Ein Junge wird beim Zahnarzt behandelt | Bildquelle: imago images/Westend61

Barmer-Zahnreport Karies wird zur Kinderkrankheit

Stand: 28.05.2020 15:49 Uhr

Jeder dritte Zwölfjährige hat Karies in den bleibenden Zähnen. Das geht aus einer Studie der Krankenkasse Barmer hervor. Demnach gibt es große regionale Unterschiede - und auch das Einkommen der Eltern spielt offenbar eine Rolle.

Kinder in Deutschland haben offenbar häufiger Karies an ihren bleibenden Zähnen als bisher angenommen. Laut Barmer-Zahnreport wurde bereits ein Drittel der Zwölfjährigen wegen Karies behandelt, das sind rund 240.000 Kinder.

"Studien sind bislang von ungefähr 19 Prozent der Zwölfjährigen ausgegangen", sagte Barmer-Chef Christoph Straub. Das wären 100.000 weniger, als der Report berichtet. "Tatsächlich dürfte es um die Zahngesundheit noch schlechter bestellt sein, weil die Barmer-Daten keine Kinder mit unbehandelter Karies erfassen", warnte Straub.

Viele Kinder haben demnach bereits an den Milchzähnen Karies. Mehr als die Hälfte der Zehnjährigen (54 Prozent) und damit rund 400.000 Kinder in Deutschland hatte bereits eine Kariesbehandlung. Nur 38 Prozent der Zehnjährigen machten demnach bislang noch keine Erfahrung mit Bohrer oder Zange. Straub nannte diese Zahlen "alarmierend". Wer schon im Milchgebiss Karies habe, werde sie häufig auch im bleibenden Gebiss haben.

Ein Kind spült sich beim Zahnarzt den Mund aus | Bildquelle: imago images/Westend61
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Mehr als 15 Prozent aller Kinder unter sechs Jahren waren der Studie zufolge noch nie beim Zahnarzt.

Viele gehen nicht zum Zahnarzt

Vermeidung von Karies müsse daher bereits bei den Milchzähnen beginnen, erklärte Straub. "Dazu gehören neben der täglichen Zahnhygiene wie Zähneputzen auch regelmäßige Zahnarztbesuche. Doch daran scheint es zu hapern."

Nach dem Bericht der Krankenkasse ist der Anteil der Kinder, die über einen Zeitraum von sechs Jahren überhaupt keinen Kontakt zu einem Zahnarzt gehabt hatten, "erstaunlich hoch". Von den 4,6 Millionen Kindern unter sechs Jahren in Deutschland seien 720.000, also mehr als 15 Prozent, nie beim Zahnarzt gewesen. In den mittleren Altersgruppen betreffe dies gut 410.000 Kinder und damit zehn Prozent. Bei den Zwölf- bis 17-Jährigen seien 525.000 und damit zwölf Prozent innerhalb von sechs Jahren nicht beim Zahnarzt gewesen.

Einer früheren Studie der Bundeszahnärztekammer zufolge geht der Kariesbefall bei Kindern in Deutschland insgesamt zurück, wobei der Anteil bei Kleinkindern unter drei Jahren immer noch bei 15 Prozent liegt.

Offenbar Zusammenhang mit niedrigen Einkommen

Warum so viele Kinder Karies haben, darüber könne man nur spekulieren, sagte Studienautor Michael Walter von der Technischen Universität Dresden bei der Vorstellung der Ergebnisse. Womöglich spiele eine veränderte Ernährung eine Rolle - oder dass manche Bevölkerungsgruppen nur schwer für Zahngesundheit erreicht werden könnten.

Bei benachteiligten Familien sehe man einen Trend zur Vernachlässigung des Zahnschutzes, fügte Straub hinzu. Dem Zahnreport zufolge gibt es offenbar einen Zusammenhang zwischen dem Therapiebedarf der Heranwachsenden unter 18 Jahre und dem Einkommen ihrer Eltern. Je geringer das Einkommen sei, desto häufiger seien auch die zahnärztlichen Leistungen bei Heranwachsenden.

Dabei gebe es eine zunehmende Polarisierung: "Wenige Kinder und Jugendliche haben besonders viel Karies", sagte Straub. Zehn Prozent der Jugendlichen und Kinder unter 18 Jahren hätten einen Anteil von 70 bis 90 Prozent der Behandlungskosten. Straub forderte, bei der Prävention diese Risikogruppe stärker in den Fokus zu nehmen.

Große regionale Unterschiede

Walter verwies zudem auf regionale Unterschiede. Die Zwölfjährigen im Saarland hätten beispielsweise am wenigsten Karies an den bleibenden Zähnen. Rund 69 Prozent von ihnen benötigten noch keine Behandlung. Schlusslicht sei dagegen Hamburg mit 60,9 Prozent. Die Ursachen dieser regionalen Unterschiede seien medizinisch noch unklar. Die Zahlen der Studie basierten auf Krankenkassendaten von mehr als neun Millionen Patienten.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 28. Mai 2020 um 15:15 Uhr.

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