In Schuld (Kreis Ahrweiler) stapeln sich die Trümmerteile. | AFP

Nach der Flutkatastrophe Schweigemoment und Seuchengefahr

Stand: 29.07.2021 12:55 Uhr

Mit Glockenschlägen und zehn Minuten Schweigen haben die Menschen im Kreis Ahrweiler der Opfer der Hochwasserkatastrophe gedacht. Amtsärzte warnen vor Versorgungsmängeln und Seuchengefahr.

Für die Opfer und Betroffenen der Flut hat es einen zehnminütigen Schweigemoment im Kreis Ahrweiler in Rheinland-Pfalz gegeben. Landrat Jürgen Pföhler hatte alle Bürgerinnen und Bürger des Kreises gebeten, am Abend um 19.50 Uhr innezuhalten und der Opfer der Katastrophe zu gedenken. Die Kirchen wurden gebeten, den Gedenkmoment mit einem Läuten der Kirchenglocken zu begleiten.

Das Hochwasser vom 14. Juli hatte das Ahrtal besonders schlimm getroffen. Mindestens 134 Menschen starben, 73 gelten noch als vermisst.

Gesundheit der Bevölkerung "massiv bedroht"

Auch zwei Wochen nach den verheerenden Fluten in Rheinland-Pfalz kritisieren Amtsärzte erhebliche Mängel in der medizinischen Grundversorgung in den Hochwassergebieten.

Die Situation sei "nach wie vor erschreckend" und in den betroffenen Regionen herrsche Seuchengefahr, sagte die Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes, Ute Teichert, den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Die Gesundheit der Bevölkerung in den Katastrophengebieten sei "massiv bedroht, weil die Infrastruktur nicht funktioniert". Unter anderem seien in einigen Orten Krankenhäuser und Praxen zerstört worden.

Teichert, die bis 2012 das Gesundheitsamt im flutbetroffenen Landkreis Ahrweiler leitete, erklärte, dass viele Menschen ohne dringend benötigte Medikamente auskommen müssten. Das sei besonders für Menschen mit Krankheiten wie Diabetes oder Herzleiden ein großes Problem, hieß es in dem Zeitungsbericht. Nun sei es wichtig, mobile Arzteinheiten zu organisieren und in die Orte zu bringen.

"Reichsbürger" und "Querdenker" behindern Hilfsarbeiten

Auch die Bundespolizei übermittelte der Regierung einen alarmierenden Bericht zur Lage in den Hochwassergebieten in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Laut einem Bericht der "Bild"-Zeitung wird darin die "Versorgung der Bevölkerung insgesamt als problematisch" bewertet. Viele Betroffene seien "stark traumatisiert" und "die Akzeptanz gegenüber den Einsatzkräften sinkt stetig".

In Rheinland-Pfalz behindern dem Bericht zufolge, "Reichsbürger in polizeiähnlicher Uniform" die Hilfsarbeiten, wie die "Bild"-Zeitung zitiert. Die Leute versuchten demnach "Einsatzkräften Platzverweise zu erteilen" - und so die Aufräumarbeiten zu behindern.

Zuvor hatte es bereits Berichte gegeben, wonach in den Katastrophengebieten Helferinnen und Helfer beschimpft oder mit Müll beworfen wurden, unter anderem von sogenannten Querdenkern.

Mehr als 30 Schulen im Kreis beschädigt

Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig traf sich in Burgbrohl im Kreis Ahrweiler mit Schulleitern, um einen ersten Eindruck von den Schäden zu bekommen. Demnach seien mehr als 30 Schulen von den Unwettern beschädigt worden. "17 davon sind so schwer betroffen, dass wir nicht davon ausgehen, dass sie bis zum Anfang des neuen Schuljahres wieder starten können", sagte Hubig bei tagesschau24. "Insgesamt gehen wir von einem Schaden im dreistelligen Millionenbereich aus."

Nun müsse unter anderem mit Schulträgern, Schulaufsicht sowie dem Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung geschaut werden, wie es nach den Sommerferien weitergehen könne, sagte Hubig. Der derzeitige Plan sei, dass Klassen der zerstörten Schulen übergangsweise auf andere Schulen in benachbarten Orten gehen können.

Neben dem Wiederaufbau von Schulgebäuden müsse man sich auch um Schüler und Lehrer kümmern, die das Erlebte verarbeiten müssten, betonte Hubig. Der Schulstart nach den Ferien werde daher begleitet von schulpsychologischen Angeboten. Die Sommerferien enden dieses Jahr in Rheinland-Pfalz am 27. August.

Brücke des THW in Bad Neuenahr-Ahrweiler fast fertig

Die neue Behelfsbrücke des Technischen Hilfswerks (THW) im stark von der Flut betroffenen Bad Neuenahr-Ahrweiler ist inzwischen fast fertig: Im Laufe des Tages sollte die über die Ahr gebaute Stahlkonstruktion die andere Uferseite erreichen, sagte ein Sprecher vom THW. Voraussichtlich am Samstag werde die 52 Meter lange Brücke eröffnet. Nach Asphaltarbeiten an beiden Seiten für die Zufahrten könne die Brücke dann wohl ab Anfang nächster Woche befahrbar sein.

Die zweispurige Brücke wird nach Angaben des THW auch für den Schwerverkehr geeignet sein. Sie ist seit vergangenem Wochenende im Bau und nach Angaben des Sprechers die größte Brücke, die das THW bislang in Deutschland gebaut hat. Wenn sie fertig ist, werde sie ein Gewicht von 150 Tonnen haben. Die geplante Standzeit betrage vier Jahre.

Bei der Hochwasserkatastrophe am 14./15. Juli waren im Ahrtal mehr als 60 Brücken zerstört worden. In Bad Neuenahr-Ahrweiler sei nur eine Brücke intakt geblieben, sagte der Sprecher. Die neue THW-Brücke wurde in Bad Neuenahr-Ahrweiler dort gebaut, wo vorher die Landgrafenbrücke gestanden hatte. Nach Angaben des Sprechers sind derzeit fünf weitere Brücken des THW im Ahrtal geplant: Drei Fußgängerbrücken mit einer Länge von je 40 Metern und zwei weitere Fahrbrücken à je 50 Meter.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 29. Juli 2021 um 09:00 Uhr sowie Deutschlandfunk um 08:00 Uhr.