Der russische Messengerdienstes Telegram auf einem Smartphone | MAURITZ ANTIN/EPA-EFE/REX/Shutte
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"Pegasus-Projekt" Telegram-Gründer auf der Ausspähliste

Stand: 21.07.2021 16:02 Uhr

Telegram ist eine der beliebtesten Apps weltweit. Ihr Erfinder Pawel Durow ist stolz, dass Behörden die Nutzer nicht ausspähen können. Recherchen zeigen nun, dass er selbst wohl ins Visier geriet.

Von Christian Baars, Florian Flade und Georg Mascolo, NDR/WDR

Pawel Durow ist so etwas wie ein Geist. Der 36-jährige Russe tritt nur selten in der Öffentlichkeit auf. Wenn, dann trägt er meist Schwarz, den Kragen von Sakko oder Mantel hochgeklappt. Sein Aussehen erinnert dann an die Figur "Neo" aus dem Film "Matrix". Durow sieht sich als Rebell, als Kämpfer für Meinungsfreiheit und gegen staatliche Überwachung. Er ist der Mann hinter Telegram, einem der beliebtesten Chat-Programme der Welt.

Pawel Durow | picture alliance / dpa/ Dan Taylor/Flickr

Pawel Durows Firma hat ihren Sitz in Dubai. Bild: picture alliance / dpa/ Dan Taylor/Flickr

Rund 500 Millionen Nutzer weltweit soll Telegram mittlerweile haben. Es ist so etwas wie die anarchistische Version von WhatsApp. Über Telegram können Nutzer verschlüsselt miteinander kommunizieren. Es gibt sogar die Möglichkeit, dass sich Nachrichten automatisch löschen. Nahezu alles kann auf Telegram veröffentlicht werden, eine Zensur oder Kontrolle findet kaum statt. Auch deshalb ist die App beliebt bei Oppositionellen in Belarus oder Iran. Aber auch bei Terroristen, Extremisten, Verschwörungsideologen und Kriminellen - sie nutzen die Plattform, um etwa Drogen zu verkaufen.

2018 zum Ziel geworden

Durow lehnt eine Zusammenarbeit mit Behörden ab. Telegram liefert ihnen keine Daten, nicht einmal zur Strafverfolgung. Die App ist daher vielen Geheimdiensten und auch autoritären Regimen ein Dorn im Auge. Recherchen des "Pegasus-Projekts" legen nun nahe, dass der Telegram-Chef offenbar selbst zum Ziel einer Überwachungsaktion wurde.

Durows britische Handynummer, die lange mit seinem Telegram-Profil verknüpft war, findet sich auf einer Liste von rund 50.000 Telefonnummern, die von Kunden der israelischen Firma NSO als potenzielle Ausspähziele ausgewählt wurden. In seinem Fall waren es wohl Behörden in den Vereinigten Arabischen Emiraten, die sein Handy Anfang 2018 mit der umstrittenen Spionagesoftware "Pegasus" ins Visier nahmen.

"Pegasus-Projekt"

Im Mittelpunkt der Recherche steht die Software "Pegasus", die von der israelische Firma NSO entwickelt wurde. Nach eigenen Angaben stellt sie das Programm nur staatlichen Stellen zur Verfolgung von Kriminellen oder Terroristen zur Verfügung.

Im Rahmen des "Pegasus-Projekts" haben Journalist:innen eine Liste von mehr als 50.000 Telefonnummern analysiert, zu denen die Pariser Non-Profit-Organisation Forbidden Stories und Amnesty International Zugang bekommen hatten. Bei den Nummern handelt es sich um Ziele, die Kunden der Firma als mögliche Ziele für Überwachungsmaßnahmen eingegeben haben.

An der Recherche beteiligt waren in Deutschland die Wochenzeitung "Die Zeit", die "Süddeutsche Zeitung", NDR und WDR. Weltweit waren Medien wie die "Washington Post" in den USA, der britische "Guardian" sowie "Le Monde" in Frankreich beteleigt. Koordiniert wurde die Zusammenarbeit von Forbidden Stories. Das Security Lab von Amnesty International trug technische Unterstützung und die forensische Analysen von Handys bei.

Durow antwortet nicht

Ob es tatsächlich zu einer Infektion von Durows Handy mit dem Trojaner kam, ist nicht bekannt. Durow ließ eine Anfrage dazu unbeantwortet, ebenso wie die Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate.

Der Hersteller der "Pegasus"-Software, die Firma NSO, äußert sich nicht zu konkreten Kunden. Auch zur Information, dass Durows Nummer auf der Liste gefunden wurde, reagierte sie nicht. Generell teilte NSO auf Anfrage der am "Pegasus-Projekt" beteiligten Medien mit, dass die Berichte "voller falscher Annahmen und unbestätigter Theorien" seien. In einer weiteren Stellungnahme schrieb ein NSO-Sprecher, bei der Telefonliste handele es sich um gefälschte Informationen. Es sei keine Liste mit Zielen oder möglichen Zielen von NSO-Kunden. Die Firma habe auch keinen Zugang zu Daten ihrer Kunden. 

Im Konflikt mit dem Staat

Durow stammt aus St. Petersburg, er wuchs in Italien und Russland auf. Er studierte Philosophie und entwickelte dann 2006 mit seinem Bruder, einem Programmierer, das soziale Netzwerk VKontakte (VK). Es ist eine Art russisches Facebook, weshalb Durow auch "Russlands Mark Zuckerberg" genannt wird.

Im Jahr 2014 dann kam es zu einer Auseinandersetzung mit dem russischen Staat. Die Behörden verlangten von dem Jungunternehmer die Daten von ukrainischen Demonstranten. Außerdem forderten sie VK auf, das Profil des Oppositionellen Alexej Nawalny zu löschen.

Durow weigerte sich. Er verkaufte die Anteile an dem sozialen Netzwerk für viele Millionen und ging ins Ausland. Das Vermögen des zweifachen Vaters wird heute auf mehrere Milliarden Euro geschätzt. 

Zusammen mit einem Team von Programmierern soll Durow im Exil das Chat-Programm Telegram entwickelt haben. Das Unternehmen blieb lange ein Phänomen, ähnlich wie sein Gründer. Telegram verfügte über keine offizielle Anschrift, Behördenanfragen wurden nicht beantwortet. An einer Berliner Adresse, die zwischenzeitlich auftauchte, gab es wohl nie echte Büros. 

Büro im Steuerparadies Dubai

Mittlerweile aber gibt es ein Art Hauptquartier. Es befindet sich im 23. Stock eines Hochhauses in Dubai. Warum die Betreiber von Telegram ausgerechnet das Emirat, das als Überwachungsstaat gilt und in dem Kritiker des Herrscherhauses verfolgt werden, als Niederlassung gewählt haben, ist unklar. Es waren vermutlich steuerliche Gründe.

Er freue sich über die nicht vorhandene Unternehmenssteuer, sagte Telegram-Entwickler Durow einmal in einem Interview. Vor den Behörden in Dubai fühlte er sich allerdings augenscheinlich sicher. "Wenn ich schwul wäre, wäre es hier etwas schwieriger für mich", so Durow im Dezember 2017. Kurz darauf wurde seine Handynummer offenbar von den emiratischen Behörden als Ziel für die Überwachungssoftware "Pegasus" ausgewählt. 

Wo Pawel Durow heute lebt, bleibt weiterhin ein Rätsel. Einen festen Wohnsitz hat er offenbar nicht. Er soll neben der russischen Staatsbürgerschaft auch einen Pass des karibischen Inselstaates St. Kitts und Nevis besitzen, gewohnt hat er dort aber wohl nie. Durow bleibt ein Geist.

Über dieses Thema berichtete mdr Aktuell am 21. Juli um 15:13 Uhr sowie die tagesschau am 18. Juli 2021 um 20.00 Uhr und tagesschau24 um 18:00 Uhr.