Kind sitzt in dunkler Ecke eines Flures | dpa

Gewalt gegen Kinder nimmt zu Polizeiarbeit vor dem Kollaps

Stand: 26.05.2021 15:04 Uhr

Mehr Misshandlungen, mehr sexuelle Gewalt im Netz, mehr Todesfälle: Die Gewalt gegen Kinder hat 2020 laut Kriminalstatistik deutlich zugenommen. Die Ermittler kommen mit ihrer Arbeit kaum noch hinterher.

Von Angela Ulrich, ARD-Hauptstadtstudio

Es ist ein Alarmruf nach dem nächsten. Johannes-Wilhelm Rörig, der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, wirkt auch nach zehn Jahren Amtszeit noch angefasst: "Hinter diesen Zahlen der polizeilichen Kriminalstatistik, da steht zehntausendfaches Leid von betroffenen Kindern und Jugendlichen. Unbeschreiblicher Schmerz, Ohnmacht, Ekel und Angst." Gemeinsam mit Holger Münch, dem Präsidenten des Bundeskriminalamts (BKA), hat Rörig gerade vorgetragen, wie sehr Kinder und Jugendliche unter sexualisierter Gewalt leiden.

Angela Ulrich ARD-Hauptstadtstudio

"Im Netz keine rechtsfreien Räume bieten"

Rund 150 Kinder sind im vergangenen Jahr gestorben. Es gibt mehr als 14.000 Missbrauchsdelikte. Vor allem Kinderpornografie im Netz hat schlagartig zugenommen - um mehr als die Hälfte. Auch, weil vor allem aus den USA mehr Daten geliefert wurden. Das helfe, um das weiter riesige sogenannte Dunkelfeld besser auszuleuchten, sei aber auch ein Problem, warnt Rörig: "Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Netz scheint uns wirklich zu entgleiten. Expertinnen und Experten sagen mir: Rörig, es ist eigentlich schon 5 nach 12 mit Blick auf die Dimension."

Die Landeskriminalämter können selbst den gemeldeten Fällen kaum noch nachkommen, sagt der Missbrauchsbeauftragte. "Es scheint so zu sein, dass wir in diesem Feld wirklich einen Kipppunkt erreicht haben. Polizeiliche Ermittlung darf nicht kollabieren. Wir dürfen den Missbrauchstätern im Netz keine rechtsfreien Räume bieten." Rörig fordert mehr Entschlossenheit, mehr Plan, und vor allem mehr Personal bei der Strafverfolgung: "Das Internet darf nicht weiterhin ein Paradies für Pädokriminelle bleiben."

Corona-Krise als Treiber?

Hat Corona dazu beigetragen, dass die Fallzahlen so hochgegangen sind, der Lockdown, die Enge? BKA-Präsident Münch ist vorsichtig. Das sei noch nicht belegbar. Aber die Pandemie sei eine Ausnahmesituation für Familien. "Die räumliche Beengtheit, Existenzängste, familiäre Spannungen, können dazu beitragen, dass sich Gewalt stärker entlädt, und wenn dann Täter und Opfer kontinuierlich daheim sind, besteht auch für Kinder nur sehr eingeschränkt die Möglichkeit, auf Gewalterfahrung aufmerksam zu machen."

Eine besser aufgestellte Cyberpolizei fordert der Missbrauchsbeauftragte Rörig, mit Online-Wachen direkt im Internet, so dass sich die Polizei dort befindet, wo Kinder und Jugendliche tatsächlich belästigt werden. "Am Ende müssen wir aber alle gemeinsam wachsam sein", sagt BKA-Präsident Münch. Denn die meisten Fälle von Kindesmissbrauch finden in privater Umgebung statt, in der Familie, im Netz. Daher appelliert der Kriminalsamtschef: "Sensibilisieren Sie die Kinder für mögliche Gefahren. Leiten Sie sie zu einem sicherheitsbewussten Umgang mit dem Internet, mit den Sozialen Medien an. Jeder einzelne ist von uns dabei gefordert."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. Mai 2021 um 15:00 Uhr.