Black Friday | picture alliance / dpa

Stationärer Handel in der Krise Was der Black Friday kostet

Stand: 27.11.2020 06:30 Uhr

Am Black Friday startet in den USA traditionell das Weihnachtsgeschäft, auch hierzulande ist die Einkaufsschlacht in vollem Gange. Profitieren wird in Corona-Zeiten wieder mal vor allem der Online-Handel. Die analoge Welt gehört immer mehr zu den Verlierern.

Von Thomas Spinnler, boerse.ARD.de

Wer will bei der Masse an Sonderangeboten und Rabattaktionen, mit denen der Handel derzeit die Verbrauchersinne überflutet, noch den Überblick behalten? Am sogenannten Black Friday purzeln die Preise, die halbe Welt ist auf Schnäppchenjagd - und der Einzelhandel freut sich über Milliardenumsätze.

Der Konsumrausch beginnt traditionellerweise am Freitag nach dem US-"Thanksgiving-Fest", das regelmäßig am vierten Donnerstag im November gefeiert wird und als Startschuss in die wichtige Weihnachtssaison gilt. Nach dem Black Friday bleibt für das Auspacken und Genießen der Schnäppchen keine Zeit - es folgt sogleich der Cyber Monday mit neuen Kauferlebnissen.    

Ja, ist denn heute schon Weihnachten?

Das Weihnachtsgeschäft ist für den Einzelhandel von enormer Bedeutung. Rund ein Fünftel der Jahresumsätze wird in dieser Zeit erwirtschaftet. Trotz Corona-Krise hatte der Handelsverband Deutschland (HDE) Anfang November für 2020 ein Plus von 1,2 Prozent prognostiziert.

Aktionsausgaben an Black Friday und Cyber Monday

Aktionsausgaben an Black Friday und Cyber Monday

Der HDE rechnet damit, dass in diesem Jahr im Rahmen der beiden aktuellen Aktionen Weihnachtseinkäufe für etwa 1,2 Milliarden Euro getätigt werden. "Profiteure sind vor allem große Händler, etwa Online-Anbieter wie Amazon und Alibaba", sagt Pamela Woo, Expertin bei der französischen Bank BNP Paribas.

Die Angst vor der Ansteckung

Der ohnehin bestehende Trend zum Onlinehandel werde sich in diesem Jahr, wenn die Rabattaktion in die Zeit des Teil-Lockdowns fällt, noch verstärken, kommentiert Christian Wulff, Leiter des Bereichs Handel und Konsumgüter bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC.

"Denn wenn Cafés und Restaurants geschlossen sind, erscheint vielen Verbrauchern ein Einkaufsbummel durch Shopping Malls und Fußgängerzonen deutlich weniger attraktiv. Dazu kommen die strengen Hygieneauflagen und die Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus im stationären Handel", meint Wulff.

Die Fachleute von PwC haben im Rahmen einer Umfrage festgestellt, dass "die große Mehrheit vom heimischen Sofa zu shoppen gedenkt": 74 Prozent wollen demnach vor allem online einkaufen, während lediglich 23 Prozent vorhaben, sich in die Geschäfte zu wagen.

Shoppen in Zeiten von Corona | imago images / photonews.at

Menschen mit Atemmasken in einer Fußgängerzone Bild: imago images / photonews.at

Bald keine Alternativen mehr zum Sofa?  

Das sind zum einen schlechte Nachrichten für die Händler vor Ort, die beim Milliardenreigen eher an der Seitenlinie stehen. Aber es sind auch schlechte Nachrichten für Städte und ihre Bewohner – jedenfalls, wenn sie eine gewisse Lebensqualität darin sehen, künftig wieder vor die Tür gehen zu können, um Angelegenheiten zu regeln und im Café zu sitzen, um dabei anderen Menschen zu begegnen.    

Denn Kritiker diskutieren darüber, ob der Online-Trend, der durch die Pandemie noch verschärft wird, im Ergebnis zu verödeten Innenstädten führen wird und geschlossene Warenhäuser oder verrammelte Gaststätten bald das Stadtbild prägen werden. Ein unerwünschter Nebeneffekt der vielgelobten Digitalisierung?

Es könnte sich schließlich erweisen, dass trotz milliardenschwerer Coronahilfen nur die ganz großen Ketten über hinreichend Mittel und Widerstandskraft verfügen, um die Lockdown-Zeiten zu überstehen.   

Ladenschließungen | picture alliance / Rupert Oberhäuser

Ladenschließungen: Sorgt der Online-Handel für öde Innenstädte? Bild: picture alliance / Rupert Oberhäuser

Worauf Verbraucher achten müssen

Den meisten Verbrauchern dürfte ein gutes Geschäft in diesen Zeiten aber wichtiger sein als öde urbane Aussichten. Vor allem auf Elektroartikel haben es die Konsumenten abgesehen, jeder zweite plant sein Heim mit Technik-Schnäppchen auszurüsten, hat PwC herausgefunden. Jeder dritte Verbraucher will in neue Bekleidung investieren.

Doch machen Verbraucher wirklich immer ein fantastisches Geschäft? Nicht jeder Rabatt sei so hoch wie er scheine, warnen die Fachleute der Verbraucherzentrale. Stichproben der Verbraucherzentrale NRW in den vergangenen Jahren hätten ergeben, dass die Preisreduzierungen an Rabatttagen wie diesen statt versprochener 50 Prozent oder mehr in Wirklichkeit durchschnittlich oft bei weniger als 20 Prozent lägen.

Die Verbraucherschützer empfehlen deshalb, sich schon im Vorfeld zu informieren und mehrere Preissuchmaschinen zu verwenden, um sich ein zutreffendes Bild über die Preisentwicklung zu verschaffen.         

Sale | dpa

Rabatte: Wie billig ist das Angebot wirklich? Bild: dpa

 "Wir steigern das Bruttosozialprodukt"  

Aber ob 20 Prozent oder 50 Prozent Rabatt - es fließen die Milliarden. Im vergangenen Jahr haben die Shopper laut HDE insgesamt 3,1 Milliarden Euro ausgegeben. 2020 sollen es nach Schätzungen des Verbands 18 Prozent mehr werden, das entspräche einem Umsatz von rund 3,7 Milliarden Euro.

Wenn man so will, leisten die Schnäppchenjäger damit einen wichtigen volkswirtschaftlichen Beitrag, denn die Ausgaben für den privaten Konsum sind ein bedeutender Faktor für die gesamte Wirtschaftsleistung. Unabhängig davon, wie man die Fixierung auf Wachstum bewertet: Es ist kaum möglich es zu generieren, wenn die Verbraucher nicht tüchtig einkaufen. Deswegen werden auch Daten zur Verbraucherstimmung, wie etwa der aktuelle GfK-Index, von Ökonomen viel beachtet.  

In Deutschland trägt der private Konsum mit mehr als 50 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei. In den USA sind es sogar mehr als zwei Drittel. In Corona-Zeiten sind während des Lockdowns die Konsumausgaben hierzulande massiv geschrumpft. Letztlich hängt an diesen Ausgaben auch der Arbeitsmarkt.

Am meisten profitiert Jeff Bezos

Die Arbeitnehmer, die bei den großen Black-Friday-Gewinnern dieser Aktionen beschäftigt sind, profitieren aber nicht unbedingt vom gigantischen Geschäft: Rund um den "Black Friday" hat die Gewerkschaft Verdi an einigen deutschen Amazon-Versandzentren zu Arbeitsniederlegungen aufgerufen.

Amazon-Gründer Jeff Bezos | picture alliance / Michael Nelson/EPA/dpa

Amazon-Gründer Jeff Bezos: "Keine tarifliche Vergütung" Bild: picture alliance / Michael Nelson/EPA/dpa

Die Bezirksfachbereichsleiterin für den Handel bei Verdi in Nordrhein-Westfalen, Silke Zimmer, fasst das so zusammen: "Die Beschäftigten, die diese Umsätze und diesen unvorstellbaren Reichtum von Jeff Bezos erwirtschaftet haben, erhalten für die zusätzliche Arbeitsbelastung in der 'Black Friday'-Woche nach wie vor keine tarifliche Vergütung." Die niedrigen Preise, über die sich viele freuen, werden auch durch niedrige Löhne ermöglicht.

Über dieses Thema berichtete das Morgenmagazin am 27. November 2020.