Geflüchtete und Ortskräfte aus Afghanistan sitzen in einem Airbus A400M der Bundeswehr. (Archivbild 2021) | picture alliance/dpa/Bundeswehr
Exklusiv

KSK-Soldaten in Afghanistan Eine "seelische Narbe" bleibt

Stand: 28.06.2022 16:38 Uhr

Es war der größte Evakuierungseinsatz der Bundeswehr im Ausland. Nun geben Soldaten erstmals Einblick in die Operation von Kabul vor knapp einem Jahr. Eine Aufarbeitung der Ereignisse begrüßen sie.

Von Marie Blöcher, Gabor Halasz, Christoph Heinzle, Volkmar Kabisch, Martin Kaul, NDR/WDR

Erstmals seit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan geben Fallschirmjäger und Soldaten des Kommando Spezialkräfte (KSK) detailliert Einblick in die bislang größte Evakuierungsmission der Bundeswehr im Ausland. Tausende Menschen hatten im August 2021 aus Angst vor den anrückenden Taliban das Flugfeld in Kabul erstürmt, um einen Platz in einem Flugzeug gen Westen zu erhalten.

Die blitzartige Machtübernahme von Kabul hatte weltweit für Aufsehen gesorgt und auch in Deutschland eine politische Debatte über den 20 Jahre dauernden Einsatz der Bundeswehr und den Umgang der Bundesregierung mit Ortskräften in Afghanistan ausgelöst.

Zusammenarbeit mit den Taliban

Dem NDR und WDR schildern deutsche Fallschirmjäger und Kommandosoldaten nun erstmals ausführlich, wie sie die heikle Evakuierungsmission in Kabul erlebt haben. Ein Oberstleutnant des KSK, der als Kommandoführer auf dem Flughafen in Kabul im Einsatz war, zieht Bilanz: 

Die Taliban waren 20 Jahre lang unser militärischer Gegner in Afghanistan. Wir haben gegen sie gekämpft. Wir haben sie gejagt. Sie haben uns angegriffen. Und plötzlich erobern sie in einem Blitzfeldzug Provinz um Provinz. Sie nehmen das ganze Land in ihre Kontrolle und erobern schließlich auch die Hauptstadt.

Diesem ehemaligen Feind im Kabul dann plötzlich täglich gegenüber zu stehen, sei ein "surreales Gefühl" gewesen, sagt der Kommandoführer.

Bei dem Militäreinsatz internationaler Truppen am Flughafen Kabul hatten die Taliban einen äußeren Sicherungsring um den Flughafen gebildet und so die Evakuierungsmission teils auch unterstützt. Bei ihrem Einsatz, so berichtet der Kommandosoldat Panorama 3 gegenüber, hätten die Kameraden erlebt, "was Menschen bereit sind, für ihre Flucht zu tun und wie barbarisch Menschen miteinander umgehen können". Davon bleibe auch "eine gewisse seelische Narbe".

Beim Umgang mit Toten improvisieren

Ein Bundeswehrsanitäter aus dem Fallschirmjägerregiment 31 in Seedorf, der am Flughafen Kabul Verwundete versorgte, angeschossene Menschen begleitete und Kinder betreute, schildert, wie die Bundeswehr im Umgang mit Leichen improvisieren musste: "Was mache ich mit so einem Toten in der Situation? Sie müssen sich vorstellen, da stehen Kinder dabei und gucken zu. Was macht man mit denen - da legt man eine Rettungsdecke drüber und stellt sie in den Schatten." Auch schildern die Soldaten, wie immer wieder Kinder benutzt worden seien, um Zugang zum Flugfeld zu erhalten.

Auch der für die Evakuierungsmission verantwortliche Kommandeur Jens Arlt gibt Einblick in den Verlauf der Operation. Er habe seinen Frauen und Männern vor Beginn der Operation gesagt: "Ich weiß nicht, was uns erwartet. Wir müssen mit allem rechnen. Ich kann nicht garantieren, dass wir alle zurückkommen."

Der Brigadegeneral, der für seinen Einsatz bei der militärischen Evakuierung mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden ist, begrüßt die nun anstehende parlamentarische Aufklärung des Afghanistan-Einsatzes: "Aus meiner Sicht ist es ganz wichtig, dass man diese 20 Jahre einmal nutzt, um sie sauber zu analysieren", sagt Arlt. "Ich glaube, dass wir aus diesen 20 Jahren unglaublich viel lernen können."

Rekonstruktion der letzten Stunden

Ein Rechercheteam von NDR und WDR hat die letzten Tage am Flughafen Kabul rekonstruiert und dazu neben Bundeswehrsoldaten auch Diplomaten, Ortskräfte, Vertreter der Taliban und hochrangige Politiker der gestürzten afghanischen Regierung befragt. Der einstige Sonderbeauftragte der Bundesregierung und Afghanistan-Botschafter, Markus Potzel, sagt über die diplomatischen Abläufe hinter den Kulissen: "Da habe ich mit den Taliban-Vertretern hier praktisch ein Übereinkommen erzielt, dass Menschen, Afghanen und Afghaninnen mit Reisedokumenten, das Land auch verlassen können. Das hat dann auch funktioniert. Allerdings war dann tatsächlich das Nadelöhr der Flughafen."

Der heiklen Evakuierungsmission zur Rettung deutscher Staatsangehöriger und Ortskräfte war zuvor ein monatelanges Tauziehen verschiedener Ministerien vorausgegangen, die sich nicht auf erleichterte Visa-Verfahren für gefährdete Ortskräfte in Afghanistan hatten einigen können. Bis heute befinden sich Tausende ehemalige Ortskräfte, die für die Bundeswehr oder deutsche Organisationen gearbeitet haben, weiterhin in Afghanistan.

Anfang Juli soll im Deutschen Bundestag die Einsetzung eines Parlamentarischen Untersuchungsausschusses sowie einer Enquete-Kommission zur Aufarbeitung des Afghanistan-Einsatzes beschlossen werden. Zehn Monate nach der dramatischen Rückeroberung der afghanischen Hauptstadt Kabul durch die Taliban beginnt damit auch in Deutschland die politische Aufarbeitung.

Die Dokumentation "Einsatz in Afghanistan - Die letzten Tage von Kabul" wird am 28. Juni um 21.15 Uhr im NDR-Magazin Panorama 3 ausgestrahlt. Der WDR zeigt die 45-Minuten-Dokumentation "Die Story: Der Fall von Kabul - Chronik eines Desasters" am 3. August um 22.15 Uhr.