Ein Mann versucht, die Schäden der vergangenen Nacht zu beseitigen. | RONALD WITTEK/EPA-EFE/Shuttersto

Ausschreitungen in Stuttgart "In 46 Dienstjahren nicht erlebt"

Stand: 21.06.2020 16:09 Uhr

19 verletzte Polizisten, zerstörte Fahrzeuge, geplünderte Geschäfte - das ist die Bilanz der Krawallnacht in Stuttgart. Die Polizeiführung zeigte sich schockiert über die Gewalt. Die Stimmung sei seit Wochen aggressiv.

Die Polizei hat bei einer Pressekonferenz nach den nächtlichen Ausschreitungen in Stuttgart erste Ermittlungsergebnisse öffentlich gemacht. Sowohl die Polizeiführung als auch Oberbürgermeister Fritz Kuhn zeigten sich sichtlich schockiert über die Ereignisse.

Nach Angaben der Polizei waren auf dem Höhepunkt der Ausschreitungen auf dem Schlossplatz 400 bis 500 Personen beteiligt. 24 Personen seien vorläufig festgenommen worden, sagte Polizeivizepräsident Thomas Berger. Zwölf davon haben laut Polizeiangaben eine deutsche, zwölf eine andere Staatsangehörigkeit.

19 Beamte seien verletzt worden - einer davon sei dienstunfähig, so Berger. Die Zahl könne sich noch erhöhen, da die Beamten im Einsatz sich oft erst später mit Verletzungen meldeten.

Neun geplünderte Geschäfte

Ausgangspunkt sei die Kontrolle eines 17-jährigen Deutschen im Schlossgarten wegen eines mutmaßlichen Drogendelikts gewesen. Sofort hätten sich 200 bis 300 Personen aus der "Party- und Eventszene" mit dem Jugendlichen solidarisiert und die Beamten mit Steinen und Flaschenwürfen angegriffen. Der Schlossgarten ist in den Sommermonaten ein beliebter Ort für Feiern.

Trotz eines "erheblichen Kräfteaufgebots" habe es die Polizei erst um 04:30 Uhr geschafft, die Situation unter Kontrolle zu bekommen, räumte Berger ein. Es seien insgesamt 280 Beamtinnen und Beamte vor Ort gewesen.

Die Liste der Sachbeschädigungen ist lang: In der Innenstadt seien 40 Geschäfte "angegangen" worden, neun davon seien in unterschiedlichem Ausmaß geplündert worden. Nach Polizeiangaben wurden zwölf Einsatzfahrzeuge beschädigt oder zerstört. Es sei bereits eine Ermittlungsgruppe eingesetzt worden.

Berger, der in der Nacht selbst vor Ort war, sprach von "Szenen, die es in Stuttgart noch nie gegeben habe".

Gewalt wird online inszeniert

Polizeipräsident Franz Lutz zeigte sich "fassungslos" über die "unglaublichen Geschehnisse" der Nacht. So etwas habe er in seinen 46 Dienstjahren als Polizist noch nicht erlebt.

Die Polizeiarbeit sei in den vergangenen Wochen nicht einfacher geworden. Bei Einsätzen sei es inzwischen häufig, dass Beamte aus einer Menschenmenge heraus verbal oder körperlich angegangen werden. Die Partyszene in Stuttgart sei seit ungefähr vier Wochen wieder aktiv. Neu sei eine Inszenierung in sozialen Medien. Das aggressive Verhalten gegen die Polizei werde dort dokumentiert und gefeiert.

Nach Angaben von Lutz wurde die Polizeipräsenz bereits in den vergangenen Wochen deutlich verstärkt. Mit einer Eskalation wie in der vergangenen Nacht habe er aber nicht gerechnet. In den kommenden Wochen werde man noch mehr Polizistinnen und Polizisten einsetzen, um solche Krawalle zu verhindern.

Die Ausschreitungen waren nach jetzigem Ermittlungsstand nicht politisch motiviert. "Wir können aus der momentanen Sicht der Dinge eine linkspolitische oder überhaupt eine politische Motivation für diese Gewalttaten ausschließen", machte Lutz deutlich.

"Ein trauriger Sonntag für Stuttgart"

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Stuttgarts Oberbürgermeister Kuhn verurteilten die gewaltsamen Ausschreitungen. Diese Taten "gegen Menschen und Sachen sind kriminelle Akte, die konsequent verfolgt und verurteilt gehören", teilte Kretschmann mit. "Unsere Gedanken sind bei den verletzten Polizeibeamten und den durch die Plünderungen Geschädigten." Es müsse "mit Hochdruck" geklärt werden, wer hinter den Gewalttaten stecke.

"Eines muss klar sein: Es darf keine rechtsfreien Räume in Stuttgart geben", teilte Kuhn auf Twitter mit. Das sei ein trauriger Sonntag für Stuttgart.

Sondersitzung des Landtags beantragt

Politiker wollen die Gewaltnacht zum Thema im Landtag machen. Innenminister Thomas Strobl (CDU) müsse dort ausführlich über die kriminelle Gewalt und seine Maßnahmen zum Schutz von Gesellschaft und Polizei berichten, forderte FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke. Auch der innenpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Uli Sckerl, sagte, es sei geboten, dass sich der Landtag mit einer Sondersitzung des Innenausschusses ein Bild von der Lage mache.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 21. Juni 2020 um 16:00 Uhr.