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Social-Media-Plattform Wie Instagram Essstörungen befeuert

Stand: 11.01.2022 17:02 Uhr

Magersucht-Coaches und zerstörerische Körperbilder: Wie die Plattform Instagram Essstörungen befeuern kann, belegen interne Dokumente. NDR, WDR und SZ haben diese Mechanismen zudem mit eigenen Experimenten überprüft.

Von Svea Eckert und Sulaiman Tadmory, NDR, sowie Lena Kampf, WDR

Sie sollen sich wöchentlich wiegen, genaue Kalorienvorgaben einhalten und täglich Nacktfotos schicken, sonst würden Konsequenzen drohen. Wie leicht gefährliche "Mager-Coaches" auf Instagram an jugendliche Nutzerinnen und Nutzer herantreten können und wie wenig die Plattform dagegen unternimmt, das zeigen verschiedene Experimente, die NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung" gemeinsam mit Tamedia aus der Schweiz durchgeführt haben.

Für die Experimente wurden mehr als zehn unterschiedliche Accounts angelegt - mit der Beschreibung "My Thinspo", eine Kombination aus "thin" für dünn und "inspo" für "Inspiration". Damit ähnelten sie typischen Accounts, die sich Jugendliche erstellen, um sich für die eigene Essstörung inspirieren zu lassen. Eine problematische Community meist junger Frauen auf Instagram, die sich gegenseitig mit Fasten-Tagebüchern und Bildern von dünnen Bäuchen und mageren Armen zu immer weiterer Gewichtsabnahme anspornt.

Gefährliches Magersucht-Coaches

Fast alle für das Experiment erstellten Accounts kamen in Kontakt mit selbsternannten "Mager-Coaches". Diese Profile bieten an, bei der Gewichtsabnahme zu helfen. In Chats, die das Reporterteam daraufhin führte, wurden schnell regelmäßige Nacktfotos von den oftmals als minderjährig erkennbaren Profilen gefordert. Außerdem wurden Konsequenzen angedroht, wenn Kalorienvorgaben überschritten würden.

Eine betroffene Jugendliche, die fast zwei Monate von einem "Mager-Coach" manipuliert wurde, sollte sich als "Bestrafung" selbst verletzen: "Es begann damit, dass ich mir brennendes Wachs auf meinen Bauch tropfen sollte", erzählt die 16-Jährige im Interview mit dem Reportageformat STRG_F (NDR/funk). Als sie sich weigerte, ihm weiterhin intime Bilder und Videos zu schicken, erpresste er sie damit, ihre Nacktfotos und Videos an ihre Freundinnen und Freunde auf Instagram zu schicken.

Das Reporterteam meldete daraufhin alle ihm bekannten "Mager-Coach"-Profile. Diese wurden vom Netzwerk nach dem Meldeprozess allerdings nicht entfernt. Von Instagram heißt es dazu, man könne diese Profile nicht "von außen" erkennen. Nutzerinnen und Nutzer sollten trotzdem konsequent melden. Erst als das Reporterteam die Pressestelle von Instagram damit konfrontierte, wurden die Konten der Coaches gelöscht. 

Instagram empfiehlt Testprofil

Auch gewannen die Testprofile in kürzester Zeit Follower. Ein Account bekam mehr als 100 Abos innerhalb von fünf Tagen - und das, obwohl wenig Profilen gefolgt, keine Likes oder Kommentare verteilt wurden, der Account also nahezu inaktiv blieb. Nachdem nur zwei typischen Accounts mit extrem mageren Fotos gefolgt wurde, empfahl der Instagram-Algorithmus dem Testaccount weitere, ähnliche Profile. Manche Accounts aus der Szene haben mehrere tausend Follower. Das Foto einer derart dünnen Taille, dass zwei Hände sie umschließen können, gefällt zum Beispiel 740 Profilen.

Ein problematischer Mechanismus, der Essstörungen begünstigen könne, so Experten. "In Analysen sehen wir, dass sehr körperbezogene Darstellungen auf Instagram auch dazu führen können, dass Mädchen und junge Frauen ein verzerrtes Körperbild mitnehmen", sagt Medienpsychologin Sabine Trepte von der Universität Hohenheim

Interne Dokumente belegen den Missstand

Immer wieder steht Instagram in der Kritik, besonders Jugendliche nicht gut genug zu schützen. Nicht zuletzt, seit die Whistleblowerin Frances Haugen tausende Dokumente des Instagram-Mutterkonzerns Meta an Journalistinnen und Journalisten und US-Behörden geleakt hatte. Die Facebook Files bestehen aus unzähligen internen Studien, Chats sowie Präsentationen.

In einem von NDR, WDR und SZ neu ausgewerteten Dokument untersucht etwa eine Mitarbeiterin 2021 ebenfalls, was passiert, wenn sie ein Nutzerkonto anlegt, das sich für Gewichtsverlust interessiert. Sie folgte Profilen und Inhalten mit den Schlagworten #skinny oder #thin. Infolge dessen schlug Instagram der Testnutzerin zahlreiche Konten vor, die gegen die internen Regeln verstoßen. Verstöße im Bereich Essstörungen würden in den verschiedenen Märkten nicht proaktiv erkannt, berichtet die Mitarbeiterin und gemeldete Profile würden nicht ausreichend verfolgt und gelöscht.

Instagram unter Druck

Seit einigen Jahren versucht Instagram aktiv dagegen vorzugehen, so kann nach bestimmten problematischen Hashtags gar nicht erst gesucht werden, bei anderen wie #magersucht oder #thin wird ein Warnhinweis angezeigt und Nutzer können nur besonders beliebte Postings sehen. Auf Anfrage von NDR, WDR und SZ heißt es von Instagram, Profile und Inhalte, die Essstörungen verherrlichen würden, würden gelöscht, sobald man darauf aufmerksam werde.

Allerdings sei die Technologie nicht perfekt und man könne Profile von Nutzerinnen und Nutzern nicht allein aufgrund des Aussehens blockieren oder entfernen. Außerdem müsse man auch Erfahrungen von Nutzerinnen und Nutzern mit einer Essstörung, die zum Beispiel den Prozess ihrer Genesung thematisieren, zulassen. Man versuche eine Balance zu halten.

Wie schwierig der Balanceakt ist, zeigt das Experiment. Ein Testprofil des Reporterteams erreichte mehr als 300 Follower. Die Testprofile wurden am Ende der Recherche gelöscht beziehungsweise durch das Reporterteam auf "inaktiv" gestellt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. Juni 2021 um 20:10 Uhr.