Wirecard-Logo am ehemaligen Konzernsitz in Aschheim | REUTERS
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Wirecard Neue Dokumente belasten Markus Braun

Stand: 23.02.2022 18:00 Uhr

Ein Polizeibericht und eine Klage, die WDR und SZ einsehen konnten, beschreiben dubiose Vorgänge rund um Kredite an ein Unternehmen aus Singapur. Beide dürften in der ersten Wirecard-Anklage eine erhebliche Rolle spielen.

Von Lena Kampf und Nils Wischmeyer, WDR

Markus Braun war einst ein gefeierter Star, eine Internetsensation, gekleidet im schwarzen Rollkragenpullover. Die Anleger liebten ihn für das, was er mit Wirecard aufgebaut hatte - für viele war Wirecard der nächste große Aufsteiger der deutschen Wirtschaft. Doch mit dem Zusammenbruch des Konzerns im Juni 2020, mit den fehlenden 1,9 Milliarden Euro und dem Absturz der Aktie, begann auch das Image um den ehemaligen Vorzeige-Vorstand Markus Braun zu bröckeln.

Lena Kampf

Mittlerweile sitzt der Ex-Wirecard-Chef in Augsburg-Gablingen in Untersuchungshaft. Bald dürfte die Staatsanwaltschaft gegen ihn und weitere Manager die erste Anklage im Wirecard-Skandal vorlegen. Darin werden vermutlich auch zwei brisante Dokumente eine wichtige Rolle spielen, die WDR und "Süddeutsche Zeitung" nun einsehen konnten und die Markus Braun teils schwer belasten. Der weist alle Vorwürfe zurück.

Dokument 1: Polizeibericht

Konkret geht es um einen Polizeibericht, der einen dubiosen Geldkreis beschreibt, in den Markus Braun eingebunden gewesen sein soll und eine Schadensersatzklage gegen sechs frühere Mitglieder des Wirecard-Vorstands und Aufsichtsrats, die eine Kanzlei im Auftrag des Insolvenzverwalters Michael Jaffé eingereicht hat.

Der Polizeibericht aus dem Jahr 2020 beschreibt, wie 100 Millionen Euro aus dem Wirecard-Konzern flossen und über einen Kreislauf teilweise wieder dort landeten. Markus Braun hatte damals privat einen Kredit bei der Wirecard Bank aufgenommen und musste diesen im Frühjahr 2020 auf Druck des Aufsichtsrats dringend zurückzahlen. An dieser Stelle besteht noch kein Verdacht auf Untreue.

Wenig später nun gab es einen Vorstandsbeschluss, der einer Firma in Singapur einen Kredit über 100 Millionen Euro gewährte. Das Geld landete dann offenbar in Singapur bei Ocap, ein ehemaliges Partnerunternehmen von Wirecard. Von Ocap liefen dann 35 Millionen Euro zu einer Firma in Litauen und von dort an eine Holding mit Sitz auf der Isle of Man, heißt es in dem Polizeibericht. Von dort soll das Geld an Jan Marsalek überwiesen worden sein, der es wiederum an Braun schickte und damit einen großen Teil eines noch offenen Kredits zwischen den Vorständen tilgte. Markus Braun soll das Geld wiederum genutzt haben, um seinen noch offenen Kredit bei der Wirecard Bank zu tilgen.

Veruntreuten Marsalek und Braun Millionenbetrag?

So sei innerhalb von vier Werktagen ein Betrag von insgesamt 35 Millionen Euro zur Wirecard Bank durchgereicht worden, schreiben die Ermittler im Polizeibericht. Sollten die Feststellungen der Ermittler sich bewahrheiten, hätten Marsalek und Braun einen Millionenbetrag bei Wirecard veruntreut, was beide schwer belasten würde.

Während Marsalek auf der Flucht ist, lässt Braun den Vorwurf der Untreue zurückweisen. Er sei "durch Fakten eindeutig widerlegt". Bei einer Vernehmung zu dem Geldkreislauf im Dezember 2020 hatte Braun dem Verdacht bereits widersprochen, mit den Vorfällen etwas zu tun gehabt zu haben. Laut Protokoll sagte er, er habe das weder geahnt noch gewusst und hätte bei so etwas auch niemals mitgemacht, da er sich so selbst geschädigt hätte. Er war zu dem Zeitpunkt der größte Einzelaktionär des Konzerns und hielt Papiere im Wert von rund einer Milliarde Euro. Vorgänge, die nicht in Ordnung gewesen wären, hätten das gefährdet, sagte er sinngemäß.

Dokument 2: Schadensersatzklage

Das zweite brisante Dokument stammt aus dem Dezember 2021. In dem Schriftsatz verklagt eine Anwaltskanzlei im Namen des Insolvenzverwalters Michael Jaffé sechs ehemalige Führungskräfte des Konzerns, darunter Markus Braun und Jan Marsalek, auf 140 Millionen Euro - zuzüglich Zinsen.

In der Klageschrift geht es um zwei Darlehen, die Wirecard an die Firma Ocap in Singapur vergeben hat - einer davon ist der im Polizeibericht aufgeführte 100-Millionen-Kredit, der am Ende teilweise wieder bei Wirecard gelandet sein soll. Das andere Darlehen stammt bereits aus dem Dezember 2019. Für noch offene Rückzahlungsansprüche in Höhe von 140 Millionen Euro sollen nun die Beklagten haften.

In ihrer Klage beschreiben die Anwälte unter anderem, dass Ocap für das vorgesehene Geschäft technisch gar nicht in der Lage gewesen sei, Kreditanträge fehlen würden und es auch sonst viele Auffälligkeiten gab, die Vorstand wie Aufsichtsrat hätten auffallen müssen. "Die Beklagten haben jede Grundlage einer sorgfältigen Unternehmensführung ignoriert und die Kredite ohne jegliche Prüfung des Kreditnehmers gewährt bzw. ihnen zugestimmt", heißt es in der Klageschrift.

Es sei erkennbar gewesen, dass die Kredite an OCAP einzig dazu dienten, Vermögen aus Wirecard heraus zu schleusen. Und: "Das Verhalten der Beklagten war insbesondere vor dem Hintergrund der Vielzahl von gravierenden Auffälligkeiten von OCAP völlig unverständlich und für Organmitglieder eines DAX- Konzerns geradezu grotesk."

Braun weist Vorwürfe zurück

Ex-Wirecard-Chef Braun weist jegliche Vorwürfe bezüglich der Kredite an Ocap zurück. Alle Darlehen seien auf der Grundlage der zum Zeitpunkt der Kreditvergabe vorhandenen Informationen "ordnungsgemäß" vom Vorstand gewährt worden.

Generell hätten die Kredite nur auf der von Marsalek angestoßenen und durch den Vorstand wie Aufsichtsrat genehmigten Strategie beruht, den Bereich "Digital Lending" zu erweitern. Dafür habe es einen "Rahmenbeschluss des Aufsichtsrats" für Kredite in Höhe von 500 Millionen Euro gegeben.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 28. Mai 2021 um 17:12 Uhr.