Wasserstoff | dpa

Wasserstoffstrategie Der Stoff, aus dem die Träume sind

Stand: 10.06.2020 11:05 Uhr

Mit einem guten halben Jahr Verspätung legt die schwarz-rote Koalition ihre Wasserstoffstrategie vor. Der Energieträger gilt als unverzichtbar zum Erreichen der Klimaschutzziele. Doch zur Umsetzung scheint es noch ein weiter Weg.

Die Bundesregierung will Deutschland bei der Nutzung von Wasserstoff als klimafreundlichen Energieträger zum Vorreiter machen. Das Bundeskabinett hat nach langem Streit eine Wasserstoffstrategie verabschiedet, die unter anderem Ziele für die Herstellung von Wasserstoff setzt. Der Opposition dagegen ist vieles in der 28 Seiten langen Strategie noch nicht konkret genug.

Corona-Konjunkturpaket bringt den Durchbruch

Bereits im Herbst 2019 sagte Wirtschaftsminister Peter Altmaier: "Wir wollen, dass Deutschland bei den Wasserstofftechnologien die Nummer 1 in der Welt wird."  Doch erst durch den Druck der Corona-Krise und das daraus resultierende Konjunkturpaket vermochte sich die schwarz-rote Koalition vergangene Woche bei den Streitpunkten zur Wasserstoffstrategie zu einigen.

Sie sieht vor, dass bis 2030 in Deutschland Erzeugungsanlagen von bis zu fünf Gigawatt Gesamtleistung entstehen sollen. Der Einsatz von Wasserstoff soll neben der Industrie auch im Verkehr gefördert werden. Der Fokus liegt auf grünem Wasserstoff.

"Der grüne Wasserstoff ist für mich das zentrale Thema im Energiebereich und zur Vermeidung von CO2-Emissionen.", unterstreicht die Ministerin für Bildung und Forschung, Anja Karliczek, CDU.

"Grüner" Wasserstoff im Fokus

Ob der Wasserstoff nämlich blau, grau oder aber grün ist, das ist viel mehr als eine Frage des farblichen Geschmacks: Um den Energieträger zu erzeugen, - sprich: Wasser (H2O) in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff aufzuspalten - muss zunächst jede Menge Energie eingesetzt werden. Geschieht dies gänzlich mit Strom aus Wind- oder Sonnenkraft, spricht man von "grünem" Wasserstoff.

Allerdings: "Die Bundesregierung setzt mit großem Tamtam auf Wasserstoff, ohne zu erklären, wo der erneuerbare Strom herkommen soll, den man braucht, damit Wasserstoff klimafreundlich wird", kritisiert die Sprecherin für Energiewirtschaft der Grünen-Bundestagsfraktion, Ingrid Nestle, im Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio.

Auch nicht-grüner Wasserstoff soll benutzt werden

In der Tat heißt es in dem Strategie-Papier, auf das sich die Ministerien nach zähem Ringen geeinigt haben, dass "nur Wasserstoff, der auf Basis erneuerbarer Energien hergestellt wurde ("grüner" Wasserstoff), auf Dauer nachhaltig" sei - keineswegs aber, dass auch nur solcher verwendet werden soll.

Klarer ist, wo Wasserstoff als Energieträger zunächst eingesetzt werden soll - nämlich da, wo es zur Zeit keine Alternativen für den Verzicht auf fossile Brennstoffe gebe: neben dem Schwerlastverkehr in der Stahlproduktion, der Chemieindustrie, sowie der Luftfahrt.

"Die Nationale Wasserstoffstrategie wird Deutschland doppelten Schub verleihen - für den Klimaschutz und die nachhaltige Erholung unserer Wirtschaft nach der Corona-Krise", ist sich Bundesumweltministerin Svenja Schulze von der SPD sicher.

Wasserstoff noch nicht wirtschaftlich

Doch zwei Dinge sind klar: Noch ist CO2-freier Wasserstoff überhaupt nicht wirtschaftlich. Und: Beim derzeitigen Ausbautempo von Wind- oder Sonnenenergie wird noch im Jahr 2030 der Löwenanteil des erzeugten "grünen" Wasserstoffs nicht aus Deutschland kommen, sondern wird importiert werden müssen.

Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) setzt deshalb auf Kooperation mit Afrika. "Deutschland braucht mehr grüne Energie für die Verkehrs- und Energiewende. Afrika kann sie liefern", sagte er den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Dort scheine die Sonne "nahezu unbegrenzt". Gemeinsam mit Marokko werde die erste industrielle Anlage für grünen Wasserstoff in Afrika entwickelt.

Sonnenstrahlen spiegeln sich im Solarkraftwerk Noor 1 in Marokko.

Solarkraftwerk Noor 1 in Marokko. Aus solchen Anlagen könnte die Energie zur Gewinnung von Wasserstoff kommen.

Ausdrücklich ist in dem Papier eine europäische Kooperation zur Entwicklung einer Wasserstoff-Infrastruktur vorgesehen.

"Das richtige Signal"

Bei der Energiebranche kommen die Pläne der Bundesregierung gut an. "Wasserstoff ist ein unverzichtbarer Baustein für eine CO2-freie Wirtschaft der Zukunft", sagte die Chefin des Energieverbands BDEW, Kerstin Andreae. Ein Pluspunkt sei, dass die bestehende Gas-Infrastruktur dafür genutzt werden könne. Es sei daher richtig, dass die Bundesregierung im Konjunkturpaket erhebliche Mittel für Wasserstoff einplane. "Das ist das richtige Signal zur richtigen Zeit."

Doch auch wenn es nun immerhin eine Wasserstoff-Strategie der Bundesregierung gibt - deren Umsetzung dürfte die eigentliche Herausforderung werden. Und der angestrebte Wasserstoff-Weltmeister-Titel ist noch fern.

Mit Informationen von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio Berlin

Über dieses Thema berichtete am 10. Juni 2020 das Erste um 07:08 Uhr im ARD-Morgenmagazin und B5 aktuell um 10:02 Uhr.