Gebäude der Firma NSO bei Tel Aviv | AFP
Exklusiv

NSO Group Die Trojaner-Schmiede

Stand: 19.07.2021 12:56 Uhr

Die israelische NSO Group gilt als Marktführer in Sachen Überwachungssoftware. Sie verkauft mächtige Spionagewerkzeuge an Sicherheitsbehörden und Geheimdienste weltweit. Die Erfolgsgeschichte einer umstrittenen Firma.

Von Christian Baars, Florian Flade und Georg Mascolo, NDR/WDR

Ein Geheimdienst aus Europa soll es gewesen sein, der ihn auf die Geschäftsidee brachte. So hat es Shalev Hulio, Gründer des israelischen Tech-Unternehmens NSO Group Technologies, jedenfalls dem Journalisten Ronen Bergman vor zwei Jahren erzählt.

Früher hatte Hulio eine kleine Firma. Sie half mit ihrer Technologie einem Mobilfunkanbieter beim Kundenservice. Mit einer speziellen Software sollten Kunden etwaige Probleme auf dem Smartphone schneller lösen können. Und zwar nicht über komplizierte, zeitraubende Anweisungen per Hotline. Die Kunden bekamen einfach einen Link geschickt, klickten drauf und gewährten dem hilfsbereiten Techniker damit Zugriff auf das Handy. Fertig - Wartung aus der Ferne sozusagen.

Die europäischen Geheimdienstler seien davon ganz angetan gewesen, erzählte der Israeli. Sie hätten ihn gefragt, warum er die Technologie nicht auch dafür nutze, heimlich Smartphones auszuspionieren. "Wir werden blind", sollen sie gesagt haben. "Hilf uns!"

Eine verschwiegene Branche

Das sei die Geburtsstunde von NSO gewesen, so zumindest lautet die Version des Firmenchefs. Der 40-jährige Shalev Hulio, geboren in Haifa, Nachkomme rumänischer Holocaust-Überlebender, gründete das Unternehmen im Jahr 2010 gemeinsam mit seinen Partnern Niv Carmi und Omri Lavie. Der Firmennamen steht für die Anfangsbuchstaben der Vornamen des Gründertrios. Die Firma ist heute einer der Marktführer in Sachen Überwachungstechnologie, einer verschwiegenen Branche, die die Öffentlichkeit weitestgehend scheut.

Nach eigenen Angaben hat NSO rund 60 Kunden in 40 Ländern. Der Wert des Unternehmens wird inzwischen auf mehr als einer Milliarde Euro geschätzt. Die Nachfrage nach den Produkten aus dem Portfolio ist groß. NSO ermöglicht es Polizeibehörden, Armeen und Geheimdiensten weltweit Handys zu überwachen - und zwar vollumfänglich. Selbst verschlüsselte Kommunikation über Chatprogramme wie WhatsApp oder Signal kann mit den Erfindungen der Firma mühelos ausspioniert werden.

Spion in der Hosentasche

Das erfolgreichste und gleichzeitig wohl umstrittenste Produkt von NSO heißt "Pegasus". Es ist eine mächtige Spionagesoftware, die heimlich auf ein Smartphone aufgespielt wird. Mit ihr können Anrufe, E-Mails, SMS, sogar verschlüsselte Chats überwacht werden. Auch Fotos und Videos kann der Trojaner durchsuchen, ebenso Passwörter auslesen. "Pegasus" ist sogar in der Lage, das Mikrofon und Kamera des Geräts unauffällig einzuschalten. Die NSO-Software macht somit aus einem Handy einen Spion in der Hosentasche, ohne dass das Opfer davon etwas bemerkt.

Nach eigenen Angaben verkauft NSO seine Produkte nur an überprüfte staatliche Stellen, um Kriminelle, Terroristen oder Extremisten zu überwachen, und zwar nur mit vorheriger Genehmigung der israelischen Exportkontrolleure. Außerdem mache man keine Geschäfte mit Regimen, die bekannt sind für Menschenrechtsverletzungen, die Verfolgung von Journalisten oder Oppositionellen. Die Firma führt nach eigenen Angaben sogar eine Art "schwarze Liste" von mehr als 20 Staaten, an die man keine Software verkaufe. Russland, China, Iran, Kuba oder Nordkorea sollen dazu gehören.

 

Verbrecher gejagt

Außerdem behauptet NSO, dass es nicht "nicht zögern" werde, Geschäftsbeziehungen zu beenden und Kundensysteme abzuschalten, falls sich ein "Missbrauch" der Software bestätigte. Dies sei in der Vergangenheit auch bereits geschehen. "In Wahrheit" werde die Technologie "täglich eingesetzt, um Pädophilie-, Sex- und Drogenhändlerringe zu zerschlagen, vermisste und entführte Kinder zu lokalisieren", wie die Firma mitteilt.

Tatsächlich soll der Trojaner "Pegasus" in der Vergangenheit durchaus dafür benutzt worden sein, erfolgreich Schwerverbrecher zu jagen. Einer der Kriminellen, die mithilfe der NSO-Technologie lokalisiert worden sein sollen, ist Joaquin Archivaldo Guzmán Loera, besser bekannt als "El Chapo", der mexikanische Drogenboss und Kopf des gefürchteten Sinaloa-Kartells.

"Pegasus-Projekt"

Im Mittelpunkt der Recherche steht die Software "Pegasus", die von der israelische Firma NSO entwickelt wurde. Nach eigenen Angaben stellt sie das Programm nur staatlichen Stellen zur Verfolgung von Kriminellen oder Terroristen zur Verfügung.

Im Rahmen des "Pegasus-Projekts" haben Journalist:innen eine Liste von mehr als 50.000 Telefonnummern analysiert, zu denen die Pariser Non-Profit-Organisation Forbidden Stories und Amnesty International Zugang bekommen hatten. Bei den Nummern handelt es sich um Ziele, die Kunden der Firma als mögliche Ziele für Überwachungsmaßnahmen eingegeben haben.

An der Recherche beteiligt waren in Deutschland die Wochenzeitung "Die Zeit", die "Süddeutsche Zeitung", NDR und WDR. Weltweit waren Medien wie die "Washington Post" in den USA, der britische "Guardian" sowie "Le Monde" in Frankreich beteleigt. Koordiniert wurde die Zusammenarbeit von Forbidden Stories. Das Security Lab von Amnesty International trug technische Unterstützung und die forensische Analysen von Handys bei.

 Mehr als 800 Mitarbeiter

In der Anfangsphase residierte NSO in der israelischen Ortschaft Moshav Bnei Zion nördlich von Tel Aviv und hatte nur wenige Mitarbeiter. Mittlerweile befindet sich der Hauptsitz in Herzlia, zwischenzeitlich gab es ein Büro auf Zypern, ein weiteres in Bulgarien. Mehr als 800 Mitarbeiter soll NSO aktuell haben. Einige sollen ihre Fähigkeiten an der Tastatur in den Cyber-Einheiten der israelischen Armee gelernt haben, unter anderem in der legendären Einheit 8200, die als eine der fähigsten Hacker-Truppen der Welt gilt.

Firmenchef Shalev Hulio ist allerdings kein Hacker. Er hat nach eigenen Angaben zunächst Kunst und Theater an einer Schule in Haifa studiert, dann ging er zum Militär und war im Heimatfront-Kommando eingesetzt, unter anderem im Westjordanland. Nach der Armee versuchte er sein Glück als Verkäufer in den USA, kam dann zurück nach Israel, studierte Jura in Herzlia und gründete Software-Firmen, unter anderem jene, die sich auf den Support von Smartphones spezialisiert hat - und schließlich NSO.

 

Facebook klagte gegen NSO

Die Trojaner-Schmiede war der breiten Öffentlichkeit lange unbekannt. In den vergangenen Jahren aber wurde sie zu einem der gefragtesten Hersteller von Spionagesoftware - und einem der umstrittensten. Schon früh gab es Hinweise darauf, dass die Produkte von NSO eben nicht nur dazu genutzt werden, Terroristen und andere Kriminelle zu jagen, sondern eben auch von autoritären Regimen verwendet werden, um politische Gegner oder kritische Journalisten auszuspionieren.

So hatten IT-Experten etwa auf dem Handy des regierungskritischen Menschenrechtler Ahmad Mansur aus den Vereinigten Arabischen Emiraten entsprechende Hinweise auf eine Infektion mit der "Pegasus"-Software gefunden.

Hinzu kam im Jahr 2019 noch eine aufsehenerregende Klage in den USA. Die Facebook-Tochter WhatsApp verklagte NSO vor einem kalifornischen Gericht, weil das israelische Unternehmen eine Schwachstelle in der Software von WhatsApp ausgenutzt haben soll, um Smartphones weltweit mit einem Trojaner zu infizieren. Nach Darstellung von Facebook sollen auf diese Weise rund 1400 Geräte in mindestens 20 Ländern angegriffen worden sein. Auch Politiker, Journalisten, Anwälte und Militärs waren demnach betroffen.

NSO bestreitet bis heute, an der Auswahl der Ziele seiner Kunden beteiligt zu sein oder auch nur davon zu wissen, wer mit "Pegasus" angegriffen wurde. Die Produkte hätten jedoch, so beteuerte Firmenchef Hulio in der Vergangenheit, nachweislich viele Terroranschläge verhindert. Man sei eben auf einer "lebensrettenden Mission".

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. Juli 2021 um 12:42 Uhr.