Interview

Interview mit Autoexperte Stefan Bratzel "Piëch hat weniger verloren"

Stand: 07.05.2009 14:54 Uhr

VW und Porsche wollen fusionieren. Der Chef des neuen Konzerns wird wohl Winterkorn heißen, das Machtzentrum und der Konzernsitz Wolfsburg sein: Das prognostiziert Autoexperte Bratzel im tagesschau.de-Interview. Größere Einschnitte für die Belegschaft sieht er - zumindest durch die Fusion - nicht.

Der Chef des neuen fusionierten Porsche-VW-Konzerns wird wohl Winterkorn heißen, das Machtzentrum und der Konzernsitz Wolfsburg sein: Das prognostiziert Autoexperte Bratzel im tagesschau.de-Interview. Größere Einschnitte für die Belegschaft sieht er - zumindest durch die Fusion - nicht.

tagesschau.de: Hat Sie die aktuelle Entwicklung überrascht?

Stefan Bratzel: Nein, es war ja seit Wochen klar, dass die geplante Übernahme von Volkswagen durch Porsche stockt. Und im Grunde kann man sagen, dass Porsche und Porsche-Chef Wendelin Wiedeking ein Opfer der Finanzkrise geworden sind. Sie haben sich allerdings auch ein wenig übernommen. Nun ist mit dieser Fusion ein Ausweg gefunden, der allerdings nur der zweitbeste Plan aus der Perspektive von Wiedeking ist.

Zur Person

Stefan Bratzel (Jahrgang 1967) ist Professor für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule der Wirtschaft (FHDW) in Bergisch Gladbach und Leiter des dortigen Center of Automotive.

tagesschau.de: Wäre eine Übernahme die bessere Lösung gewesen?

Bratzel: Aus inhaltlicher Sicht ist eine Fusion sicherlich der bessere Weg, weil eine Übernahme - auch wenn VW Porsche übernommen hätte - ein Riesenproblem gewesen wäre. Das hätte unheimlich viel Geld gekostet, das Volkswagen dringend in der Krise braucht. Allerdings ändert sich im operativen Geschäft im Grunde auch nicht viel: Ob jetzt Porsche Volkswagen übernimmt oder Volkswagen Porsche oder ob man fusioniert: Wir haben einen Porsche-Volkswagen-Konzern, der strategisch gesichert ist und eine wichtige Rolle auf den Weltmärkten spielt. Was man jetzt machen muss, ist die Struktur des Konzerns so auszugestalten, dass man die besten Chancen hat, in einem globalen Wettbewerb vorne zu bleiben. Darauf kommt es jetzt an.

tagesschau.de: Wie müssten die Strukturen aussehen? Und welche Rolle wird Porsche dabei einnehmen?

Bratzel: Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Ich rechne damit, dass es eine Volkswagen-Holding sein wird, in der es verschiedene Markengruppen gibt. Die haben wir auch jetzt schon mit den Markengruppen Audi, VW und VW-Nutzfahrzeuge. Wahrscheinlich wird man Porsche erst mal eine eigenständige Sparte geben, die dann eine von mehreren Sparten im Volkswagen-Konzern sein wird.

tagesschau.de: Welche Rolle wird künftig das Land Niedersachsen spielen?

Bratzel: Niedersachen ist schon gestärkt aus dieser Diskussion hervorgegangen. Porsche und Wiedeking haben kalkuliert, dass das VW-Gesetz fällt und damit das Land Niedersachsen ein ganz normaler Aktionär wird. Das ist bisher nicht eingetreten. Das Land Niedersachen spielt jetzt im Zuge dieser Fusion eine ganz wichtige Rolle neben den Arbeitnehmervertretern - und diese Rolle wird dann auch wahrgenommen werden. Auch wenn es um die Frage des Konzernsitzes geht.

tagesschau.de: Müsste nicht Niedersachsen bei einer "Volkswagen Holding" viel Geld ausgeben und Aktien nachkaufen, um seine Position im "neuen" Konzern halten zu können?

Bratzel: Wenn es bei der Fusion zu einer Kapitalerhöhung käme, dann wahrscheinlich ja. Dann droht Niedersachsen diese Extraausgabe. Das Land wird dazu aber sicher Alternativen prüfen. Es ist noch vieles unklar an dieser Fusion und wird momentan verhandelt. Die Wirtschaftsjuristen sind am Zug.

tagesschau.de: Wird Wolfsburg das Zentrum des neuen Konzerns sein?

Bratzel: Da spricht vieles dafür - auch viele inhaltliche Gründe: Da sitzt der Großteil der Arbeitnehmer, da wird ein Großteil der Fahrzeuge gebaut - und da sollte auch der Sitz einer möglichen Volkswagen-Holding sein. Das würde Sinn machen. Porsche wird sicher in Zuffenhausen bleiben - doch vieles spricht dafür, dass die Zentrale Wolfsburg sein muss.

tagesschau.de: Welche Folgen wird eine Fusion für die Belegschaft haben?

Bratzel: Meines Erachtens wird das praktisch keine Auswirkung auf die Arbeitsplatzsituation haben, weil Porsche einfach zu klein ist. Es werden keine riesigen Synergien freigesetzt werden. Wenn man von einer Bedrohung der Arbeitsplätze redet, dann ist weniger die Fusion das Problem, sondern der Markt und die Marktentwicklung. Überlagert durch die großen Marktveränderungen kann längerfristig ein Arbeitsplatzabbau drohen, aber das sollte man sehr streng von der Fusion trennen.

tagesschau.de: Wer ist aus dem Machtkampf als Sieger hervorgegangen?

Bratzel: Porsche-Miteigentümer und VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch hat die kleinere Niederlage erlitten. Die Position von Wiedeking im Zuge dieser gescheiterten Übernahme ist geschwächt. Beide sind aber Alphatiere, und ein Piëch sieht sich mehr oder minder als Familienunternehmer und sieht Wiedeking als einfachen Angestellten an. Beide haben ihre Verdienste, aber wahrscheinlich ist viel entscheidender, wer die Führung der Volkswagen-Holding übernimmt - und da sieht es mir doch sehr danach aus, als würde es eher der Piëch-Vertraute und VW-Chef Martin Winterkorn sein. Er hat sehr gut gearbeitet, ist gut verdrahtet mit dem Land Niedersachsen und auch mit den Arbeitnehmervertretern. Wiedeking hat im Zuge der Übernahme ein bisschen Porzellan zerbrochen und wird dem Land Niedersachsen, aber auch den Arbeitnehmervertretern, schwer zu vermitteln sein.

Interview: Christian Radler und Ralph Sartor, tagesschau.de