Interview

Betrieb setzt auf spanische Fachkräfte "In Spanien werden Chefs geduzt"

Stand: 08.10.2014 10:47 Uhr

Hier herrscht Fachkräftemangel, in Spanien Arbeitslosigkeit. Das passt zusammen, dachte sich der sächsische Unternehmer Schiekel und suchte Mitarbeiter in Spanien. Mit tagesschau.de sprach er darüber, welche Probleme auftauchten - und was Umarmungen damit zu tun haben.

tagesschau.de: Warum machten Sie sich auf die Suche nach ausländischen Fachkräften?

Peter Schiekel: Die Situation auf dem Arbeitsmarkt hier in der sächsischen Provinz ist extrem schwierig. Gute Facharbeiter zu finden, wird immer schwieriger. Wir haben zuerst versucht, selbst Facharbeiter auszubilden. Aber seit der Jahrtausendwende gelingt es uns kaum noch, Azubis zu gewinnen. Früher hatten wir zwanzig bis dreißig Bewerber, heute sind wir froh, wenn wir eine oder zwei Bewerbungen bekommen. Und die Voraussetzungen, die die Bewerber mitbringen, sind sehr mäßig - um es vorsichtig auszudrücken.

alt Peter Schiekel

Zur Person

2002 gründete Peter Schiekel mit seinem Bruder die "SPS Schiekel Präzisionssysteme GmbH". Der Betrieb mit Sitz im sächsischen Dohna hat 106 Mitarbeiter. Seit Jahren herrscht in der Region Fachkräftemangel. Vor einem Jahr warb Schiekel junge Facharbeiter aus Spanien an. Das Projekt wurde ein voller Erfolg.

tagesschau.de: Wer half Ihnen bei der Suche ausländischer Facharbeiter?

Schiekel: Wir haben keine staatliche Unterstützung erhalten und mit den Bewerbern vom Arbeitsamt keine gute Erfahrungen gemacht. Die Behörde lud 70 Bewerber ein, die wir dann in so einer Art "Speed Dating" angeschaut haben. Von den 70 Bewerbern haben wir 18 eingeladen, am Ende sind zwei übrig geblieben. Die anderen erfüllten nicht mal die einfachsten Grundvoraussetzungen, waren ungeeignet und einige auch unwillig.

tagesschau.de: Es gibt aber doch spezielle Fördertöpfe der EU für die Anwerbung von Fachkräften aus der EU?

Schiekel: Wir fragen regelmäßig nach, ob die sächsische Aufbaubank ihre Fördertöpfe mit EU-Mitteln öffnet. Da sind aber noch immer die Richtlinien nicht klar, sodass die Bank keine Anträge annimmt. Wir können ja aber nicht jahrelang warten, bis die umständlichen Verordnungen der EU geklärt sind. Die Spanier stehen dem Arbeitsmarkt jeweils im September nach Schul- oder Ausbildungsschluss zur Verfügung. So haben wir am Ende auf eigene Initiative gehandelt.

tagesschau.de: Wie haben Sie die Bewerber denn stattdessen gefunden und ausgewählt?

Schiekel: Ich habe mir eine Studentin gesucht, die Spanisch konnte. Sie hat Internetplattformen für Jobsuchende in Spanien durchforstet und ist da auch sehr schnell fündig geworden. In einem Hotel in Madrid habe ich mir die Bewerber angeschaut - und sieben von ihnen ausgewählt. Geholfen hat mir dabei eine Deutsch-Spanierin, die gedolmetscht hat und sich hier vor Ort sehr um die Leute kümmert. Sie wusste einfach, was zu tun ist, damit sich die jungen Menschen aus Spanien hier auch wohlfühlen.

Kulturelle Unterschiede: Umarmung und Hand geben

Eine zukünftige Zerspanerin mit einem Ausbilder an der Werkbank
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Viele EU-Bürger wollen in Deutschland arbeiten. Sie werden gebraucht, doch die bürokratischen Hürden sind hoch.

tagesschau.de: Aus welchen Gründen kommen die Spanier nach Deutschland?

Schiekel: Es sind junge, sehr engagierte Menschen, die aus ihrem Leben etwas machen wollen und in Spanien einfach keine Zukunft sehen. Viele wurden arbeitslos, als ihre Firma pleite gemacht hat und finden jetzt beim besten Willen keine neue Stelle. Die meisten haben gar keine soziale Absicherung, wohnen bei den Eltern und sehen in ihrem eigenen Land keine Perspektiven.

tagesschau.de: Wie groß sind die kulturellen Unterschiede, gab es Missverständnisse?

Schiekel: Natürlich gibt es im Alltag kulturelle Differenzen. Bei uns wird der Chef zum Beispiel nicht geduzt, in Spanien ist das eine Selbstverständlichkeit. In Spanien ist es absolut unüblich, sich die Hand zu geben. Da umarmt man sich zur Begrüßung. Das Handgeben kann für einen Spanier sehr irritierend sein. Wir Deutschen sind sehr sachorientiert, wir kommen schnell auf die konkreten Inhalte und Probleme zu sprechen. In Spanien wirkt das unhöflich, da würde man herzlicher und persönlicher ins Gespräch einsteigen.

tagesschau.de: Gab es Klischees und Vorurteile, mit denen Sie und Ihre Mitarbeiter den jungen Spaniern zunächst begegnet sind?

Schiekel: Klar gab es auch Vorbehalte: dass die Spanier lange Siesta machen, zum Beispiel. Es stellte sich allerdings sehr schnell heraus, dass da nichts dran ist. Aber ich habe auch von Anfang an deutlich gemacht: Das sind keine Billigarbeitskräfte oder Kollegen zweiter Klasse, sie haben unbefristete Verträge wie die deutschen Mitarbeiter und sie arbeiten zu den genau gleichen Bedingungen. 

"Komplexe Abläufe aufmalen, wenn sie nicht verstanden werden"

tagesschau.de: Wie sieht es mit den Sprachbarrieren aus?

Schiekel: Die waren sehr groß. Die Spanier konnten zunächst wenig deutsch. Und im beruflichen Alltag muss ja oft über fachliche Details geredet werden. Wir haben dann auf eigene Initiative Deutschkurse organisiert, um die wichtigsten sprachlichen Grundlagen herzustellen. Das haben wir übrigens im ersten Jahr alles aus eigener Tasche bezahlt. Wir haben jedem Spanier dann einen deutschen Kollegen zur Unterstützung an die Seite gestellt. Das hat sehr gut funktioniert. 

Aber natürlich gibt es immer wieder Sprachbarrieren. Und ich muss beide Seiten immer wieder ermutigen: die Spanier, dass sie sich trauen, zu sprechen und die deutschen Mitarbeiter, dass sie nachfragen, komplexe technische Abläufe einfach mal aufmalen, wenn sie nicht gleich verstanden werden, und nicht die Geduld verlieren.

tagesschau.de: Wie leben die Spanier in der sächsischen Provinz, sind sie integriert?

Schiekel: Wir hatten zunächst Wohnungen angemietet und möbliert, weil die jungen Leute ja so gut wie nichts hatten. Dort haben wir dann Wohngemeinschaften organisiert. Ich hatte ein bisschen Angst, dass die Spanier sich auf diese Weise abschotten. Das war aber unbegründet. Nach der Probezeit, die übrigens alle bestanden haben, haben sie sich dann selbstständig Wohnungen gesucht - in Pirna, in Dresden, oder eben hier bei uns im kleinen Dohna.

"Sie alle wollen in Deutschland bleiben"

tagesschau.de: Wie hat sich das Verhältnis zwischen Ihnen und den spanischen Mitarbeitern entwickelt?

Schiekel: Es ist ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Unsere Investitionen tragen jetzt Früchte - menschlich und bei der fachlichen Förderung. Wir haben es mit sehr gut qualifizierten und sehr zuverlässigen Mitarbeitern zu tun, sie alle wollen im Betrieb bleiben. Sie fühlen sich wohl. Es haben sich Freundschaften entwickelt, einige haben eine deutsche Freundin gefunden.

tagesschau.de: Würden Sie unter dem Strich sagen, Ihr Engagement hat sich ausgezahlt?

Schiekel: Diese Initiative hat sich absolut ausgezahlt. Die jungen Spanier arbeiten zum Teil sehr selbstständig und in manchen Bereichen haben sie auch einige deutsche Kollegen überholt. Ich kann wichtige Lücken in meinem Betrieb mithilfe der spanischen Kollegen langsam schließen. Ich habe in diesem Jahr wieder sieben junge Spanier angeheuert. Sie durchlaufen gerade den Deutschkurs und fangen im Oktober an, im Betrieb zu arbeiten. Doch, das Ganze ist ein großer Erfolg.

Das Interview führte Simone von Stosch, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 08. Oktober 2014.

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