Ein Junge sitzt auf einem Ball und hält sich die Hände vor das Gesicht | Bildquelle: Alliance

Paritätischer Gesamtverband "Arme Kinder werden ärmer"

Stand: 01.08.2019 16:18 Uhr

Ein Kinobesuch oder mal ein Eis - arme Familien können sich solche Extras immer seltener leisten. Damit werden ihre Kinder zunehmend ausgegrenzt, sagt eine neue Studie. Der Paritätische Gesamtverband fordert eine Kindergrundsicherung.

Arme Familien müssen haushalten und können kaum Geld für gelegentliche Extras aufbringen. Deshalb warnt der Paritätische Wohlfahrtsverband davor, dass arme Kinder in ihrem sozialen Umfeld ausgeschlossen werden. Ein gleichberechtigtes Aufwachsen sei für Kinder in Haushalten mit wenig Einkommen nicht möglich, sagte Andreas Aust von der Paritätischen Forschungsstelle. Anlass ist eine neue Studie zur Einkommensungleichheit von Familien.

So habe der Konsum bei Familien über einen Zeitraum von zehn Jahren zwar durchschnittlich moderat und beim obersten Zehntel sogar spürbar zugenommen. Arme Familien dagegen hätten aber real weniger Geld zur Verfügung gehabt, um ihren Kindern Freizeitaktivitäten zu finanzieren. "Arme Kinder werden ärmer und immer weiter abgehängt", sagte der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, Ulrich Schneider.

Eine Frau geht mit einem Kind an der Hand zwischen zwei Autos entlang | Bildquelle: dpa
galerie

Die ärmsten Haushalte mit einem Kind haben gerade mal 44 Euro im Monat für Freizeitgestaltung zur Verfügung.

364 Euro gegen 1200 Euro im Monat

Durchschnittlich gibt eine Familie für ein Kind rund 600 Euro pro Monat aus, so die Studie. Die ärmsten zehn Prozent der Haushalte mit einem Kind konnten aber nur 364 Euro für ihr Kind zusammenkratzen. Die reichsten zehn Prozent der Familien zahlten hingegen für ihr Kind im Schnitt 1200 Euro im Monat.

Besonders eklatant seien die Unterschiede bei den Ausgaben für Freizeit, Unterhaltung und Kultur. Dafür hatten die ärmsten Haushalte mit einem Kind gerade einmal 44 Euro pro Monat zur Verfügung, was preisbereinigt fast 30 Prozent weniger war als zehn Jahre zuvor. Bei der durchschnittlichen Familie waren es 123 Euro, bei der reichsten 257 Euro.

Frust, Resignation und Krankheit

"Das Gefühl, nicht dazu zu gehören, ausgegrenzt zu sein und abseits stehen zu müssen, ist das Lebensgefühl armer Kinder in Deutschland", sagte Schneider. Denn die Standards, wer dazugehört, würden in der Mitte gesetzt. Frust, Resignation, weniger Bildungserfolg und höhere Krankheitsanfälligkeit seien deshalb sehr häufig die Folgen der Armut.

Dabei seien die Probleme durch die Sozial- und Familienpolitik der vergangenen 15 Jahre "hausgemacht", meint Schneider. Die Bestverdienenden seien unter anderem mit dem steuerlichen Kinderfreibetrag und die Mitte sei mit dem Kindergeld bessergestellt worden - während Kinder von Hartz-IV-Empfängern die Verlierer seien. Sie gingen beispielsweise bei Kindergelderhöhungen regelmäßig leer aus.

Grundlage der Studie sind Daten des Statistischen Bundesamtes, die alle fünf Jahre bei bis zu 60.000 Haushalten erhoben werden. Untersucht wurde der Zeitraum zwischen 2003 und 2013. Die Situation bei den Einkommen zwischen 2013 und 2016 habe sich aber eher noch verschlechtert und die Schere habe sich noch weiter geöffnet, heißt es.

Der Paritätische Gesamtverband fordert eine einkommens- und bedarfsorientierte Kindergrundsicherung. Auch müsse es einen Rechtsanspruch auf Teilhabe im Kinder- und Jugendgesetz geben.

Verbesserungen beim Bildungs- und Teilhabepaket

2011 hatte die damalige Bundesregierung ein "Bildungs- und Teilhabepaket" auf den Weg gebracht, um die Situation von Kindern aus armen Familien zu verbessern. Dieses Paket wurde nun nachgebessert. Seit dem 1. August werden höhere Leistungen gewährt. So gibt es unter anderem für Kinder in Hartz-IV-Familien und Geringverdiener-Haushalten statt 100 Euro nun 150 Euro pro Schuljahr - unter anderem für Schulranzen, Hefte oder Lernsoftware. Die Zuschüsse für den Sportverein oder die Musikschule steigen, Mittagessen in der Schule und Fahrkarten für Bus oder Bahn sind für Betroffene kostenlos. Wer Wohngeld oder Kinderzuschlag bezieht, ist von Kita-Gebühren befreit.

Schneider bezeichnete das als "Flop". Er bemängelte, dass es ein Zuschusspaket sei, mehr nicht. Die Familien müssten weiterhin zuzahlen, wozu die Ärmsten nicht in der Lage seien. Nötig seien mehr Gratisangebote.

Kommentar über Studie zu armen Kindern: Beleg für verfehlte Sozialpolitik
Julio Segador, BR
01.08.2019 16:55 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 01. August 2019 um 15:06 Uhr und 16:05 Uhr.

Darstellung: