Flasche mit Antibiotikum.

Pharmaindustrie Eine Milliarde für neue Antibiotika

Stand: 09.07.2020 20:48 Uhr

Fast alle großen Pharmakonzerne haben sich aus der Antibiotikaforschung zurückgezogen. Nun wollen sie hier gemeinsam knapp eine Milliarde Euro investieren. Doch Experten sagen: Das allein wird nicht reichen.

Von Christian Baars und Oda Lambrecht, NDR

Fast alle großen Pharmakonzerne haben sich aus der Entwicklung lebenswichtiger Antibiotika zurückgezogen. Das haben Recherchen des NDR im vergangenen Herbst gezeigt. Nun startet die Pharmaindustrie eine Initiative, um die Entwicklung neuer Wirkstoffe zu fördern. Sie seien dafür kritisiert worden, dass sie diesen Bereich verlassen hätten, sagte ihr Cheflobbyist Thomas Cueni, Generaldirektor des Internationalen Pharmaverbandes (IFPMA). "Wir haben erkannt, dass wir als Industrie zeigen müssen, dass wir Geld in die Hand nehmen", betonte er gegenüber dem NDR.

Christian Baars
Oda Lambrecht

23 Pharmaunternehmen wollen nun insgesamt eine knappe Milliarde Euro bereit stellen, um die Entwicklung neuer Antibiotika voranzubringen. Die Initiative sei bahnbrechend, sagt Cueni, als "game changing" bezeichnet er sie. Unterstützung bekommt die Industrie dabei auch vom BundesgesundheitsministerJens Spahn. Bei der offiziellen Vorstellung der Initiative betonte er, dass der Kampf gegen resistente Keime und die Entwicklung neuer Antibiotika eine der dringlichsten Herausforderungen für die globale Gesundheit seien.

Kampf gegen resistente Keime immer schwieriger

Auch der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation, Tedros Adhanom Ghebreyesus, hob die Bedeutung hervor. Resistenzen würden sich mit einer alarmierenden Geschwindigkeit ausbreiten, und die aktuell in der Entwicklung befindlichen Antibiotika seien nicht ausreichend. Die Resistenzen gelten als eine der größten globalen Bedrohungen für die Gesundheit aller Menschen. Ohne wirksame Antibiotika können kleine Wunden lebensbedrohlich werden, sind Operationen kaum mehr möglich. Auch Krebsbehandlungen würden extrem schwierig, weil die Patienten ein hohes Risiko tragen, an Infektionen durch Bakterien zu erkranken.

Antibiotika versprechen keinen Profit

Trotz des dringenden Bedarfs werden allerdings kaum neue Antibiotika entwickelt. Für die großen Konzerne ist dieser Bereich nicht lukrativ, und kleinen Unternehmen fehlen die Mittel für die aufwändigen klinischen Studien und die anschließende Vermarktung. "Es gibt zurzeit schlicht kein Geschäftsmodell für neuartige Antibiotika", sagt Cueni vom Internationalen Pharmaverband IFPMA. Das Hauptproblem: Neue Mittel sollten möglichst wenig eingesetzt werden, nur als Reserve dienen, damit Bakterien nicht schnell auch resistent gegen diese Antibiotika werden.

Die Idee der Initiative ist nun, einen Fonds aufzulegen, der gezielt in kleine Firmen investiert, die zu möglichen Antibiotika forschen. Diese können sich mit ihren Wirkstoff-Kandidaten bewerben. Ein wissenschaftliches Gremium soll dann entscheiden, wie vielversprechend und sinnvoll das Projekt ist. Das Ziel sei, bis 2030 zwei bis vier innovative Antibiotika zur Marktreife zu bringen, sagt Cueni. Dafür sollen die großen Unternehmen, die sich an dem Fonds beteiligen, auch die kleinen Firmen mit ihrer Expertise im Bereich der Entwicklung, Zulassung und Vermarktung unterstützen.

WHO unterstützt beratend

Die WHO hat an der Entwicklung dieser Initiative intensiv mitgewirkt. "Wir haben zusammen mit der Europäischen Investitionsbank seit 2018 an einem Konzept für einen Investitionsfonds gearbeitet", sagt Peter Beyer von der Weltgesundheitsorganisation. "Uns fehlten dann eigentlich nur noch die Investoren". Seit Anfang des Jahres hätten sie dann intensiv mit der Pharmaindustrie zusammengearbeitet. Dieser Fonds sei das Ergebnis der Gespräche. Das Besondere hieran sei: Das Geld komme von der Industrie, und die öffentliche Seite, die WHO, berate inhaltlich, "damit es tatsächlich der öffentlichen Gesundheit hilft", sagt Beyer.

Multiresistente Keime | dpa

Multiresistente Keime werden zu einer zunehmenden Gefahr für immer mehr Menschen. Bild: dpa

Geld allein reicht nicht

Doch weder er noch die Pharmaindustrie gehen davon aus, dass der Fonds allein das Problem löst. Sie fordern die Politik zum Handeln auf. "Das Problem ist nur mit langfristigen Reformen zu lösen", sagt Cueni. "Am Ende müssen Kosten und Nutzen der Mittel anders bewertet werden, um Anreize für die Pharmafirmen zu schaffen, wieder in Antibiotikaforschung zu investieren." Sprich: Die Mittel müssen für die Unternehmen wieder lukrativ werden.

Einige Ansätze dazu werden bereits seit Längerem diskutiert - etwa Bonuszahlungen für eine erfolgreiche Marktzulassung oder eine Art Lizenzgebühr für die Medikamente. Dass also Antibiotika nicht einzeln bezahlt werden, sondern die Hersteller eine Art Monats- oder Jahrespauschale bekommen. Großbritannien und Schweden haben bereits Pilotmodelle für andere Bezahlmodelle gestartet. Nötig wäre nach Ansicht von Experten aber deutlich mehr - auch finanziell: Einige Milliarden Euro pro Jahr müssten investiert werden, um das Problem in den Griff zu bekommen.

Gesundheitsministerium will weitere Reformen

Das Bundesgesundheitsministerium erklärte auf Anfrage des NDR, es begrüße die Initiative "ausdrücklich". Wissenschaft und Forschung fehlten häufig die finanziellen Mittel und das Know-How, um Produkte bis zu den abschließenden klinischen Prüfungen und auf den Markt zu bringen. Der Fonds setze genau da an. Das Ministerium hält auch eine bessere Erstattung von innovativen Antibiotika für "notwendig". Es verweist auf eine Neuregelung, die bereits Anfang dieses Jahres verabschiedet worden ist. Die Gesetzesänderung soll bewirken, dass Hersteller für Reserveantibiotika höhere Preise verlangen können.

Expertin fordert Transparenz

Prinzipiell sei die Forderung der Firmen nach höheren Anreizen berechtigt, sagt Ursula Theuretzbacher. Die renommierte Expertin arbeitet als unabhängige Beraterin im Bereich der Antibiotikaforschung unter anderem für die WHO. Es sei "nur die Frage, wieviel Geld sie verdienen möchten", so Theuretzbacher. Oft sei dies unverhältnismäßig. Die Kosten, die die Unternehmen für die Entwicklung, Herstellung und den Vertrieb haben und auch die Profite seien intransparent und von der Öffentlichkeit nicht nachvollziehbar.

Ursula Theuretzbacher (Screenshot)

WHO-Beraterin Theuretzbacher fordert, auch die internationale Zusammenarbeit zu fördern.

"Die Industrie ist hauptsächlich ihren Aktionären verpflichtet und konzentriert sich auf Produkte mit den höchsten Profiten", kritisiert Theuretzbacher. Grundsätzlich begrüßt sie die Initiative und hält die Summe für hilfreich, um kleine Unternehmen zu unterstützen. Doch eine "Garantie für die zukünftige Verfügbarkeit von neuen Antibiotika" sei der geplante Investmentfonds nicht. Sie fordert eine stärkere internationale Zusammenarbeit bei der Forschung und Entwicklung, auch mit unabhängigen Experten und weiteren Akteuren, etwa staatlichen Stellen und Krankenversicherungen.

Über dieses Thema berichteten am 09. Juli 2020 NDR Info um 08:20 Uhr und tagesschau24 um 11:00 Uhr.