Volkswagen und Porsche
Interview

Autoexperte Bratzel zur Lage bei VW und Porsche Erst einigen, dann Geld aus Katar

Stand: 16.07.2009 15:17 Uhr

Viele Gerüchte kursieren zum Thema Porsche und VW. Auf eine Beteiligung des Emirats Katar werde es wohl auf jeden Fall hinauslaufen, sagt der Autoexperte Bratzel im tagesschau.de-Interview. Den Deutschen fehle schlicht das Geld - und manchen auch gute Umgangsformen.

tagesschau.de:  Der Ton zwischen VW und Porsche wird immer schärfer. Warum sind die Gemüter derart erhitzt?

Stefan Bratzel: Es geht um zwei Vorzeige-Konzerne: Volkswagen als wichtigster Konzern in Deutschland und Porsche als ein sehr symbolträchtiges Unternehmen. Und der Streit hat jetzt schon eine längere Geschichte. Es geht um David gegen Goliath, das heißt um die Frage: Übernimmt der Kleinere den Großen? Und die Diskussion wird so emotional geführt, weil bereits so viel Porzellan zerbrochen wurde.

Embleme von VW und Porsche

Konflikte statt Konsens: Eine friedliche Eingiung zwischen Porsche und VW scheint weit entfernt.

tagesschau.de: Wann und von wem?

Bratzel: Die Art und Weise des Versuchs der Übername von VW durch Porsche hat sehr viel Unmut und Widerstände ausgelöst. Das war meiner Meinung nach sehr ungeschickt, weil es eigentlich eine freundliche Übernahme bzw. Beteiligung hätte sein können.

Stefan Bratzel
Zur Person

Stefan Bratzel (Jahrgang 1967) ist Professor für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule der Wirtschaft (FHDW) in Bergisch Gladbach und Leiter des dortigen Center of Automotive.

tagesschau.de: Sie meinen, wie Porsche sich Beteiligungen an VW sichern wollte und darauf spekuliert hat, dass die EU das VW-Gesetz kippt?

Bratzel: Ja, genau. Es sind einige zentrale Fehler gemacht worden. Porsche hat versucht, das im Konfliktstil durchzuführen. Es wäre ja durchaus denkbar gewesen, das im Konsens zu lösen. Man hat sich darauf verlassen, dass das VW-Gesetz gekippt wird und man dann quasi mit der Brechstange die Herrschaft über Volkswagen erreichen kann.

tagesschau.de: Wer streut die Gerüchte wie die über die Ablösung von Porsche-Vorstandschef Wendelin Wiedeking mit welcher Absicht?

Bratzel: Dass in einem solchen Machtkampf auch mit weniger schönen Mitteln gearbeitet wird, zeigt ja die Dramatik der Lage. Im Fall des angeblichen Rückzugs von Wiedeking ist es ja nicht schwer zu erraten, aus welcher Richtung das Gerücht kommt - nämlich dem Lager Piech-Wulff. Man muss sehr stark darauf achten: Was ist denn nun Realität, was ist Wunsch und was reine Fiktion?

tagesschau.de: Was ist denn gerade die Realität? Worüber wird denn auf der konkreten Ebene gestritten?

Bratzel: Zentral ist der Punkt, wie man schafft es, Porsche zu entschulden. Die neun bis zehn Milliarden Euro Schulden sind eindeutig zu viel. Das kann Porsche nicht mehr tragen. Die 20-Prozent-Optionen an VW-Aktien, die Porsche hält und die Katar übernehmen könnte, sind ein weiteres Thema. Und dann natürlich die Frage einer möglichen Integration von Porsche in Volkswagen oder eine weiter bestehende Eigenständigkeit.

Und falls das Modell, dass Volkswagen Porsche übernimmt, umgesetzt wird, stellt sich die Frage, wie viele Anteile dann ein wahrscheinlich notwendiger weiterer Investor bekommt. Denn dann ist ein wichtiger Punkt, dass Volkswagen wieder Liquidität bekommt. Denn in dieser größten Krise, die die Automobilindustrie je erlebt hat, ist das ein ganz wichtiger Faktor. Im Moment ist Volkswagen noch liquide, doch wenn das Unternehmen eine große Summe für den Kauf von Porsche ausgibt, ist das hochkritisch.

tagesschau.de: Wie sieht es mit dem Einstieg des Emirats Katar bei Porsche oder in ein fusioniertes Unternehmen VW-Porsche aus?

Bratzel: Ob bei Porsche oder Volkswagen ein neuer Anker-Investor ins Unternehmen hineinkommt, ist nicht nur für die jetzigen Eigentümer von Porsche relevant, sondern auch für Volkswagen. Denn das Machtgefüge in einem Konzern verändert sich dadurch stark.

tagesschau.de: Das heißt, Katar wäre auf jeden Fall gefragt?

Bratzel: Ja, genau. Das wäre auch sinnvoll. Ich sehe kein Problem darin, dass ein arabischer Investor bei Volkswagen mit einer Minderheitenbeteiligung einsteigt. Ein weiterer Akteur im Unternehmen, ein weiterer Stakeholder - das würde das Machtgefüge verändern. Das könnte bedeuten, dass weitere Interessen berücksichtigt und manche Entscheidungen etwas länger verhandelt werden müssen.

Geld aus Ölreichtum sicher anlegen

tagesschau.de: Dass Katar Interesse an Porsche-Aktien hat, ist ja bereits seit Ende April bekannt.  Welche Motive stecken dahinter?

Bratzel: Diese Staaten haben Interesse an langfristigen Investitionen. Sie wollen das Geld, das sie durch ihren Ölreichtum haben, sicher angelegt wissen. Dann gibt es auch ein emotionales Motiv, sich an symbol- und imageträchtigen Marken zu beteiligen - wie bei der Beteiligung Abu Dhabis an Daimler. Ein weiteres Motiv sehe ich in dem langfristigen Interesse, nicht nur als stiller Teilhaber am Unternehmen und am Gewinn zu partizipieren, sondern zunehmend auch daran, Technologie und Knowhow ins Land zu holen. Ich denke, dass sich diese Investoren in Zukunft sehr viel stärker in strategische Belange der Unternehmen einmischen werden.

tagesschau.de: Müssten die Länder mit großen Ölvorkommen technologisch nicht ein Interesse am weiteren Bau von Autos mit großem Treibstoffverbrauch haben?

Bratzel: Auch die ölreichen Staaten wissen, dass ihr Ölreichtum irgendwann einmal zur Neige gehen wird und an neue Formen der Mobilität und der Energiegewinnung kein Weg vorbeigeht. Auch wenn das noch 20 bis 30 Jahre dauern wird, geht es ihnen sicher jetzt nicht darum, dass sie durch Beherrschung der Automobilindustrie die Entwicklung Richtung Verbrennungsmotoren steuern.

tagesschau.de: Welches Zukunftsszenario halten Sie denn für am wahrscheinlichsten?

Bratzel: Am wahrscheinlichsten ist, dass Katar die 20 Prozent Anteile sowie die Optionen an den VW-Aktien übernimmt, die Porsche hält. Voraussetzung ist, dass die Eigentümerfamilien Porsche und Piech es schaffen, sich zu einigen. Ich glaube, das ist für Katar sehr wichtig, denn in einen Konzern mit so vielen Milliarden einzusteigen, in dem ein Riesenstreit herrscht, wird auch dem arabischen Staat nicht ratsam erscheinen. Welches Modell sich am Ende durchsetzt, ist reine Spekulation, an der ich mich nicht beteiligen will.

Interview: Nea Matzen und Claudia Witte, tagesschau.de