Johnson stützt den Dow

Neue Quartalszahlen gab es ebenfalls. Dow-Indexschwergewicht Johnson & Johnson punktete dabei mit seinen Ergebnissen bei den Anlegern. Die Aktie legt 3,05 Prozent zu.

Trotz makroökonomischem Gegenwind und einer gesenkten Prognose gab Firmenchef Joaquin Duato einen zuversichtlichen Ausblick für das laufende Jahr. Für seinen Corona-Impfstoff wollte das Unternehmen allerdings keine Umsatzprognose geben. Von Januar bis März konnte der Konzern den Umsatz zwar um fünf Prozent auf rund 23,4 Milliarden Dollar steigern, der Gewinn ging allerdings um fast 17 Prozent auf knapp 5,15 Milliarden Dollar zurück.

Gewinnmitnahmen bei Travelers

Bei Dow-Mitglied Travelers mussten die Anteilseigner hingegen einen Kursrückgang von 4,89 Prozent auf gut 176,16 Dollar verkraften. Der US-Schadenversicherer startete zwar dank geringer Katastrophenschäden mit einem Gewinnsprung ins Jahr und will die Dividende anheben. Allerdings hat die Aktie bereits einen guten Lauf hinter sich - vor gut einer Woche hatte sie ihr noch junges Rekordhoch von 187,98 Dollar nur knapp verfehlt.

Schwarzer Tag für Netflix

Ein Desaster erlebte die Aktie des Streaming-Anbieters Netflix, die nach den nachbörslich vorgelegten Geschäftszahlen um fast 25 Prozent regelrecht einbrach. Das Unternehmen, das erste der großen Tech-Unternehmen, enttäuschte vor allem mit einem überraschenden Kundenrückgang. 200.000 Abonnenten kehrten Netflix im ersten Quartal den Rücken, erwartet war ein Wachstum von 2,5 Millionen.

Der Ausblick für das laufende Quartal fiel mit einem erwarteten Rückgang von zwei Millionen Abonnenten ebenfalls düster aus. Der US-Konzern verwies bei der Entwicklung auf eine große Zahl von Haushalten, die ihr Abo teilten sowie die Konkurrenz. Netflix hat gegenwärtig 221,6 Millionen Abo-Kunden. Zuletzt hatte das Unternehmen im Oktober 2011 einen Rückgang vermeldet.

Der Umsatz im ersten Quartal wuchs um zehn Prozent auf 7,9 Milliarden Dollar und nicht ganz so stark wie vorhergesagt. Der Gewinn je Aktie lag bei 3,53 Dollar.

US-Zinsdiskussion in vollem Gang - Anleihemärkte unter Druck

Die positive Tagestendenz ließ Zinssorgen der Anleger heute in den Hintergrund treten. Gleichwohl wirft der weitere Zinskurs der Notenbank Federal Reserve (Fed) seine Schatten über die Märkte. Die Anleger müssen sich dabei wegen der hohen Inflationsraten auf schnell steigende Zinsen einstellen und so manche Experten überbieten sich derzeit darin, immer neue und stärkere Zinserhöhungen zu fordern.

Allen voran US-Notenbanker James Bullard aus St. Louis, der für eine Zinserhöhung von 0,75 Prozentpunkten im Mai und ein Zinsniveau von 3,5 Prozent zum Jahresende eintritt, mithin also eine volkswirtschaftliche Vollbremsung fordert. Man dürfe allerdings nicht vergessen, dass Bullard als Befürworter einer straffen Geldpolitik bekannt sei, meint Portfolio-Managerin Baylee Westfield vom Vermögensverwalter Aviva. Trotzdem, Bullard bereitet mit seinen markanten Forderungen so manchem Anleger Sorgen.

Anleihemärkte unter Druck

Die Anleihemärkte leiden derweil sowohl diesseits als auch jenseits des Atlantiks schwer unter der Aussicht auf steigende Zinsen. Die Rendite für zehnjährige US-Staatspapiere stieg zwischenzeitlich auf 2,91 Prozent und erreichte damit einen weiteren Höchststand seit Ende 2018.

Auch Bundesanleihen verloren heute erneut kräftig. Der Bund-Future, ein Termin-Kontrakt auf langlaufende Bundesanleihen, der als Benchmark im Rentenhandel gilt, gab rund 0,7 Prozent nach und notiert damit knapp unter 154 Prozent. Zu Jahresbeginn hatte der Kontrakt noch bei über 171 Prozent um über zehn Prozent höher gestanden.

Die Rendite für zehnjährige Bundesanleihen stieg zeitweise bis 0,93 Prozent. Dies ist der höchste Stand seit sieben Jahren. Obwohl die EZB insgesamt viel zögerlicher agiert als die Fed mit ihrer Zinswende, nimmt der Markt auch in Europa bereits ein Ende der ultraleichten Geldpolitik vorweg, was dann zu deutlichen Verlusten führt.

Die Wall Street rettet den Tag

Dem deutschen Aktienmarkt hat die freundliche US-Tagestendenz den Tag noch einigermaßen gerettet. Der DAX, der lange Zeit mit der Marke von 14.000 Punkten gerungen hatte und im Tagestief bei 13.991 Zählern leicht darunter gefallen war, schloss letztlich mit einem Mini-Minus von 0,07 Prozent auf 14.153 Punkte wenig verändert. Im Tageshoch war der Index am Nachmittag sogar noch bis auf 14.199 Punkte gestiegen.

Im Sog der Wall Street endete der erste Handelstag nach der Osterpause damit noch versöhnlich. Vor allem bessere Daten aus dem Immobiliensektor hatten die US-Märkte angeschoben.

Massive Zins- und Konjunkturängste

Die Themen nach der Feiertagspause bleiben aber trotz des überraschenden Aufwärtsimpulses am Nachmittag die gleichen wie zuvor. Der weiter tobende Ukraine-Krieg mit all seinen Folgen schürt ebenso massive Konjunkturängste wie die derzeitige Zinsdiskussion in den USA.

"Entspannungssignale im Ukraine-Konflikt lassen weiter auf sich warten, und mit den neuen russischen Vorstößen in der Ostukraine ist wohl kaum mit einer erhöhten Risikobereitschaft zu rechnen", fassen die Fachleute der Helaba die Lage zusammen.

Hierzulande vergeht zudem kaum ein Tag, an dem nicht eine weitere Branche vor den Folgen einer wachsenden Inflation warnt. So zuletzt das Gastgewerbe, die Lebensmittelbranche, die Baubranche oder die Papierindustrie - Lieferkettenprobleme inklusive Chipmangel bei vielen großen, börsennotierten Unternehmen sind dabei schon länger bekannt. "Die Angst vor einer Rezession wächst", sagte Sophie Lund-Yates, leitende Analystin beim Brokerhaus Hargreaves Landsdown.

Zum größten Teil "spekulationsgetrieben"

Für die deutschen Bürger könnte die Inflation ebenfalls zu lang anhaltenden Belastungen führen. Die Menschen müssten sich nach Einschätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) auf anhaltend hohe Preise einstellen. Die Preise würden sich "auf die nächsten fünf bis zehn Jahre" erhöhen, sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher im Deutschlandfunk.

Er nannte als Gründe den Krieg in der Ukraine, große Unsicherheit und ein Ende der Globalisierung in ihrer bisherigen Ausprägung. Die hohen Preise seien aktuell zum größten Teil "spekulationsgetrieben", so Fratzscher. Teile des Angebots würden zurückgehalten aus Sorge, dass in Zukunft nicht genug da sein werde. "Die Sorge um die Zukunft treibt die Preise." Die Unsicherheit, "was da kommen könnte", sei das vielleicht größte Gift.

Ölpreise fallen deutlich zurück

Die Ölpreise gaben derweil noch deutlicher nach. Am Abend kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent fast 3,0 Prozent weniger. Der Preis für ein Fass der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) fiel ebenfalls deutlich um 2,7 Prozent auf 103,36 Dollar.

Die Ölpreise waren über Ostern merklich gestiegen. Commerzbank-Experte Carsten Fritsch verweist auf das geringere Rohölangebot. So habe die Ölproduktion im April deutlich niedriger gelegen als noch im Vormonat. Hinzu kämen Lieferausfälle in Libyen. Die Anleger sorgen sich weiter um die Nachfrage aus China. Die Lockdowns und andere Einschränkungen durch die strikte Null-Covid-Strategie bremsen die zweitgrößte Volkswirtschaft, was die Nachfrage dämpfen könnte.

Euro wenig verändert

Der Euro handelt im US-Handel bei 1,0786 Dollar auf niedrigem Niveau wenig verändert. Die Gemeinschaftswährung leidet derzeit unter der Aussicht auf schnelle Zinserhöhungen in den USA. Diese dürften den Zinsvorsprung des Dollar weiter erhöhen, was ihn immer attraktiver macht. Die Europäische Zentralbank setzte den Referenzkurs auf 1,0803 (Donnerstag: 1,0878) Dollar fest.

IWF senkt Weltwirtschaftsprognose

Kaum eine Reaktion zeigte der Devisenmarkt nach der Senkung der Jahresprognose durch den Internationalen Währungsfonds IWF. Die Weltwirtschaft wird laut IWF 2022 und 2023 um jeweils 3,6 Prozent zulegen. 2021 waren es 6,1 Prozent. Gegenüber den Schätzungen im Januar hat der IWF seine Prognose für 2022 um satte 0,8 Punkte gesenkt, für 2023 um 0,2 Zähler.

Autoaktien gegen den Trend besser

Nach Nachrichten, dass die Produktion in China zum Teil wieder anläuft, legten Autoaktien zu. Tagessieger waren Continental, die fast vier Prozent zulegten.

Im Gegenzug verloren Papiere, die als Corona-Gewinner gelten. So die Essenslieferanten, wobei Hellofresh im Verlauf noch gegen den Branchentrend ins Plus drehten. Aber auch die Gesundheitsaktien wie Sartorius und Merck gaben nach. Anleger würden aus diesen Titel umschichten, hieß es am Parkett. Auch BioNTech-Papiere fielen deutlich um fast zehn Prozent.

SAP zieht sich aus Russland zurück

Der Softwarekonzern SAP will angesichts des russischen Agriffskriegs auf die Ukraine den russischen Markt verlassen. Das DAX-Unternehmen kündigte heute in einer Mitteilung zwei weitere Schritte "für den geordneten Ausstieg aus unserem Geschäft in Russland" an. Zuvor hatte SAP bereits sein Neu- und Cloud-Geschäft in dem Land eingestellt.

Laut Finanzchef Luka Mucic machen die Geschäfte in Russland, der Ukraine und Belarus zusammen nur einen geringen Teil der SAP-Erlöse aus, dem Manager zufolge beliefen sie sich zuletzt auf rund 1,5 Prozent des Gesamtumsatzes. SAP hat im vergangenen Jahr 27,8 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet.

Lanxess mit gelungenem Jahresstart

Der Chemiekonzern Lanxess ist überraschend gut in das neue Jahr gestartet. Im ersten Quartal dürfte der Umsatz im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum um fast die Hälfte auf gut 2,4 Milliarden Euro gestiegen sein, teilte das MDAX-Unternehmen am Abend nach Börsenschluss mit. Das Ebitda (Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) vor Sondereinflüssen legte um knapp ein Drittel auf 320 Millionen Euro zu. Bei beiden Werten habe die durchschnittliche Markterwartung niedriger gelegen. Die Aktie legte nachbörslich zu.

Siemens Energy muss Jahresprognose prüfen

Der Energietechnikkonzern Siemens Energy leidet auch im zweiten Geschäftsquartal unter seiner Windkrafttochter Gamesa. Wie auch diese prüft der Münchener Konzern daher nun seine Jahresprognose, teilte das Unternehmen am späten Dienstagabend mit. Bisher erwartete der Vorstand eine vergleichbare Umsatzerlösentwicklung (ohne Währungsumrechnungs- und Portfolioeffekte) in einer Bandbreite von minus zwei bis plus drei Prozent und eine angepasste EBITA-Marge (Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) vor Sondereffekten in einer Bandbreite von plus zwei bis plus vier Prozent.

Hintergrund für die Schwierigkeiten sei zum einen der Krieg gegen die Ukraine und die Sanktionen gegen Russland. Dadurch seien die "Rahmenbedingungen der Geschäftstätigkeit von Siemens Energy herausfordernder geworden". Zum anderen nähmen die Auswirkungen im Zusammenhang mit der Covid-19-Situation in China zu.

Im Quartal war der Umsatz bei Siemens Energy um 1,7 Prozent auf 6,58 Milliarden Euro gesunken. Das angepasste Ebit vor Sondereffekten lag bei minus 21 Millionen Euro (VJ: plus 288). Die entsprechende Marge rutschte von plus 4,4 auf minus 0,3 Prozent. Der Auftragseingang schrumpfte um 27,5 Prozent auf knapp acht Milliarden Euro. Alle Kennzahlen lagen Unternehmensangaben zufolge unter den Erwartungen von Experten.

Stellantis setzt Produktion in russischem Werk aus

Der Opel-Mutterkonzern Stellantis setzt seine zuvor schon heruntergefahrene Produktion in Russland vollständig aus. Wegen der sich täglich verschärfenden Sanktionen und logistischer Schwierigkeiten werde die Produktion im Werk in Kaluga unterbrochen. Der Schritt sei nötig, um die Sanktionen einzuhalten und die Angestellten zu schützen. An dem Standort wurden vor dem Krieg Nutzfahrzeuge wie etwa der Citroën Jumpy produziert.

Finanzinvestor Apollo erwägt Beteiligung an Twitter-Offerte

Der US-Finanzinvestor Apollo will einem Pressebericht zufolge möglicherweise bei einer Übernahme des Kurznachrichtendienstes Twitter mitmischen. Das Unternehmen erwäge, entweder den Tech-Milliardär Elon Musk oder einen anderen Bieter bei einer Kaufofferte mit Kapital oder Krediten zu unterstützen, berichtete das "Wall Street Journal" ("WSJ") und berief sich auf mit der Sache vertraute Personen. Der Finanzinvestor habe auch eine mögliche Zusammenarbeit zwischen seinem Internet-Dienst Yahoo und Twitter durchgespielt.

Bank of America verdient weniger

Nach glänzenden Geschäften in der Pandemie hat die Bank of America zu Jahresbeginn deutlich weniger verdient. Im ersten Quartal sank der Nettogewinn verglichen mit dem Vorjahreswert um rund zwölf Prozent auf 7,1 Milliarden Dollar. Die gesamten Erträge steigerte die Bank dennoch um zwei Prozent auf 23,2 Milliarden Dollar. Das lag besonders an einem starken Verbraucherkreditgeschäft.

Peloton will Kundenkreis mit günstigeren Geräten vergrößern

Die neue Führung des Sportartikel-Anbieters Peloton schraubt nach hohen Verlusten am Geschäftsmodell. Der Preis der Trainingsbikes und Laufbänder der Firma werde in allen Märkten gesenkt. So kostet etwa das günstigste Peloton-Bike in Deutschland mit 1445 Euro nun 300 Euro weniger als zuvor. Im Heimatmarkt USA sollen Kunden zugleich für die Vernetzung mit Online-Trainingsstunden 44 statt zuvor 39 Dollar bezahlen. Die Abo-Preise im Ausland blieben "derzeit" unverändert, während das Inhalte-Angebot ausgebaut werde.

Peloton zählte am Anfang der Corona-Pandemie zu den großen Gewinnern, überschätzte jedoch die Wachstumsaussichten stark und geriet in eine Krise.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 19. April 2022 um 10:30 Uhr.