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Immunologe zu Corona-Pandemie "Befinden uns in unkontrolliertem Wachstum"

Stand: 15.10.2020 22:48 Uhr

Es brauche "sehr deutliche Maßnahmen", um die Pandemie unter Kontrolle zu bringen, sagt der Immunologe Meyer-Hermann in den tagesthemen. Er empfiehlt etwa eine konsequente Maskenpflicht - und appelliert auch an die Bevölkerung.

Angesichts des Infektionsgeschehens in Deutschland appelliert der Immunologe Michael Meyer-Hermann an die Bevölkerung, auch selbst mehr für die Senkung der Fallzahlen zu tun. Die Ergebnisse des Bund-Länder-Treffens seien, was die konkreten Maßnahmen angehe, "vielleicht etwas hinter den Erwartungen" zurückgeblieben. Er selbst habe darauf hingewiesen, dass man umdenken müsse und dass es nicht reiche, ein paar Verbesserungen zu machen. "Sondern dass es da sehr deutliche Maßnahmen geben muss, wenn man das Ruder jetzt noch rumreißen möchte. Denn wir befinden uns gerade in einem unkontrollierten Wachstum, das man ansonsten nicht mehr ausbremsen kann."

Als eine Maßnahme nannte er etwa, die Maskenpflicht ganz konsequent durchzuführen - und nicht erst aber einem Grenzwert von 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in sieben Tagen. "Wir könnten uns überlegen, ob es nicht möglich wäre, dass wir einfach aus dem Haus gehen und die Masken aufsetzen und damit unsere Umwelt schützen und uns selbst schützen. Dass es einfach eine Normalität, eine neue Kultur wird, mit der wir erstmal leben, damit wir dieses Virus aus unserer Gesellschaft soweit entfernen, dass wir wieder normal leben können." Das sei nicht passiert, auch seien keine wirklichen Einschränkungen der Reisetätigkeit beschlossen worden. "Ich glaube, dass man da deutlicher vorgehen müsste, damit man da eine Chance hat, das wirklich einzudämmen, was jetzt gerade passiert."

Zahl täglicher Kontakte reduzieren

Als "wahrscheinlich nicht sinnvoll" bezeichnete er, dass es derart unterschiedliche Maßnahmen in Deutschland gibt. "Ich glaube, die Bevölkerung braucht ein klares Signal. Und dieses klare Signal kann nicht sein, dass sich jetzt Ministerpräsidenten darüber streiten, ob das Beherbergungsverbot nun gut ist oder nicht. Und deswegen ja auch meine Aufforderung: Wenn sich die Ministerpräsidenten da nicht einigen können, dann muss die Bevölkerung das eben selber sehen, dass es notwendig ist, dass man hier wirklich aufpasst, und auf die Weise mehr tun als das, was in den Beschlüssen eigentlich drinsteht."

Er selbst hatte beim Corona-Gipfel von Bund und Ländern gesagt, es sei nicht fünf vor zwölf, sondern zwölf. Ob die Entwicklung zu diesem Zeitpunkt noch unter Kontrolle sei? "Das ist eben die Frage. Ich habe zwölf Uhr gesagt - fünf vor zwölf hieße, wir können davon ausgehen, wenn wir jetzt deutlich handeln, dass wir das Ruder noch rumreißen können. Zwölf Uhr heißt, wir wissen eigentlich nicht, auf welcher Seite wir runterfallen." Jeder für sich könne etwas tun, um die Fallzahlen zu senken. "Es gibt eine ganz einfache Regel: Jeder hat eine bestimmte Zahl von Kontakten pro Tag. Und wenn wir das auf etwas weniger als die Hälfte reduzieren, dann haben wir eine echte Chance, das zu bewältigen."

Meyer-Hermann ist Leiter der Abteilung System-Immunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Er hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten am Mittwoch in ihren stundenlangen Debatten beraten. Schon in den vergangenen Monaten hatte er vor den Gefahren der Corona-Pandemie gewarnt und sich für konsequente Einschränkungen ausgesprochen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 15. Oktober 2020 um 22:15 Uhr.