VOLLBILD-Journalist Christoph Kürbel im Interview mit einer Betroffenen | SWR
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Psychotherapie bei Heilpraktikern "Eine Anmaßung von Kompetenzen"

Stand: 20.09.2022 17:25 Uhr

Bei Psychotherapien von Heilpraktikern gibt es Qualitätsdefizite und dubiose Behandlungsmethoden, das zeigen Recherchen des SWR. Dabei versprechen deren Berufsverbände, sie stünden für Qualität und entlasteten das Gesundheitssystem.

Von Rabea Westarp, SWR

Ängste, Depressionen, Persönlichkeitsstörungen: Mehr als ein Viertel der Menschen in Deutschland ist laut Bundespsychotherapeutenkammer psychisch krank. Wer gesetzlich versichert ist und einen Therapieplatz sucht, muss meist lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Die Nachfrage nach Psychotherapie nahm seit Beginn der Corona-Pandemie stark zu.

Wer es sich leisten kann, sucht sich Alternativen - etwa bei Heilpraktikern, die ebenfalls Psychotherapie anbieten dürfen. Heilpraktiker-Berufsverbände versprechen: Sie bieten kurzfristig Termine an, stehen für Qualität und Patientensicherheit und entlasten das Gesundheitssystem. Recherchen des SWR-Investigativ-Formats VOLLBILD zeigen, welche Risiken eine Behandlung bei Heilpraktikern für Psychotherapie bergen kann.

Keine Heilung

Sie habe sich beim Heilpraktiker zunächst besser aufgehoben gefühlt als bei Ärzten und Therapeuten, sagt eine ehemalige Patientin mit Angststörung, die anonym bleiben möchte. "Die Atmosphäre war einfach ganz anders, sehr offenherzig und hell. Er hat mich glauben lassen, dass er genau sieht, was ich habe." In ihrer Not habe sie alle Behandlungsversuche über sich ergehen lassen. Im Nachhinein sagt sie, ihre Symptome seien durch die unzureichende Behandlung immer schlimmer geworden. Eine echte Besserung habe sie erst durch die Behandlung bei einem ärztlichen Psychotherapeuten erfahren, der ihr Medikamente verordnete.

Die Autoren des VOLLBILD-Films haben mehrere solcher Fälle von Patientinnen und Patienten recherchiert, die wegen zu langer Wartezeiten bei Psychotherapeuten stattdessen Heilpraktiker für Psychotherapie aufgesucht haben. Geholfen wurde ihnen dort jedoch nicht, schildern sie vor der Kamera. Dort erlebten sie Verschwörungserzählungen, Impfgegnerschaft und Esoterik.

Die Autoren haben im Zuge der Recherche mehrere Heilpraktiker-Verbände angefragt, unter anderem den Verband Freier Psychotherapeuten, Heilpraktiker für Psychotherapie und Psychologischer Berater (VFP). Bis Redaktionsschluss lag keine Stellungnahme zu den Recherchen vor.

"Das ist eine klare Überschreitung von Grenzen"

Mit versteckter Kamera suchte VOLLBILD-Reporter Christoph Kürbel im Selbstversuch eine Heilpraxis auf und gab dort vor, Ängste und Depressionen behandeln lassen zu wollen. Die Praxis wirbt auf ihrer Webseite mit zahlreichen Verfahren, die dagegen wirksam sein sollen. Bevor der Reporter allerdings seine Therapiesitzung antreten durfte, musste er sich zunächst einer esoterischen Energiebehandlung einer Heilerin unterziehen, die ebenfalls in der Praxis arbeitet. Vehement versuchte sie den Reporter zum Kauf einer "energetischen Heildecke" zu überreden.

Thomas Fydrich, Professor für Psychotherapie an der Humboldt Universität zu Berlin, wertete die Aufnahmen der Undercover-Recherche anschließend aus. Zwar seien manche Behandlungsmethoden nicht weit entfernt von Methoden, die auch in der herkömmlichen Verhaltenstherapie gebräuchlich seien. Wissenschaftlich evident sei aber laut dem Experten keine der in der Heilpraxis angewandten Methoden, dafür aber potenziell schädlich für Patientinnen und Patienten, die tatsächlich unter akuten Angststörungen leiden. "Das ist eine klare Überschreitung von Grenzen. Es ist klar eine Anmaßung von Kompetenzen" - so seine Bewertung der Behandlung in der Heilpraxis, die mit versteckter Kamera dokumentiert wurde.

Zweifel an der fachlichen Befähigung von Heilpraktikern

Heilpraktiker für Psychotherapie landen wegen falscher und schädlicher Behandlungsweisen immer wieder vor Gericht, erzählt Dirk Revenstorf, Professor für klinische Psychologie an der Universität Tübingen, im Interview mit VOLLBILD. Er wird in vielen Gerichtsverfahren als Gutachter hinzugezogen. Revenstorf berichtet von übergriffigen Behandlungsweisen, die Patientinnen und Patienten im Zweifel (re-)traumatisieren würden, so dass diese erneut in eine Klinik oder Behandlung müssten.

Dass Heilpraktiker das Gesundheitssystem entlasten könnten, sei ein Trugschluss, so der Professor für klinische Psychologie. Er äußert massive Zweifel an der fachlichen Befähigung vieler Heilpraktiker: "Merkwürdigerweise fühlen sich häufig Heilpraktiker mit einer ganz geringen Ausbildung berufen, schwierige Störungen zu behandeln wie Traumata oder sexuelle Störungen", kritisiert Revenstorf. Er sieht den Berufsstand insgesamt kritisch und fordert: "Eigentlich müsste man den Heilpraktiker abschaffen."

Um als Heilpraktiker für Psychotherapie zu arbeiten, benötigt man lediglich den so genannten "kleinen Heilpraktikerschein". Eignungsvoraussetzungen dafür sind ein Mindestalter von 25 Jahren und ein polizeiliches Führungszeugnis. Die Prüfung für den Schein nimmt das Gesundheitsamt ab, schriftlich müssen 21 von 28 Multiple-Choice-Fragen richtig beantwortet werden. Im Anschluss folgt eine 30-minütige mündliche Überprüfung.

Eine einheitliche Ausbildung gibt es nicht, jedoch bieten zahlreiche Heilpraktikerschulen Intensivkurse und Prüfungsvorbereitungen an. Dass diese Schulen oft auch mit Verdienstmöglichkeiten locken, zeigen die Recherchen der VOLLBILD-Autoren: Als der Reporter sich als Interessent für einen Ausbildungskurs ausgibt, wird ihm nicht nur in Aussicht gestellt, nach der Heilpraktiker-Akademie vielseitiger ausgebildet zu sein als ein studierter Psychotherapeut. Sich im Anschluss mit einer eigenen Praxis selbstständig zu machen, sei auch sehr lukrativ.

Mangel an Therapieplätzen

Auch Psychotherapeut Umut Özdemir weiß von Patientinnen und Patienten, die vor der Therapie bei ihm zu Heilpraktikern gingen. Wenn die dort erfahrene Zuwendung ihnen helfe, sieht er im Angebot der Heilpraktiker kein Problem. "Dann sprechen wir aber von einer anekdotischen Evidenz. Nur weil es mir geholfen hat, heißt das nicht, dass es 80 Prozent der Menschen hilft." Zu Esoterik und der sogenannten Alternativmedizin vertritt Özdemir eine klare Haltung: "Es gibt Medizin. Dazu gehören auch Naturheilkunde-Verfahren. Aber alles andere, was nicht in diesen Bereich fällt, ist auch nicht Medizin."

Teil des Problems sei für ihn der Mangel an Therapieplätzen, die über Krankenkassen abgerechnet werden können - und der Schwarzhandel mit den Kassensitzen. "Wer jetzt in Rente geht, hat für seinen oder ihren Kassensitz in der Regel nichts bezahlt; hat den 1999 bekommen, als das Psychotherapiegesetz in Kraft getreten ist." Auf diese Sitze gebe es nun viele Bewerber, weshalb sie hoch gehandelt würden. In Berlin zahle man für einen Kassensitz etwa 80.000 Euro. Der Therapeut betreibt daher eine Privatpraxis.

40 Prozent der Hilfesuchenden warten drei bis neun Monate auf einen Therapieplatz. Wer akut Hilfe benötigt und es sich leisten kann, weicht auf privat zu zahlende Therapieangebote aus, von denen es zahlreiche gibt. Seriös von unseriös zu unterscheiden ist für Laien in diesem Dschungel nicht einfach. Zwar ist die Berufsbezeichnung "Psychotherapeut" in Deutschland geschützt, der Begriff "Psychotherapie" ist es aber nicht. Somit können Heilpraktiker damit werben, Psychotherapie anzubieten.

Der Film zum Thema ist abrufbar unter www.youtube.de/vollbild und in der ARD-Mediathek.