Interview

Interview zu Gewaltprävention "Man kann mit einfachen Mitteln viel erreichen"

Stand: 13.07.2010 18:28 Uhr

Was kann man bei gewalttätigen Übergriffen in der Öffentlichkeit machen - und was sollte man vermeiden? Darüber hat tagesschau.de mit dem Polizeispezialisten Löher gesprochen. Er erläutert, dass sich mit einfachen Mitteln viel erreichen lässt - für andere und zum eigenen Schutz.

tagesschau.de: In München hat heute der Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder von Dominik Brunner begonnen. Er hat seine Zivilcourage mit dem Leben bezahlt. Muss man mit Gewalt rechnen wenn man sich einmischt?

Uwe Löher: Es kommt darauf an, was man unter einmischen versteht. Keiner sollte weg gucken - jeder sollte helfen. Man kann häufig mit ganz einfachen Mitteln viel erreichen. Beispielsweise kann man Opfer und Täter entgegenrufen, dass die Polizei unterwegs ist. Im Idealfall versucht man auch andere Helfer zu mobilisieren. Es gilt: Immer Öffentlichkeit herstellen.

Zur Person

Hauptkommissar Uwe Löher arbeitet seit 1988 bei der Berliner Polizei u. a. im Bereich Raub- und Jugendgruppengewalt und bei der Mordkommission. Seit 1998 ist er stellvertretender Leiter des Sachgebiets "Verhaltensorientierte Prävention". In diesem Rahmen führt er Veranstaltungen zum Umgang mit Gewalt und Aggression in der Öffentlichkeit durch.

tagesschau.de: Sie bieten seit Jahren Kurse für Gefahrensituationen an. Was sind weitere wichtige Verhaltensregeln?

Löher: Als erstes sollte man versuchen, sich einen Überblick zu verschaffen. Dann geht es darum, die bereits angesprochene Öffentlichkeit herzustellen. Täter und Opfer müssen wissen, dass sie nicht alleine sind. Beim Einbinden von anderen Menschen helfen klare Anweisungen wie: 'Sie im blauen Pullover, rufen Sie die Polizei'. Wenn man in öffentlichen Verkehrsmittel unterwegs ist, kann man die Notbremse ziehen oder dem Opfer einen Platz in der Nähe anbieten. Der Täter merkt, es ist Hilfe da und die Polizei alarmiert. Das ist ein klares Stopp-Signal. In den meisten Fällen reicht das vollkommen aus, damit er von seinem Opfer ablässt.

"Keine körperlichen oder verbalen Attacken"

Szene öffentlicher Gewalt
galerie

Nachgestellte Szene öffentlicher Gewalt: "Keiner sollte weg gucken - jeder sollte helfen."

tagesschau.de: Zeugen haben ausgesagt, Herr Brunner habe bei der Verteidigung der angegriffenen Kinder auch Gewalt angewendet. Was halten Sie generell von körperlichen Attacken in Gefahrensituationen?

Löher: Ich weiß natürlich nicht, was in diesem konkreten Fall für Handlungsketten abgelaufen sind und kann dies daher auch nicht kommentieren. Ich kann aber sagen, dass wir generell den Tipp geben, den Täter nicht anzugreifen, weder verbal noch körperlich. Ganz im Gegenteil: Man sollte sich vom Täter weg bewegen, sich ihm entziehen und auch versuchen das Opfer von ihm wegzuholen. Man sollte auch nicht versuchen, eine Flucht zu behindern. Das gilt insbesondere, wenn der Täter bewaffnet ist.

tagesschau.de: Was ist der Grund dafür?

Löher: Primäres Ziel für die Helfer ist es, das Opfer in Sicherheit zu bringen. Die Festnahme ist die Aufgabe der Polizei. Und man muss auch bedenken: Wenn ein Täter in die Flucht geschlagen wird, dann ist er verunsichert. Er will einfach nur noch weg. Dann ist er auch unberechenbar in der Wahl der Mittel, um dies zu erreichen. Daher sollte ich mich eher darauf konzentrieren, mir sein Aussehen, seine Kleidung und seine Fluchtrichtung zu merken z.B. welchen U-Bahn-Ausgang er nimmt. All das sollte ich dann umgehend per Handy der Polizei weitergeben.

tagesschau.de: Die Polizei bietet kostenlose Kurse für jederman an. Denken Sie, dass sich die Menschen genug für einen möglichen Ernstfall vorbereiten?

Löher: Besonders nach spektakulären Fällen, bei denen Helfer zu Schaden gekommen sind, haben wir einen großen Zulauf. Diese Welle des Interesses nimmt dann aber immer sehr schnell wieder ab. Wir fänden es besser, wenn sich unabhängig davon jeder einmal mit diesem Thema auseinandersetzen würde, sozusagen Sicherheit für den Fall der Fälle. In anderen Bereichen wird dies ja auch getan. Ein Beispiel sind Erste-Hilfe-Kurse oder der Umgang mit Gefahren im Straßenverkehr.

Angebote zur Gewaltprävention

Die Polizei bietet vielerorts kostenlose Kurse zu Gewaltprävention für jedermann an. Darin wird der Umgang mit Gewalt in der Öffentlichkeit und der richtigen Form von Zivilcourage trainiert. Zudem wird in einer bundesweiten Kampagne auf das Problem hingewiesen (www.aktion-tu-was.de). Darüber hinaus gibt es zahlreiche Programme zur Gewaltpräventionen von Vereinen und Initiativen. Auskünfte können über die lokalen Dienststellen der Polizei erfragt werden.

tagesschau.de: Obwohl Gewalttaten seit Jahren abnehmen, fühlen sich viele Menschen unsicher. Was kann dagegen unternommen werden?

Löher: Ich würde jedem empfehlen, sich in einem Kurs auf eine potentielle Gefahrensituation vorzubereiten. Auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass ich jemals in eine solche komme. Denn wir dürfen auch nicht vergessen: Wir leben in Deutschland vergleichsweise sehr sicher, auch in öffentlichen Verkehrsmitteln. Vereinzelte Straftaten wird es aber leider wohl immer geben. Daher ist es umso besser, einmal ein Verhaltensmuster zu lernen, damit ich im Fall der Fälle mir und anderen helfen kann.

Das Interview führte Stefan Keilmann, tagesschau.de

Darstellung: