Bundespräsident Steinmeier | Bildquelle: HAYOUNG JEON/EPA-EFE/REX/Shutter

Verfolgte Homosexuelle "Auch Ihre Würde ist unantastbar"

Stand: 03.06.2018 11:54 Uhr

Im Nationalsozialismus, aber auch noch Jahre nach Kriegsende wurden Männer und Frauen in Deutschland wegen ihrer Homosexualität verfolgt, inhaftiert und getötet. Dafür bat Bundespräsident Steinmeier nun um Vergebung.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die bis in die 1960er-Jahre hinein verfolgten Homosexuellen um Vergebung gebeten. Bei einem Festakt in Berlin zum zehnjährigen Bestehen des Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen sagte Steinmeier, der deutsche Staat habe "all diesen Menschen schweres Leid zugefügt. Vor allen Dingen unter den Nationalsozialisten, aber auch danach noch."

In der Zeit des Nationalsozialismus seien Privatheit, Leben, Liebe und Würde Zehntausender Homosexueller "auf niederträchtigste Weise angetastet, geleugnet und verletzt" worden, sagte Steinmeier laut Redetext. "Ihre Existenzen wurden vernichtet. Man hat sie gefoltert, in Zuchthäuser und in Konzentrationslager geschickt. Tausende dieser Männer kamen ums Leben."

alt  Blumen liegen am Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen. | Bildquelle: dpa

Denkmal für die verfolgten Homosexuellen

Das zentrale Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen im Berliner Tiergarten wurde am 27. Mai 2008 eingeweiht. Der schräg stehende graue Kubus erinnert an die rund Beton-Stelen des gegenüber liegenden Holocaust-Mahnmals. Durch ein Fenster, das in eine Ecke des Kubus eingeschnitten ist, sieht der Betrachter ein Kurzvideo in Endlosschleife, das Kuss-Szenen zeigt. Die Filme werden alle paar Jahre gewechselt.
Schätzungen zufolge wurden in der NS-Zeit rund 54.000 Homosexuelle verurteilt. Etwa 7000 von ihnen, darunter mehrheitlich schwule Männer, kamen in Konzentrationslagern aufgrund von Hunger oder Krankheiten, durch Misshandlungen oder gezielte Mordaktionen um. Der in der NS-Zeit verschärfte Homosexuellen-Paragraf 175 wurde in der Bundesrepublik erst 1969 reformiert und damit Homosexualität unter Erwachsenen straffrei. Endgültig aufgehoben wurde der Paragraf 175 aber erst 25 Jahre später.

"Wir sind spät dran"

Zum Gedenken an die Verfolgung von Homosexuellen müsse aber auch die Zeit nach 1945 gehören, so Steinmeier. Er erinnerte daran, dass Schwule und Lesben auch in der Bundesrepublik und der DDR verfolgt wurden. Mehr als 20 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik seien Zehntausende Männer nach dem Paragrafen 175 verhaftet, verurteilt und eingesperrt worden. Sie hätten sich weiter verstecken müssen, wurden weiterhin bloßgestellt und hätten ihre wirtschaftliche Existenz riskiert.

Für alle, deren Sexualität schon vor 1945 als eine Straftat galt, sei das Kriegsende am 8. Mai 1945 "nicht wirklich ein Tag der Befreiung gewesen", so Steinmeier. "Die neue freiheitliche Ordnung in unserem Land, sie blieb über viele Jahre sehr unvollkommen. Die Würde dieser Männer, sie blieb antastbar. Zu lange hat es gedauert, bis auch ihre Würde etwas gezählt hat in Deutschland."

Sich zu korrigieren, sich ehrlich an die Geschichte zu erinnern und sich nötigenfalls auch zu entschuldigen, wenn Unrecht geschehen ist, das gehöre zu den Stärken der Demokratie, sagte Steinmeier weiter.

"Ihr Land hat Sie zu lange warten lassen. Wir sind spät dran."

Deshalb bitte er um Vergebung "für all das geschehene Leid und Unrecht und für das lange Schweigen, das darauf folgte".

"Auch Sie stehen unter dem Schutz unseres Staates"

Der Bundespräsident setzte auch ein Zeichen für die Gegenwart. Deutschland habe dazugelernt. Vor allem die Engagierten und politisch Bewegten könnten stolz auf das Erreichte sein.

"Allen Schwulen, Lesben und Bisexuellen, allen Queers, Trans- und Intersexuellen in unserem Land, Ihnen allen rufe ich heute zu: Auch Ihre sexuelle Orientierung, auch Ihre sexuelle Identität stehen selbstverständlich unter dem Schutz unseres Staates. Auch Ihre Würde ist so selbstverständlich unantastbar, wie sie es schon ganz am Anfang hätte sein sollen."

Jedoch dürfe sich niemand zufrieden zurücklehnen, wenn etwa homophobe Beleidigungen heute wie selbstverständlich auf dem Schulhof zu hören seien. Es bleibe daher wichtig, immer wieder an die Gedenkorte zu kommen, zu erinnern und die eigene Verantwortung für das Heute zu erkennen.

Bundespräsident Steinmeier bittet Homosexuelle um Vergebung
tagesthemen 22:45 Uhr, 03.06.2018, Viktoria Kleber, RBB

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. Juni 2018 um 13:15 Uhr.

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