Kleine Hufeisennase

Wenn Tiere Bauprojekte behindern Kleine Tiere ganz groß

Stand: 13.07.2016 15:47 Uhr

Die Kleine Hufeisennase war vor der Waldschlösschenbrücke wohl nur dem ausgewiesenen Fledermausexperten ein Begriff. Der Bau der Elbquerung brachte sie groß raus. Jetzt ist der Fall wieder vor Gericht. Doch sie ist nicht das einzige Tier mit Baustopp-Potenzial.

Von Natalia Frumkina für tagesschau.de

Noch rollen Autos über die Waldschlösschenbrücke. Aber ob sie es auch in Zukunft dürfen? Und ob die Brücke überhaupt stehen bleibt? Darüber will das Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig nun voraussichtlich am Freitag entscheiden, nachdem es das für heute erwartete Urteil verschoben hat. Es geht um ein winziges Tier, das der großen Brücke endgültig zum Verhängnis werden kann - große Ohren, gekrümmte Nase, kurioser Name.

Die Kleine Hufeisennase, eine bedrohte Fledermausart, hatte schon während der Bauarbeiten von 2007 bis 2013 ihren großen Auftritt. Sie sorgte zunächst für Bauverzögerungen, dann für spezielle Schutzauflagen und zusätzliche Kosten. Und nicht zuletzt für eine Klage. Der Naturschutzverband Grüne Liga Sachsen klagte gegen den Planfeststellungsbeschluss für die Brücke, unter anderem wegen Verstößen gegen das Naturschutzrecht.

Machtwort vom EuGH

Das Bundesverwaltungsgericht ließ sich mit der Entscheidung Zeit. Zunächst sollte der Gerichtshof der Europäischen Union nämlich rechtliche Hilfestellung leisten und einige Klarheit in die Fauna-Flora-Habitatrichtlinie (FFH) bringen. Der sprach ein Machtwort: Das Bundesverwaltungsgericht muss bei der Entscheidung die FHH berücksichtigen, eine europäische Naturschutzrichtlinie, die Schutzgebiete und besonders schützenswerte Arten ausweist und dem Schutz der biologischen Vielfalt dient. Und die so manchen Bauherren schon zur Verzweiflung trieb.

Hamster nagt an Gewerbepark

Denn die Kleine Hufeisennase ist nicht der einzige Bauherrenschreck. Bundesweit weist die Richtlinie etwa 300 sogenannte "planungsrelevante Arten" aus, deren Belange bei Bauvorhaben berücksichtigt werden müssen. Zum Beispiel beim Ende des 1990er Jahre geplanten, grenzüberschreitenden deutsch-niederländische Gewerbeparks Avantis bei Aachen (Deutschland) und Heerlen (Niederlande). Wo heute Logistik- und Verwaltungszentralen verschiedener Unternehmen angesiedelt sind, hatte ursprünglich der Korenwolf (niederländisch), der eigentlich gar kein Wolf ist, sondern ein vom Aussterben bedrohter Feldhamster (deutsch), seine Fortpflanzungs- und Ruhestätten.

Der kleine Nager wurde zum Politikum: Die EU-Kommission rügte die Bundesrepublik wegen Verstoßes gegen die FFH. Letztendlich wurde das Verfahren eingestellt. Aber das Ansehen des Parks war geschädigt.

Bahnhofsgegner feiern Käfer

Auch beim Großbauprojekt "Stuttgart 21" gab es neben diversen Kritikern auf zwei Beinen auch Gegner aus Flora und Fauna. Da standen dem milliardenschweren Bahnhofsprojekt Bäume im Weg, die zu fällen für jeden Landschaftsgärtner eigentlich täglich Brot ist. Aber wenn darin der daumengroße Juchtenkäfer haust, wird daraus nichts. Der steht nämlich unter Artenschutz, mag es eher ruhig und zurückgezogen und darf deshalb nicht angetastet werden. Folge: Baustopp. Letztendlich durften die Käfer samt Bäumen bleiben - gebaut wird drumherum.

Kammmolch gegen Autobahn

Manchmal ziehen sogar kilometerlange Autobahnen gegen ein knapp 15 Zentimeter großes Tier den Kürzeren. So verhinderten Kammmolche die Fertigstellung eines Bauabschnitts der A44 bei Hessisch-Lichtenau. Statt zweier getrennter Tunnel wird nun ein zusammenhängender gebaut, um die Tiere nicht zu stören - die Kosten des Bauabschnitts erhöhten sich damit um 50 Millionen Euro.

Teurer wurde seinerzeit auch die Waldschlösschenbrücke. Mehr als 200.000 Euro kosteten die Schutzkorridore drumherum. Die Kleine Hufeisennase ließ sich übrigens seit der Fertigstellung der Brücke 2013 dort noch nicht blicken. Trotzdem könnten die Leipziger Richter im ungünstigsten Fall ein weiteres Verfahren erzwingen. Und das könnte im Zweifel dazu führen, dass die Brücke für den motorisierten Verkehr gesperrt werden muss.

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KOMMENTARE

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dr.bashir 13.07.2016 • 10:46 Uhr

Naturschutz vs. Brücke

Also jetzt die Brücke wieder abzureißen wäre sicherlich komplett albern, weil im Zweifelsfall die eventuell bereits verscheuchte Fledermaus davon nicht wiederkommt. Andererseits den Naturschutz davon abhängig zu machen, ob eine bedrohte Art besonders auffällig oder gar "süß" ist oder sie andererseits noch "niemand" gesehen hat, ist der komplett falsche Ansatz. Es ist geradezu normal, dass man Tiere, die kurz vor der Ausrottung stehen, selten sieht. Die "Wichtigkeit" einer Art für die Natur ergibt sich auch nicht aus der rein menschlichen Sicht. Nur weil die meisten von uns inzwischen keine Fledermaus, Trappe oder Molch mehr kennen können wir sie nicht vollends ausrotten. Oder wie wollen wir armen Ländern erklären, dass sie nicht die letzten Elefanten oder Tiger den wirtschaftlichen Interessen opfern sollen, wenn wir das Gleiche mit unseren Tieren machen?