Jugendliche tanzen auf einem Festival | dpa
Interview

Jugendliche in der Pandemie "Irgendwann knallt es"

Stand: 13.07.2021 16:01 Uhr

Noch immer ungeimpft und eingeschränkt - die Unzufriedenheit junger Menschen in der Pandemie wächst. Viele fühlten sich um die beste Zeit ihres Lebens gebracht, sagt Jugendforscher Schnetzer im Interview mit tagesschau.de.

tagesschau.de: Hamburg, Berlin, Karlsruhe - in den vergangenen Wochen haben sich deutschlandweit immer wieder Tausende junge Menschen in den Parks und Grünanlagen zum Feiern getroffen - oftmals, ohne dabei die Corona-Regeln einzuhalten. Haben Sie dafür Verständnis?

Simon Schnetzer: Ja, dafür habe ich großes Verständnis, weil den jungen Menschen sämtliche Rückzugsräume genommen wurden, in denen sie sonst sozial mit anderen zusammenkommen. Und es geht hier nicht nur um Orte zum Feiern. Es sind ja auch die Schulen oder Universitäten, also all die Orte, an denen sie sonst mit anderen Menschen zusammenkommen, arbeiten, einen Kaffee trinken oder flirten.

Und nun stellt sich die Frage, wo diese jungen Menschen hinkönnen. Es ist ja kein Luxus, andere Menschen zu treffen, sondern ein Grundbedürfnis. Für dieses Bedürfnis haben Politik, Kommunen und Gesellschaft keine Ersatzräume geschaffen. Und wenn jetzt die Parks die letzten verbleibenden Räume für junge Menschen sind, habe ich vollstes Verständnis dafür, dass sie sich dort treffen.

Simon Schnetzer | piomars
Zur Person

Simon Schnetzer ist 1979 in Kempten im Allgäu geboren. Der studierte Volkswirt hat sich nach beruflichen Stationen in Berlin, Genf, London und Nairobi in seiner Heimat als Jugendforscher, Speaker und Trainer selbstständig gemacht. Seit 2010 veröffentlicht er die Studie "Junge Deutsche", und erforscht darin die Lebens- und Arbeitswelten der Generation Y und der Generation Z.

tagesschau.de: Aber haben die Älteren nicht Recht, wenn sie den Jugendlichen sagen, dass sie auch mal eine längere Zeit auf Feiern und Freunde verzichten müssen?

Schnetzer: Ich denke nicht. Es muss sich doch jeder nur mal selbst die Frage stellen, was man gemacht hätte, wenn man mit 16 oder 18 Jahren für mehr als ein Jahr eingeschränkt worden wäre. Die meisten wären wohl auf die Barrikaden gegangen. Und genau das machen die Jugendlichen derzeit - allerdings in einer noch sehr sanften Form - und die Älteren wundern sich, weil sie sich nicht mehr in die Lage der jungen Menschen hineinversetzen können. Schlicht auch deshalb, weil die meisten von ihnen schon geimpft sind und gerne vergessen, dass für andere noch harte Einschränkungen gelten.

tagesschau.de: Was hat die Pandemie mit jungen Menschen gemacht?

Schnetzer: Die Corona-Krise hat sich auf verschiedenen Ebenen auf Jugendliche ausgewirkt. Da sind zum einen die sozialen Einschränkungen, also der 18. Geburtstag, den man nicht mit seinen Freunden feiern kann, der Schulabschluss oder die Erstsemesterparty an der Uni. Den jungen Menschen, die sich gerade in dieser Lebensphase befinden, geht die beste Zeit des Lebens flöten.

Gleichzeitig bekommen die Jugendlichen aber auch die psychischen Folgen der Pandemie zu spüren. Einige sind in psychiatrische Behandlung gegangen, andere haben stark zugenommen oder körperliche Probleme bekommen, weil sie den ganzen Tag zu Hause sitzen. In Gesprächen mit den Eltern höre ich oft, dass sie das, was ihre Kinder jetzt brauchen, nicht mehr bieten können. Wenn junge, teils pubertierende Jugendliche mehr als ein Jahr lang zu Hause sitzen müssen, während sie eigentlich gerne feiern oder einfach nur Zeit mit Freunden verbringen würden, kann die Familie das irgendwann nicht mehr kompensieren.

tagesschau.de: Was vermissen die jungen Menschen am meisten?

Schnetzer: Ihre Freunde, die Unbeschwertheit und die Freiheit, einfach mal wieder rausgehen zu können, ohne sich Gedanken machen zu müssen. Aber es geht ihnen eben nicht nur um ihren privaten Spaß. Viele vermissen auch die Sicherheit im schulischen und beruflichen Bereich. Viele planen ein Praktikum oder einen Auslandsaufenhalt, andere wissen noch nicht, wie es mit dem Studium weitergeht, oder wo und ob die nächsten Klausuren geschrieben werden.

tagesschau.de: Wem gibt die Jugend die Schuld an ihrer Lage?

Schnetzer: Grundsätzlich richtet sich ihr Ärger gegen die Politik, weil sie die Interessen und Bedürfnisse der jungen Menschen vernachlässigt. Die Politik hat sehr viel Vertrauen dadurch verspielt, andere Interessen konsequent höher zu stellen, anstatt auch einmal den Jungen zuzuhören und sie zu berücksichtigen.

tagesschau.de: Hat man die jungen Menschen im Kampf gegen die Pandemie vergessen?

Schnetzer: Ich glaube nicht, dass sie vergessen wurden, aber die Bedürfnisse der jungen Menschen wurden in der Priorität bewusst ganz hinten angestellt, was ja noch viel schlimmer ist. Die Politik dachte, das Thema mit den zunehmenden Impfungen einfach aussitzen zu können. Aber wenn die Inzidenzen wegen der Delta-Variante wieder ansteigen, dann fallen die noch immer nicht geimpften Jugendlichen wieder genau ins selbe Loch der Einsamkeit und Isolation wie zuvor.

"Das Gefühl, dass sie der Politik egal sind"

tagesschau.de: In Ihrer Studie "Jugend und Corona in Deutschland" haben ihnen viele junge Menschen gesagt, dass sie sich zunehmend ungerecht behandelt fühlen. Woran liegt das?

Schnetzer: Die jungen Menschen haben das Gefühl, dass sie der Politik egal sind. Sie haben sich jetzt mehr als eineinhalb Jahre zusammengerissen, waren solidarisch mit den Älteren und den Risikogruppen, aber keiner hat einmal gefragt, was man denn für sie tun könnte. Während für viele Altersgruppen gerade wieder etwas Normalität eintritt, ist es bei den Jugendlichen noch keinen Schritt vorangegangen. Und wenn der Politik und den Behörden weiterhin nichts anderes einfällt, als diesen nach Freiheit lechzenden jungen Menschen den letzten Rückzugsraum in den Parks zu verbieten, dann werden sie die Geduld verlieren und dann knallt es irgendwann.

tageschau.de: Was bedeutet das?

Schnetzer: Dass der Druck im Kessel steigt. Eine Generation, die die Erfahrung gemacht hat, dass man etwas bewegen kann, wenn man auf die Straße geht, wird früher oder später aufbegehren. Es fehlt gerade nur noch der gewisse Funken, der diese Stimmung entfacht. Diese Eskalationen der vergangenen Wochen in den Parks könnten dieser Funken sein. Und wenn die Politik jetzt nicht in einen Dialog mit den Jugendlichen geht, um eine gemeinsame Lösung zu finden, dann werden sich die jungen Menschen das nicht länger bieten lassen.

"Statt den Dialog zu suchen, schickt die Politik die Polizei"

tagesschau.de: Aber Randale und Gewalt können auch keine Lösung sein …

Schnetzer: Nein, auf keinen Fall. Aber die jungen Menschen sind nicht in die Parks gezogen, um Randale zu machen, sondern sie sind in die Parks gegangen, um ihre Freiheiten wiederzuerlangen, weil sie gemerkt haben, dass es die Politik noch immer nicht verstanden hat. Und statt mit ihnen zu sprechen, schickt die Politik die Polizei und nimmt ihnen den letzten Rückzugsort. Und in dieser angespannten Lage könnte die Stimmung bald kippen und auch in Gewalt umschlagen.

tagesschau.de: Wie könnte eine Lösung dieses Konflikts aussehen?

Schnetzer: Anstatt die jungen Menschen in die Kriminalisierung zu treiben, sollten die Kommunen Angebote machen und ihnen einen Raum geben, in dem sie ihren Bedürfnissen legal nachgehen können. Orte, an denen die Behörden sehen können, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Eine Lösung wären sogenannte Safe Spaces, also Orte, an denen kontrolliertes Feiern möglich ist. Das könnten Bürgerhäuser oder Festhallen sein, in denen es eine Infrastruktur für Coronatests gibt und in denen Verantwortliche darauf achten, dass die Corona-Regeln eingehalten werden. Das wäre ein Anfang und vor allem ein wichtiges Signal an die jungen Menschen, dass man sie nicht vergessen hat und ihre Bedürfnisse ernst nimmt.

Das Interview führte Christian Frahm, tagesschau.de.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. April 2021 um 18:40 Uhr in der Sendung "Hintergrund".