Skulptur von Willy Brandt | Bildquelle: AP

25. Todestag Brandts Wie viel Willy braucht die SPD?

Stand: 08.10.2017 05:01 Uhr

Willy Brandt ist omnipräsent in der SPD: Als überlebensgroße Statue in der Parteizentrale aber auch als Vorbild für die heutige Parteiführung. Vor 25 Jahren starb Brandt. Was kann die Partei heute von ihm lernen - und wie viel Willy tut ihr gut?

Von Angela Ulrich, ARD-Hauptstadtstudio

Diesem Willy kann keiner entkommen bei der SPD: Überlebensgroß steht Brandt als Bronze-Statue im Atrium der nach ihm bekannten Berliner Parteizentrale. Die Hand riesig und mahnend erhoben, wie um den Weg zu weisen. Nicht immer leicht für die Genossen, sagt Brandt-Biograph Torsten Körner: "Die Statue im Willy-Brandt-Haus als Figur ist ja schon eine Belastung für die Partei. Wenn man sieht, wie der inszeniert wird, dieser Schatten von Brandt."

Bundeskanzler Willy Brandt kniet am 7. Dezember 1970 vor dem Mahnmal im einstigen jüdischen Ghetto in Warschau | Bildquelle: dpa
galerie

Mit seinem Kniefall am Denkmal für die ermordeten Juden des Warschauer Ghettos brachte Brandt die Aussöhnung zwischen Deutschland und Polen voran.

Ein Schatten, der weit fällt, auch 25 Jahre noch nach seinem Tod. Der ehemalige SPD-Chef, Kanzler, Regierende Bürgermeister von Berlin war einer, der die Sozialdemokraten mitgerissen und geprägt hat. Mit Botschaften wie diesen: "Wir wollen mehr Demokratie wagen." Oder: "Jetzt sind wir in einer Situation, in der wieder zusammen wächst, was zusammen gehört."

"Immer noch die Richtschnur"

Brandt sei eine Art Urvater der modernen SPD, sagt Thomas Oppermann, langjähriger SPD-Fraktionschef. "Und er ist natürlich nicht nur durch die Statue präsent, seine Ideen sind für uns immer noch die Richtschnur." Aber wie viel Willy steckt in der SPD, oder besser: Wie viel Brandt brauchen die Genossen jetzt? Welche Visionen, und auch wie viel Mut?

Brandt jedenfalls hatte damals mehr Zeit, als die Sozialdemokraten ihren Chefs im Moment einräumen, meint Autor Körner: "Brandt durfte 1961 verlieren in der Bundestagswahl, er durfte 1965 nochmal verlieren. Und ist erst dann Kanzler geworden. Wenn man jetzt sieht, wie die SPD ihre Kanzlerkandidaten verschlissen hat in den letzten zwölf Jahren, dann ist das dramatisch. Und ich glaube, wenn man Schulz jetzt wieder absägen würde, wieder loswerden würde, dann würde man dem Mann auch die Möglichkeit nehmen, sich für die Zukunft zu öffnen, zu entwickeln."

Innehalten und hinterfragen

Durchhalten, aber nach dem Bundestagswahldebakel auch innehalten und schonungslos und ehrlich die Partei infrage stellen - das stehe jetzt an, sagt Ex-Fraktionschef Oppermann, im Geiste von Brandt: "Wir können erst mal von ihm lernen, dass man auch in schwierigen Situationen stehen muss. Und er hat auch in Zeiten Reformideen entwickelt, wo diese überhaupt nicht populär waren. Aber er hat dann zu diesen Positionen gestanden, hat das durchgehalten und dann am Ende Recht bekommen. Von Willy Brandt können wir den langen Atem lernen."

Brandt, der Europäer, der Sozialpolitiker. Er wollte die SPD nicht in die Mitte oder nach rechts rücken, sondern diese Mitte nach links verschieben. Wie die Sozialdemokraten sich jetzt erneuern wollen à la Brandt, ist völlig offen, sagt Autor Körner: "Mehr Politik wagen hieße, dass Politik nochmal versucht, eine andere Sprache zu sprechen. Dass man in den Kommunen den Bürger zu einer anderen Art der Mitarbeit ermuntert. Dass man um Nachwuchs wirbt. Die SPD hat ja nun einigen Zulauf an Mitgliedern in diesen Tagen. Ab er das müssen Prozesse werden, die keine Lippenbekenntnisse bleiben dürfen."

1/35

25. Todestag Willy Brandts

Willy Brandt

Willy Brandt wird am 18. Dezember 1913 als Herbert Frahm in Lübeck geboren. Er ist der uneheliche Sohn der Verkäuferin Martha Frahm. Erst 1961 erfährt Brandt, dass sein Vater der aus Hamburg stammende sozialdemokratische Lehrer John Möller war. Brandt besucht das Johanneum-Reformgymnasium und macht 1932 sein Abitur. Er engagiert sich früh in der Arbeiterbewegung und schließt sich 1931 der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) an. | Bildquelle: picture-alliance / akg-images

Stärker Europa widmen

Die SPD müsse die Frage der sozialen Gerechtigkeit neu und anders denken. Sie müsse sich wieder stärker Europa widmen und das große Thema "mehr Demokratie wagen", das Brandt so wichtig war, noch einmal aufgreifen.

Hat Martin Schulz das Charisma dazu, oder kann er es sich erarbeiten? Die Chance ist da, sagt Autor Körner: "Wenn jemand wie Schulz Charisma entwickeln könnte, dann jetzt in der Niederlage." Was Thomas Oppermann ähnlich sieht: "Klar, er muss sich an Willy Brandt orientieren - ich bin sicher, das gibt ihm Kraft."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 07. Oktober 2017 um 09:25 Uhr und Inforadio am 08. Oktober 2017 um 07:24 Uhr.

Darstellung: