Antonio Guterres.
Liveblog

Erdbeben in der Türkei und Syrien ++ Guterres fordert Öffnung von Grenzübergängen ++

Stand: 09.02.2023 22:47 Uhr

UN-Generalsekretär Guterres hat gefordert, mehr Grenzübergänge nach Syrien zu öffnen. Zuvor war erstmals nach den Erdbeben wieder ein UN-Konvoi mit Hilfsgütern in dem Land angekommen. Alle Entwicklungen im Liveblog.

Die Europäische Union hat der Türkei und Syrien nach dem verheerenden Erdbeben mit mehr als 20.000 Toten ihr Beileid ausgesprochen und weitere Hilfe in Aussicht gestellt. "Unsere Gedanken sind bei den Familien, die ihre Geliebten verloren haben, und bei denjenigen, die immer noch auf Neuigkeiten warten", heißt es in einem von EU-Ratschef Charles Michel veröffentlichten Brief an den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Das Schreiben haben beim EU-Gipfel in Brüssel alle 27 Staats- und Regierungschefs unterzeichnet.

Angesichts der Tragödie stünden die EU und alle Mitgliedstaaten hinter der Türkei und Syrien. "Wir sind bereit, unsere Unterstützung in enger Abstimmung mit den türkischen Behörden weiter zu verstärken", heißt es weiter im Brief. Der EU-Kommission zufolge helfen in der Türkei bereits etwa 1500 Retterinnen und Retter aus 21 EU-Ländern. Die Türkei solle zudem drei Millionen Euro bekommen. Auch Syrien soll laut der Brüsseler Behörde Hilfen in Höhe von 3,5 Millionen Euro erhalten.

Die US-Agentur für internationale Entwicklung (USAID) hat zugesagt, der Türkei und Syrien Hilfsgüter im Wert von 85 Millionen Dollar zukommen zu lassen. "USAID stellt Notnahrung und Unterkünfte für Flüchtlinge und neu Vertriebene sowie Wintervorräte bereit - um Familien zu helfen, der Kälte zu trotzen", hieß es von der Agentur in einer Erklärung. Auch mit gesundheitlicher Betreuung und Traumabewältigung solle geholfen werden, mit sauberemTrinkwasser sowie Hygiene- und Sanitärausstattung, "um die Sicherheit und Gesundheit der Menschen zu gewährleisten", so USAID weiter.

Die Weltbank hat der Türkei Hilfen im Umfang von 1,78 Milliarden Dollar (rund 1,66 Milliarden Euro)zugesagt. "Wir stellen sofortige Hilfe zur Verfügung und bereiten eine schnelle Einschätzung des dringlichen und massiven Bedarfs vor Ort vor", erklärte Weltbank-Präsident David Malpass in Washington. Dabei sollten unter anderem Prioritäten beim Wiederaufbau der zerstörten Gebiete festgelegt werden.

Eine sofortige Hilfe von 780 Millionen Dollar soll laut Weltbank aus zwei bestehenden Projekten in der Türkei bereitgestellt werden. Damit solle Infrastruktur auf kommunaler Ebene wieder aufgebaut werden. Eine weitere Milliarde Dollar an Hilfen wird den Angaben zufolge vorbereitet, um den betroffenen Menschen zu helfen. Das Erdbeben der Stärke 7,8 hatte die Grenzregion zwischen beiden Ländern am Montag erschüttert.

09.02.2023 • 20:47 Uhr

Der Brennpunkt zum Nachschauen

Nach dem Erdbeben ist die Zahl der Todesopfer auf mehr als 20.000 gestiegen. Die Hoffnung, Überlebende zu finden, schwindet zunehmend. In Syrien läuft die Hilfe nur schleppend an - und ob sie überhaupt jeden Landesteil erreichen wird, ist fraglich. Sehen Sie hier den aktuellen Brennpunkt.

Brennpunkt: Erdbebenkatastrophe in der Türkei und Syrien

Brennpunkt 20:15 Uhr

US-Außenminister Antony Blinken hat einer Meldung der Nachrichtenagentur Reuters zufolge mit dem türkischen Außenminister Mevlut Cavusoglu telefoniert. Blinken habe seine anhaltende Unterstützung ausdrücken und erörtern wollen, wie die Vereinigten Staaten ihre Bemühungen zur Bereitstellung von Hilfe in der Türkei und in Syrien nach den Erdbeben fortsetzen können, teilte das US-Außenministerium den Angaben zufolge mit.

Ministeriumssprecher Ned Price sagte, die USA würden weiterhin ungehinderten Zugang zur Lieferung von Hilfsgütern nach Syrien fordern - und appellierte an die Regierung des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, sofort Hilfe über alle Grenzübergänge zuzulassen.

Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) fordert angesichts der dramatischen Lage nach den Erdbeben die sofortige Aussetzung der Sanktionen gegen Syrien. "Unsere Botschaft in dieser Krisensituation ist klar und eindeutig: Eine Erdbeben-Katastrophe ist keine politische Angelegenheit", sagte Generalsekretär Matthias Boehning laut Mitteilung bei einer Kundgebung in Bonn.

Von äußerster Wichtigkeit sei, dass auch im Norden Syriens unabhängig von Sanktionen aus politischen Gründen sofort und umfassend geholfen werde. Zahlungstransfers für in Syrien tätige Hilfsorganisationen müssten ermöglicht werden. "Wir fordern deshalb eine Aussetzung der Sanktionen - und ich betone: keine Aufhebung, sondern eine Aussetzung - und damit die Ermöglichung sofortiger Hilfeleistung", so Boehning.

Die Zahl der Toten in der Türkei und Syrien ist auf mehr als 20.000 gestiegen. Wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu unter Berufung auf die türkische Katastrophenschutzbehörde Afad berichtete, liegt die Zahl allein für die Türkei nun bei 17.134. Aus Syrien wurden zuletzt 3317 Tote gemeldet.

In beiden Ländern sind vermutlich noch Tausende weitere Opfer zu befürchten. Mehr als 75.000 Menschen wurden verletzt.

Retter in Syrien haben drei Kinder aus den Trümmern ihres Wohnhauses befreit. Die Mädchen Scham und Rama seien fünf und sieben Jahre alt, ihr Bruder etwas älter, berichteten die Weißhelme. Die Mutter der Kinder konnte den Angaben nach am Mittwochabend nur noch tot geborgen werden. Der Vater habe überlebt. Er soll sich während des Bebens nicht im Wohnhaus der Familie in einem Dorf westlich der Stadt Idlib befunden haben.

Den Kindern geht es nach Angaben der Retter gesundheitlich gut. Sie würden derzeit medizinisch versorgt.

09.02.2023 • 18:35 Uhr

Luftwaffe mit Hilfsgütern gelandet

Drei Transportflugzeuge der Bundesluftwaffe mit Hilfsgütern für das Erdbebengebiet sind in der Türkei eingetroffen. Aufgrund von Kapazitätsproblemen konnten sie nicht wie ursprünglich geplant in Gaziantep landen. Das habe sich nach dem Abflug aus Wunstorf herausgestellt, sagte ein Presseoffizier der Luftwaffe. Die Flugzeuge seien auf die Airbase Incirlik umgeleitet worden. "Das ist ein großer NATO-Flugplatz", erläuterte der Sprecher. Dort würden die Maschinen von US-Streitkräften entladen. Die Transportflugzeuge der Bundesluftwaffe sollten noch am Abend nach Wunstorf zurückkehren.

In den folgenden Tagen soll mit den Transportmaschinen vom Typ Airbus A 400 eine Art Luftbrücke entstehen. "Wir haben uns darauf vorbereitet, mit drei Maschinen jeden Tag zu fliegen, bis in die nächste Woche hinein", sagte Oberst Christian John, Kommodore des Lufttransportgeschwaders 62. Es hänge davon ab, wie viele Hilfsgüter angeliefert würden. Für Freitag seien zwei Flüge geplant.

09.02.2023 • 18:29 Uhr

NRW prüft Abschiebestopp

Die nordrhein-westfälische Landesregierung denkt offenbar über einen vorübergehenden Abschiebestopp nach. "Wir stehen derzeit im Austausch mit dem Bund und prüfen, ob Rückführungen in die Türkei aufgrund der aktuellen Naturkatastrophe weiterhin möglich sind", sagte eine Sprecherin des Ministeriums für Flucht und Integration der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". Abschiebungen nach Syrien hätten zuletzt wegen der politischen Lage im Land ohnehin nicht stattgefunden. In die Türkei seien im Jahr 2022 aber noch 80 Personen aus NRW zurückgeführt worden.

Das Erdbeben in der Türkei ist eine nationale Katastrophe. Die Menschen stehen unter Schock, nicht nur im Krisengebiet, sondern im ganzen Land. Die Gedanken der Türkinnen und Türken gehören den Opfern. Aber kaum etwas in der Türkei ist unpolitisch, meint ARD-Reporterin Karin Senz:

Karin Senz, Karin Senz, ARD Istanbul, 09.02.2023 17:47 Uhr

Im Nordwesten Syriens sind die Bewohner aus einem Dorf geflüchtet, nachdem ein durch das schwere Erdbeben in der Region ausgelöster Dammbruch zu einer Überflutung geführt hatte. Dutzende Familien verließen ihre Häuser in Al-Tlul in der von oppositionellen Milizen kontrollierten Provinz Idlib und suchten Zuflucht in nahegelegenen Orten, während das Wasser ihre Häuser teilweise überflutete.

Straßen und Felder in dem Ort nahe der türkischen Grenze wurden überschwemmt.  "Der Damm ist durch das Erdbeben gebrochen", sagte Luan Hamadeh, einer der wenigen Dorfbewohner, die trotz der Überschwemmung geblieben sind. Alle bis auf ein paar junge Männer seien geflohen, fügte er hinzu. "Die Lage ist dramatisch, sehen Sie sich das Wasser ringsum an."

Angesichts der nur schwer erreichbaren Erdbeben-Opfer im Nordwesten Syriens Dorf in Syrien nach durch Erdbeben ausgelöstem Dammbruch überflutethat UN-Generalsekretär António Guterres die Öffnung weiterer Grenzübergänge aus der Türkei verlangt. "Wir brauchen massive Unterstützung, und deshalb würde ich mich natürlich sehr freuen, wenn der Sicherheitsrat einen Konsens erzielen könnte, um die Nutzung von mehr Übergängen zuzulassen, da wir auch unsere Kapazität erhöhen müssen", sagte Guterres in New York. Humanitäre Hilfe dürfe nicht politisiert werden.

Bab al-Hawa zwischen der Türkei und Syrien ist der letzte von einst vier Grenzübergängen, über den Hilfen auch in die Teile Syriens gelangen können, die nicht von der Regierung kontrolliert werden. Die syrische Regierung wollte humanitäre Hilfe schon vor dem Erdbeben komplett durch die von ihr kontrollierten Gebiete fließen lassen, um den Rebellen im Norden weitere Ressourcen zu entziehen. Dies fordert sie nun erneut.

Einsatzkräfte haben zwei fünf und elf Jahre alte Brüder in der Südosttürkei nach 84 Stunden aus den Trümmern gerettet. Der elfjährige sei Autist - beide Kinder seien ins Krankenhaus gebracht worden, berichtete der Sender NTV. Auf Bildern war zu sehen, wie die Brüder in Wärmedecken gepackt und weggetragen wurden.

Die Retter in der Provinz Kahramanmaras hätten zunächst Stimmen gehört und ihre Arbeiten dann auf das eingestürzte Gebäude konzentriert, unter dem die Brüder begraben waren. Auch aus der Provinz Hatay gab es gute Nachrichten: Drei Menschen wurden dort nach 84 Stunden unter den Trümmern lebend geborgen, wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtete.

09.02.2023 • 17:01 Uhr

Zahl der Toten bei fast 20.000

Die Zahl der Toten im türkisch-syrischen Grenzgebiet ist alleine in der Türkei auf 16.546 gestiegen. Mehr als 66.000 Menschen seien verletzt worden, sagte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan in der Provinz Kilis. In Syrien kamen nach Angaben des Gesundheitsministeriums laut Staatsagentur Sana sowie der Rettungsorganisation Weißhelme 3317 Menschen ums Leben. Insgesamt wurden damit bislang fast 19.900 Tote gemeldet.

Angesichts der verheerenden Ausmaße des Erdbebens im Süden der Türkei wackelt offenbar der Termin für die Wahlen im Mai. Der Unmut über das Katastrophenmanagement wächst, was auch Auswirkungen auf die für den 14. Mai geplanten Präsidenten- und Parlamentswahl haben könnte. Es wurden Zweifel laut, ob die Abstimmung überhaupt stattfinden kann. Ein Regierungsvertreter, der anonym bleiben wollte, sprach angesichts der Ausmaße des Bebens von "ersten Schwierigkeiten" für die im Mai geplanten Wahlen. Dies gilt als ein erster Hinweis, dass eine Verschiebung erwogen wird: "Es ist wirklich zu früh, um über die Wahl zu sprechen", sagte der Gewährsmann.

Die Zahl der Toten könnte nach Einschätzung von Fachleuten erheblich steigen. "Schnelle Hochrechnungen auf Basis empirischer Schadensmodelle lassen zwischen 11.800 bis rund 67.000 Todesopfer erwarten", erklärte Andreas Schäfer vom Geophysikalischen Institut am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), der Forschungsuniversität in der Helmholtz-Gemeinschaft. Das werde unter anderem aus historischen Vergleichen, aktuellen Daten zu Gebäudeinfrastruktur und zur Bevölkerung sowie Faktoren wie der Tageszeit berechnet. Die Erdbeben dürften demnach wahrscheinlich zu den 20 tödlichsten Erdbeben weltweit seit 1900 gehören, teilte das KIT mit. Schon 11 der 100 tödlichsten Erdbeben seitdem hätten sich in der Türkei ereignet.

Der syrische Gesundheitsminister Hassan Ghabbasch hat die Weltgesundheitsorganisation dringend zur Lieferung von medizinischen Hilfsgütern aufgefordert. Die Lieferungen würden für die Behandlung von Tausenden Menschen benötigt, die in Syrien durch das Erdbeben Anfang dieser Woche verletzt worden seien, sagte er. Ghabbasch überbrachte seine Bitte in der syrischen Hauptstadt Damaskus dem WHO-Regionaldirektor für den östlichen Mittelmeerraum, Ahmed al-Mandhari. Das staatliche Fernsehen zitierte Al-Mandhari mit den Worten, die WHO werde Syrien bei der Bewältigung der Folgen des Erdbebens mit aller Kraft unterstützen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat sich in einer Videobotschaft an die Menschen in Deutschland gewandt, die Freunde und Verwandte in den Erdbebengebieten in Syrien und der Türkei haben. "Wir sehen euer Leid, wir hören euer Klagen. Euer Schmerz ist unser Schmerz", sagte der Bundespräsident in einer auf seiner Internetseite und in sozialen Netzwerken veröffentlichten Ansprache. In deutsch, türkisch und arabisch dankte er den Helferinnen und Helfern vor Ort und auch denen in Deutschland, die Hilfstransporte organisieren, spenden oder sich um Nachbarn kümmern, die sich um das Schicksal von Angehörigen und Freunden in den Erdbebebengebieten sorgen: "Im Namen unseres Landes: danke, tesekkürler und shukran!"

Das türkische Parlament hat den Ausnahmezustand für drei Monate in zehn Provinzen des Landes abgesegnet. Damit bestätigte die Nationalversammlung in Ankara ein Dekret des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtete. Das Dekret wurde bereits im Amtsblatt veröffentlicht - damit ist der Ausnahmezustand in Kraft getreten. Die Maßnahme umfasst die Provinzen, die auch vom Erdbeben getroffen wurden.

Mit dem Ausnahmezustand können den Angaben zufolge etwa öffentliche Einrichtungen, Organisationen oder "juristische und natürliche Personen" in der Region dazu verpflichtet werden, unter anderem Ausrüstung, Grundstücke, Gebäude, Fahrzeuge oder Medikamente abzugeben.

Der Grünen-Vorsitzende Omid Nouripour hat Russland und Syriens Machthaber Baschar al-Assad vorgeworfen, das Öffnen weiterer Grenzübergänge zu blockieren. "Die internationale Gemeinschaft muss auf Russland einwirken, damit möglichst schnell weitere Grenzübergänge geöffnet werden und dringend benötigte Hilfe bei den Menschen in Idlib ankommt", sagte Nouripour der Nachrichtenagentur dpa. "Es muss verhindert werden, dass humanitäre Hilfe, die über Damaskus ins Land gelangt, vom Assad-Regime aufgehalten wird." Internationale Hilfslieferungen könnten kaum ankommen, weil Russland und das Assad-Regime das Öffnen der Grenzübergänge blockierten.

Die Zahl der Todesopfer in der Türkei und Syrien ist auf mehr als 19.000 gestiegen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sagte, in seinem Land seien mehr als 16.100 Menschen getötet worden. Die Zahl der Verletzten gab er mit mehr als 64.000 an.

Auf syrischer Seite wurden aus den Gebieten, die von der Regierung kontrolliert werden, und aus von Rebellen gehaltenen Regionen mehr als 3100 Todesopfer gemeldet. Mehr als 5000 Menschen wurden dort verletzt.

Der für humanitäre Hilfe zuständige EU-Kommissar Janez Lenarcic ist nach Gaziantep im türkischen Erdbebengebiet gereist. Er wolle sich beim Vize-Chef des türkischen Katastrophenschutzes und Vertretern humanitärer Organisationen aus Nordwest-Syrien über die Rettungsmaßnahmen informieren, teilte die EU-Kommission mit.

Die EU hat über ihren Zivilschutz-Mechanismus 3,5 Millionen Euro für Hilfsorganisationen in Syrien bereitgestellt. Es geht demnach um Mittel für Unterkünfte und Hilfsgüter, Wasser und Abwasserentsorgung, medizinische Versorgung sowie Such- und Rettungsmaßnahmen.

09.02.2023 • 15:05 Uhr

Bericht zur Situation in Syrien

Ob die Hilfe in Syrien überhaupt jeden Landesteil erreichen wird, ist fraglich. Das liegt vor allem an Machthaber Assad, der die Krise für seine Zwecke nutzt, wie ARD-Korrespondentin Anna Osius berichtet.

Überlebende der Erdbebenkatastrophe in der Türkei und Syrien sollen nach dem Willen mehrerer Abgeordneter von Bund und Ländern kurzfristig unbürokratisch bei Verwandten in Deutschland unterkommen können. "Ich selbst habe mehrere Anfragen von Menschen in Deutschland erhalten, die gern ihren Angehörigen ohne Obdach helfen möchten", sagte der Vizechef der deutsch-türkischen Parlamentariergruppe, Macit Karaahmetoglu (SPD). Ähnlich hatten sich bereits Baden-Württembergs Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne) und der hessische Landtagsabgeordnete Turgut Yüksel (SPD) geäußert.

Das Auswärtige Amt teilte im Internet mit, dass türkische und syrische Staatsangehörige auch nach dem Erdbeben für eine Einreise nach Deutschland ein Visum benötigten. Die Visastellen würden die schwierige Situation berücksichtigen.

Wegen der verheerenden Erdbeben sollen die Flaggen an den obersten Bundesbehörden in Berlin und Bonn am Freitag auf halbmast hängen. Bundesinnenministerin Nancy Faeser ordnete die Trauerbeflaggung an, wie ein Sprecher des Bundesinnenministeriums mitteilte.

Die Europäische Union hat der Türkei verstärkte Unterstützung zugesichert. "Wir stehen bereit, unsere Unterstützung in enger Zusammenarbeit mit den türkischen Behörden weiter zu verstärken", hieß es in einem Schreiben der EU-Staaten an den türkischen Präsidenten Erdogan. Die 27 Staats- und Regierungschefs der EU sprachen demnach der Bevölkerung in der Türkei und in Syrien ihre "volle Solidarität" aus.

Die Staats- und Regierungschefs kamen in Brüssel zu einem Sondergipfel zusammen. Das Schreiben schickten sie zu Beginn ihres Treffens an den türkischen Präsidenten.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan will den erdbebenbedingten Ausnahmezustand noch heute vom Parlament in Ankara bestätigen lassen. Ein entsprechendes Dekret werde er der Nationalversammlung in Ankara vorlegen, sagte er. Die Maßnahme werde helfen, unter anderem gegen die vorzugehen, die "Unfrieden und Zwietracht stiften". Es habe außerdem Plünderungen gegeben, die dadurch verhindert werden könnten.

Erdogan hatte am Dienstag für die zehn vom Erdbeben betroffenen Regionen einen dreimonatigen Ausnahmezustand angekündigt, der noch vom Parlament bestätigt werden muss. Das Kabinett kann mit der Maßnahme unter anderem beschließen, Ausgangssperren zu verhängen. Der Fahrzeugverkehr kann außerdem zu bestimmten Zeiten oder in bestimmten Gegenden verboten werden, auch können Versammlungen und Demonstrationen untersagt werden.

Tonnenweise Hilfsgüter für die vom Erdbeben betroffenen Menschen in der Türkei werden in diesen Tagen auch vom Hauptstadtflughafen BER per Flugzeug ausgeflogen. Die halbstaatliche Luftfahrtgesellschaft Turkish Airline übernimmt die Transporte der in der Hauptstadtregion gesammelten Güter, wie das Unternehmen mitteilte. Koordiniert werden die Abläufe demnach vom türkischen Generalkonsulat.

Die Hilfsmittel werden in den Frachträumen regulärer Passagiermaschinen mitgenommen. Turkish Airlines fliegt dafür zwei Mal am Tag mit Großraummaschinen, in denen besonders viel Platz ist. Auch von anderen deutschen Flughäfen aus nehme das Unternehmen Hilfsgüter für die Türkei mit. Nirgendwo seien die Mengen jedoch so groß wie in Berlin, hieß es. Insbesondere Moscheevereine und türkische Hilfsorganisationen sammeln die Dinge ein.

Nach dem Erdbeben ist die Zahl der Toten auf mehr als 17.000 gestiegen. Es gebe inzwischen 14.014 Tote allein in der Türkei, sagte Präsident Recep Tayyip Erdogan in der vom Beben getroffenen Provinz Gaziantep. Mehr als 63.000 Menschen wurden demnach verletzt. Alleine in der südosttürkischen Millionenstadt Gaziantep seien 944 Gebäude zerstört worden. Aus Syrien waren zuletzt mindestens 3200 Tote gemeldet.

Auch die UN bestätigen nun Berichte, dass ein Hilfsgüter-Konvoi der Vereinten Nationen Syrien erreicht hat. Sechs Lastwagen seien aus der Türkei gestartet und hätten den einzigen noch offenen Grenzübergang Bab al-Hawa passiert, hieß es. Der Grenzübergang war wegen vom Erdbeben beschädigter Straßen geschlossen worden. Es ist der einzige, den UN-Hilfskonvois für das Gebiet mit vielen Bürgerkriegsflüchtlingen benutzen dürfen.

Was Hilfe angehe, brauche die syrische Bevölkerung so gut wie alles, sagt der UN-Sondergesandte Geir Pedersen in Genf. Es dürfe keine politischen Hindernisse geben, um die Hilfe dorthin zu bringen, wo sie am dringendsten benötigt werde.

Bei der Ladung handele es sich um Hilfsgüter, die bereits in Syrien eintreffen sollten, bevor das Erdbeben am Montag das Gebiet erschütterte, sagte der syrische Grenzbeamte Masen Allusch. Weitere Konvois mit Erdbebenhilfe sollen folgen.

Anna Osius, Anna Osius, ARD Kairo, 09.02.2023 12:57 Uhr
09.02.2023 • 11:46 Uhr

DFB empfiehlt Trauerflor

Der Deutsche Fußball-Bund hat seinen Clubs für das bevorstehende Wochenende anlässlich des Erdbebens eine Schweigeminute sowie das Tragen eines Trauerflors empfohlen. Es geht dabei um die 3. Liga sowie die Frauen-Bundesliga und die 2. Bundesliga der Frauen. Bereits am Mittwoch hatte es bei den Pokalspielen 1. FC Nürnberg gegen Fortuna Düsseldorf sowie VfL Bochum gegen Borussia Dortmund eine Schweigeminute gegeben.

Im Nordwesten Syriens ist die Rettung von Menschen wegen des Mangels an Ausrüstung weiter sehr schwierig. "Es fehlt uns am Wesentlichen. Wir brauchen große Kräne, um große (Trümmer-)Brocken zu beseitigen. Wir brauchen schwere Ausrüstung, um mit dieser Tragödie umzugehen", sagte Munir Mustafa, stellvertretender Leiter der Rettungsorganisation Weißhelme.

"Wir nutzen unsere Hände und Schaufeln, um die Trümmer zu beseitigen. Einige von uns haben in den letzten 70 Stunden nicht mehr als sechs Stunden geschlafen", sagte Ubadah Sikra, der die Rettungseinsätze bei den Weißhelmen koordiniert und der inzwischen selbst mit anpackt. "Einige Freiwillige weigern sich, eine Pause zu machen, weil sie versuchen wollen, mehr Leben zu retten." Einige der Freiwilligen würden auch Freunde und Angehörige aus den Trümmern ziehen.

09.02.2023 • 11:38 Uhr

Fehlinformationen kursieren im Netz

Nach den schweren Erdbeben in Syrien und in der Türkei verbreiten sich im Internet auch falsche Informationen rund um die Katastrophe. Der ARD-faktenfinder gibt einen Überblick:

Wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet, hat ein erster Hilfskonvoi der UN die Erdbebengebiete im Nordwesten Syriens erreicht, die von Rebellen kontrolliert werden. Das habe ein Grenzbeamter am türkisch-syrischen Grenzübergang Bab al-Hawa der Agentur bestätigt. Zudem habe ein AFP-Reporter gesehen, wie der Konvois aus sechs Lastwagen die Grenze passiert habe.

Auch der Sender Aljazeera gab unter Berufung auf UN-Quellen an, dass der Konvoi die in Syrien betroffenen Erdbebenregionen erreicht habe.

Auch die Hilfsorganisation Care Deutschland engagiert sich nach den schweren Erdbeben in den betroffenen Regionen. Durch die Katastrophe habe das Team der Organisation "auch Kollegen verloren", sagte der Generalsekretär von Care Deutschland im Interview mit tagesschau24. Da Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch teils eigene Familien unterstützen und versorgen müssten, würden auch Helfer aus der Region eingesetzt, um die Bemühungen der Organisation zu unterstützen.

"Wir haben auch Kollegen verloren", Karl-Otto Zentel, Generalsekretär von Care Deutschland, zu Erdbeben in der Türkei und Syrien

tagesschau24 10:00 Uhr

Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir hat seine Teilnahme an einer außerordentlichen Sitzung des Stockacher Narrengerichts in Berlin abgesagt. Er bat um Verständnis, doch seine Gedanken seien bei den Opfern des katastrophalen Erdbebens in der Türkei und Syrien. Für Özdemir soll nun der frühere Grünen-Fraktionschef Rezzo Schlauch einspringen.

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock drängt darauf, weitere Grenzübergänge nach Syrien zu öffnen, um so mehr Hilfslieferungen von türkischem Territorium aus zu ermöglichen. Derzeit steht dafür nur der Übergang Bab al-Hawa zur Verfügung. Die Lage in Syrien sei dramatisch, warnte die Grünen-Politikerin im Interview mit dem WDR.

In der Vergangenheit habe das syrische Regime unter Baschar al-Assad die Grenze geschlossen, keine humanitäre Hilfe hineingelassen und gerade die Region im Norden Syriens werde immer wieder bombardiert, so Baerbock. Nun würden "alle diplomatischen Kontakte" genutzt, um eine bessere Versorgung der Bevölkerung in den Bebengebieten zu ermöglichen. Zudem sei die finanzielle Unterstützung für Hilfsorganisationen, die schon vor den schweren Erdbeben in Syrien aktiv gewesen sind, aufgestockt worden. Die Mittel gingen direkt an die Hilfsorganisationen, damit das Geld bei den betroffenen Menschen lande und nicht beim Regime.

Wie das Technische Hilfswerk (THW) per Tweet mitteilte, sind vom Militärflughafen Wunstorf nahe Hannover drei Flugzeuge gestartet, die Hilfsgüter in die Türkei liefern sollen. Das THW Baden-Württemberg hatte etwa 50 Tonnen an Hilfsgütern für die Erdbebenregionen gesammelt.

09.02.2023 • 09:38 Uhr

Mutter mit zwei Kindern gerettet

Rund 78 Stunden nach den schweren Erdbeben wurden in der türkischen Provinz Kahramanmaras eine Mutter und zwei ihrer Kinder lebend in den Trümmern entdeckt. Die Rettungskräfte hätten 15 Stunden gearbeitet, um die Frau und ihre Kinder zu befreien, sagte einer der Helfer dem Sender CNN Türk. Nach Angaben der türkischen Regierung sind in den von den Beben betroffenen Regionen mehr als 100.000 Helfer im Einsatz.

Die UN wollen heute sechs Hilfskonvois in den Nordwesten von Syrien schicken. Gerade in diesen Gebieten gestaltet sich die Versorgung äußerst schwierig. Hilfsgüter können nur über einen Grenzübergang aus der Türkei heraus in diese Gebiete gebracht werden.

Heute sollen vom Militärflughafen Wunstorf bei Hannover aus Hilfsgüter in die Türkei geliefert werden. Wie die Nachrichtenagentur dpa berichtete, bereitet die Bundeswehr dafür Flugzeuge vom Typ Airbus A 400M vor.

Für die Lieferung hatte das Technische Hilfswerk Baden-Württemberg rund 50 Tonnen an Hilfsgütern mit sieben Lastwagen aus dem Großraum Ulm nach Niedersachsen gefahren. Bepackt waren sie mit knapp 2000 Feldbetten, Schlafsäcken und Decken. Auch Zelte, Heizgeräte und Isomatten werden in das Krisengebiet gebracht.

Den neuesten Angaben der türkischen Katastrophenschutzbehörde AFAD zufolge sind allein in der Türkei mittlerweile 12.873 Todesopfer infolge der schweren Erdbeben erfasst worden. Fast 63.000 Menschen wurden demnach verletzt. In Syrien wurden bislang mindestens 3162 Tote registriert.

09.02.2023 • 07:22 Uhr

EU plant Geberkonferenz

Um weitere Hilfe für die Türkei und Syrien auf den Weg zu bringen, plant die EU für Anfang März eine Geberkonferenz in Brüssel.

EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen betonte auf Twitter, derzeit stehe der "Kampf gegen die Zeit" im Fokus, um Leben zu retten. Bald werde die EU auch Hilfen zur Entlastung der Länder auf den Weg bringen. Syrien und die Türkei könnten auf die EU zählen. Bislang schickte die EU 31 Such- und Rettungsmannschaften sowie fünf medizinische Teams aus 23 Ländern in die von den Beben betroffenen Regionen.

Im türkischen Iskenderun dauert die dramatische Suche nach möglichen Überlebenden weiter an. ARD-Korrespondent Uwe Lueb schildert die angespannte Lage vor Ort und erlebt eine Stimmung, unter die sich neben Trauer und Verzweiflung auch Wut über zu wenig Hilfe mischt.

In der türkischen Provinz Hatay konnten etwa 68 Stunden nach den verheerenden Erdbeben weitere Überlebende aus den Trümmern eines zusammengestürzten Hauses geborgen worden. Zunächst gelang es Rettungskräften vor Ort, ein Baby zu zu befreien, wie der staatliche Nachrichtensender TRT berichtete. Wenige Stunden später konnte demnach auch ein Mann gerettet werden, bei dem es sich wohl um den Vater des Kindes handele.

Auch in der Stadt Gaziantep wurden drei weitere Menschen aus dem Schutt einer Wohnhausruine gerettet. Die Helfer in den betroffenen Regionen arbeiten gegen die Zeit. Nach Ablauf von 72 Stunden werden die Chancen, noch Überlebende der Katastrophe bergen zu können, als gering eingeschätzt.

Nach den schweren Erdbeben in der Türkei und in Syrien hat das Auswärtige Amt seine Warnhinweise für die Türkei aktualisiert. Die Behörde warnt darin vor möglichen Nachbeben im Grenzgebiet und ruft dazu auf, sich bei einem Aufenthalt in den betroffenen Regionen über Risiken und richtige Verhaltensweisen zu informieren.

09.02.2023 • 02:10 Uhr

Mehr als 15.000 Tote nach Erdbeben

Nach dem verheerenden Erdbeben im türkisch-syrischen Grenzgebiet ist die Gesamtzahl der Todesopfer in beiden Ländern auf mehr als 15.000 gestiegen. In der Türkei starben laut einer neuen Bilanz von Behörden und Rettungskräften 12.391 Menschen. In Syrien stieg die Zahl der Todesopfer auf 2992.

Der Leiter von Ärzte ohne Grenzen Deutschland, Katzer, warnte im Brennpunkt, das syrische Gesundheitssystem sei völlig überlastet. Die EU will Syrien und die Türkei mit finanziellen Hilfen in Millionenhöhe unterstützen. Die Entwicklungen von Mittwoch zum Nachlesen.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichteten am 09. Februar 2023 die tagesschau ab 09:00 Uhr und tagesschau24 ab 09:05 Uhr.