Wieler bei der RKI-Pressekonferenz | dpa

RKI zu Corona-Ausbreitung "An Regeln halten, Erfolg verteidigen"

Stand: 28.04.2020 11:18 Uhr

Deutschland kommt verhältnismäßig gut durch die Corona-Pandemie. RKI-Chef Wieler mahnt dennoch, sich weiter an Regeln zu halten. Beim R-Wert ist er skeptisch, eine kontrollierte Herdenimmunität nannte er "gefährlich".

Der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, hat an die Bevölkerung appelliert, sich weiter an die gültigen Regeln zu halten. Es sei "keine leichte Zeit", sagte er bei seinem Presse-Briefing. Dennoch gelte es nun, den bisherigen "Erfolg zu verteidigen". Dafür sei es nötig, weiter zuhause zu bleiben, Abstand zu halten und die Maskenpflicht zu befolgen.

Die Gesamtzahl der Infektionen in Deutschland war bis gestern um 1144 auf 156.337 gestiegen, wie das RKI mitteilte. Die Zahl der Covid-19-Todesfälle stieg um 163 Menschen auf 5913 Tote.

"R - nur eine Messzahl von vielen"

Deutschland habe die Ausbreitung anders als andere Länder bisher sehr erfolgreich in Schach halten können. Wieler sagte, dass die Reproduktionszahl derzeit bei 0,96 liege - ein Infizierter steckt damit im Mittel einen weiteren Menschen an. Dabei gebe es allerdings große regionale Unterschiede, sagte Wieler. In einigen Teilen des Landes liege der Wert über 1, in anderen darunter. Deshalb warnte Wieler davor, die Aussagekraft des Wertes zu überschätzen. "R ist nur eine Messzahl von vielen."

Das RKI hat immer wieder betont, um die Epidemie abflauen zu lassen, müsse diese Reproduktionszahl unter 1 liegen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte im Zuge der Ankündigung erster Lockerungen der Schutzauflagen deutlich gemacht, dass schon vermeintlich kleine Änderungen der Reproduktionszahl erhebliche Folgen haben können.

Herdenimmunität "gefährlich und naiv"

Wieler äußerte sich auch zu Plänen für eine kontrollierte Herdenimmunität. Er können die Debatte nicht nachvollziehen - entsprechende Forderungen nannte er "gefährlich" und "naiv". Aus seiner Sicht könne man eine Politik mit dem Ziel einer kontrollierten Herdenimmunität "nicht riskieren".

Welche Rolle Kinder bei der Verbreitung des Coronavirus spielen, ist laut Wieler unsicher. Klar sei, dass auch sie sich infizieren könnten. Der Verlauf der Krankheit sei jedoch meist mild. Dass sie eine stark zu einer Verbreitung des Virus beitragen, sei "eher unwahrscheinlich". Ob Kitas deshalb wieder geöffnet werden könnten, müsse die Politik entscheiden.

Corona-Opfer waren im Durchschnitt 81 Jahre

Die Anzahl der neu übermittelten Todesfälle sei weiterhin hoch, die Sterberate liege nach der Statistik erfasster Fälle inzwischen bei 3,8 Prozent, sagte Wieler. Im Durchschnitt seien die Verstorbenen 81 Jahre alt. Weiterhin gebe es viele Ausbrüche in Alters- und Pflegeheimen. Die Kapazitäten in den Krankenhäusern seien nach wie vor groß. Es seien keine Engpässe bei Intensivbetten absehbar.

Die Gesundheitsämter in Deutschland sind nach Angaben von RKI-Präsident Lothar Wieler derzeit in der Lage, rund 1000 Neuinfektionen pro Tag zurückzuverfolgen. Dies sei letztlich der entscheidende Faktor, um die Epidemie einzudämmen. Allerdings sei die Leistungsfähigkeit der Behörden hier regional sehr unterschiedlich. "Wir müssen die Gesundheitsämter massiv stärken", fordert Wieler daher.

Nowcast als Hilfe bei Vorhersagen

Bei der Vorhersage des weiteren Verlaufs helfe dem RKI auch das sogenannte Nowcast-Verfahren. Dabei handle es sich um ein international anerkanntes Verfahren. Nowcast sei eine Methode, die die Realität besser abbilde. Dabei würde rückwirkend berechnet, wann sich Personen angesteckt haben. So seien Informationen über die Dunkelziffer möglich. Seit dem 15. April seien die Ergebnisse regelmäßig veröffentlicht worden.