Schulz | Bildquelle: AFP

Neuer SPD-Chef Schulz Die 100-Prozent-Blackbox

Stand: 19.03.2017 19:38 Uhr

100 Prozent für den neuen SPD-Chef. Mehr Schulz geht nicht. Inhaltlich bleibt die neue Nummer 1 eine Blackbox. Im ARD-Interview setzt er auf Zeit - bis zum Programmparteitag im Juni. Bis dahin berauscht sich die SPD an Schulz und ihrer Wiederauferstehung.

Von Wenke Börnsen, tagesschau.de

"Mister Europa" war gestern, jetzt ist er "Mister 100 Prozent": Ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl setzt die SPD ganz auf Martin Schulz. 100 Prozent der gültigen Stimmen für den ehemaligen EU-Parlamentschef beim SPD-Sonderparteitag. Historisch. Aus den Boxen dröhnt der Coldplay-Hit "Viva La Vida". Es ist der vorläufige Höhepunkt des Schulz-Hypes. "Ich glaube, dass dieses Ergebnis der Auftakt zur Eroberung des Kanzleramts ist", ruft Schulz unter dem Jubel der Parteimitglieder. Der 61-Jährige will mit der SPD zurück an die Macht. Kanzleramt oder nichts.

Tina Hassel @TinaHassel
100% Stimmung für neuen Vorsitzenden #Schulz! Mehr als Kurt Schumacher und #Brandt Riesige Hoffnungen, wie verzweifelt müsste #SPD sein

Inhalte? Später

Doch für was steht die Schulz-SPD? In der ARD-Sendung Farbe bekennen stellt sich der frischgewählte Parteichef am Abend den Fragen von Hauptstadtstudio-Leiterin Tina Hassel und ARD-Chefredakteur Rainald Becker. Danach ist mehr oder weniger klar: Schulz bleibt inhaltlich eine Blackbox. Die SPD nehme sich Zeit für Lösungsvorschläge für komplexe Themen, sagt Schulz und lässt sich auch nach mehreren Nachfragen nicht auf konkrete Aussagen etwa in der Renten- und Steuerpolitik ein. Nur so viel: An Konzepten werde gearbeitet. Mehr dann auf dem Programmparteitag Mitte Juni in Dortmund.

Der Kommentar: Rainald Becker, SWR, zur Schulz-Wahl
tagesthemen 22:45 Uhr, 19.03.2017

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Er attestiert der deutschen Gesellschaft ein Gerechtigkeitsdefizit, die soziale Ungleichheit rede er nicht herbei. "Die erfinde ich nicht. Sie ist da." Will die SPD eine Vermögenssteuer? Schulz vermeidet eine Antwort.

Deutlicher wird Schulz bei außenpolitischen Themen, etwa dem Konflikt mit der Türkei. Die aktuellen Beleidigungen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip gegen Kanzlerin Merkel seien eine "Frechheit" und eines Staatsoberhauptes unwürdig.

Farbe bekennen: Martin Schulz im Interview
ARD-Sondersendung 18:30 Uhr, 19.03.2017

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Die große Schulz-Show

Die SPD scheint sich nicht an der "Blackbox Schulz" zu stören. Seine Krönungsmesse am Nachmittag gerät zur berauschenden Multimedia-Party in der hippen "Arena" an der Spree. Selbst der Abschied von Sigmar Gabriel wird feierlich zelebriert. Gabriel selbst sorgt dafür, dass dies der " fröhlichste und optimistische Übergang" zu einem neuen Parteivorsitz wurde, den die SPD in den vergangenen Jahrzehnten erlebt hat. Dass seine Abschiedsrede Überlänge hat und zudem programmatischer ist als die Bewerbungsrede, die Schulz später hielt - geschenkt.

Schulz kann Show. "Die SPD ist wieder da, wir sind wieder da", ruft er gleich zu Beginn seiner gut einstündigen Rede den begeisterten Delegierten zu. Es wird eine Bewerbungsrede wie aus dem Lehrbuch. Ein kurzer Rückblick auf seine Biografie, die so sehr einen typischen sozialdemokratischen Lebenslauf verkörpert. Von ganz unten nach oben - bis zum Amt des EU-Parlamentschefs. Von Würselen über Brüssel nach Berlin. "Und jetzt stehe ich hier vor euch", sagt Schulz - ganz so, als sei auch er noch immer erstaunt über seinen Werdegang.

Schulz und Gabriel beim SPD-Parteitag | Bildquelle: AP
galerie

Der Neue und der Alte: Schulz und Gabriel Seit an Seit.

Next Exit: Kanzleramt

Schulz führt die SPD auch als Spitzenkandidat in den Bundestagswahlkampf. Und, geht es nach den Sozialdemokraten, auch ins Kanzleramt. Politische Inhalte bleibt Schulz auch hier schuldig. Kommt alles später. Bis dahin müssen Schlagworte reichen. Gerechtigkeit. Respekt. Würde. Es gibt nur eine direkte Attacke auf CDU und CSU, deren Steuerpolitik er angreift. Und die einzige konkrete inhaltliche Ankündigung bezieht sich auf die Familienpolitik, eine geförderte Familienarbeitszeit will die SPD durchsetzen. Die SPD müsse das Leben der Menschen "jeden Tag ein klein bisschen besser" machen. Dann gewinne sie das Vertrauen zurück - und auch die Bundestagswahl. So viel Machtwillen gab es in der SPD lange nicht. Das wäre wohl auch lächerlich erschienen, da unten im 20-Prozent-Keller.

Schulz neuer SPD-Chef
tagesthemen 22:45 Uhr, 19.03.2017, Ulla Fiebig, ARD Berlin

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Aber jetzt ist Schulz, und die SPD feiert ihre Wiederauferstehung. Umfragen sehen die Sozialdemokraten derzeit auf Augenhöhe mit der zunehmend nervöseren Merkel-Union. Der Wahlkampf ist plötzlich wieder spannend geworden.

Doch wie lange hält der Schulz-Hype? Bislang bewegt der 61-Jährige nur Umfragen. Die Saarland-Wahl am 26. März ist Schulz' erste Bewährungsprobe. Ein Sieg der SPD-Kandidatin Anke Rehlinger gegen die Merkel-Vertraute und Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer dürfte der Schulz-SPD weiter Auftrieb geben. Gewonnen aber ist noch nichts.

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Die Kanzlerkandidaten der SPD

Kurt Schumacher (SPD)

Bei der Wahl zum ersten Bundestag 1949 trat die SPD mit Kurt Schumacher an der Spitze an. Er hatte den Wiederaufbau der SPD nach 1945 maßgeblich mitgestaltet. Während der Zeit des Nationalsozialismus war er viele Jahre als politischer Häftling in Konzentrationslagern eingesperrt. Mit Schumacher erreichte die Partei 29,2 Prozent und landete knapp hinter der Union auf Platz zwei, die 31 Prozent erzielte. Das Bild zeigt Schumacher Ende 1946 in einem Londoner Hotel.

Über dieses Thema berichtete die Sendung "Farbe bekennen" auf ARD am 19. März 2017 um 18:30 Uhr.

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